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Helpsen Darum fürchtet Hinrich Gottschalk aus Kirchhorsten um seinen Wald
Schaumburg Nienstädt Helpsen Darum fürchtet Hinrich Gottschalk aus Kirchhorsten um seinen Wald
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12:22 14.11.2019
Hinrich Gottschalk aus Kirchhorsten geht es gut, aber die Buche in seinem Wald leidet: Sie gehört zu denen, die demnächst fallen müssen. Quelle: Arne Boecker
Kirchhorsten

Der Patient liegt ungefähr in der Mitte zwischen Kirchhorsten, Meinefeld und Sülbeck, umzingelt von Feldern. Zehn Hektar misst er, auf denen 14 Fußballfelder Platz hätten. Am leichtesten erreicht man ihn über die Wittenfeldstraße, die Kirchhorsten mit Meinefeld verbindet.

Aus der Ferne wirkt der Patient der recht proper. Hinrich Gottschalk erkennt seine Wunden und Schrammen jedoch auf den ersten Blick. „Alles braun!“, sagt er und zeigt nach links. Dann wandert sein Zeigefinger in die Mitte: „Hier auch!“, schließlich deutet er nach rechts: „Nicht zu retten, keine Chance.“

Mit dem Waldstück ist kaum noch Geld zu verdienen

Der Patient ist ein Wald oder besser: ein Wäldchen. Es gehört dem Landwirt Hinrich Gottschalk, vorher hat es seinem Vater gehört, und davor hat es dessen Vater gehört. Früher zählten die Bäume zu Gottschalks Land-Wirtschaft, heute ist mit ihnen kaum noch Geld zu verdienen.

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„Aber es ist wie immer bei uns Bauern“, sagt Gottschalk, „Boden ist heilig, egal ob Gerste und Weizen oder Buchen und Fichten drauf wachsen.“ Der Kleinbauer aus Kirchhorsten hat mächtig damit zu kämpfen, dass monatelang Trockenheit herrschte, bevor sich der Borkenkäfer durch seinen Besitz fraß.

Früher ein Wald, heute ein Wäldchen

Schon im 17. Jahrhundert gehörte das Land den Gottschalks, so weit reichen die Dokumente zurück. „Damals stand dort natürlich ein Wald und kein Wäldchen“, sagt Hinrich Gottschalk. 1896 wurde sein Großvater geboren. Der ließ in den dreißiger Jahren, als sogar noch gegenüber der heutigen Stadthäger Festhalle Wald wucherte, Eichen und Buchen fällen, um in einer Erbangelegenheit seine Geschwister abzufinden. An ihrer Stelle ließ er Pappeln pflanzen, die damals hoch im Kurs standen; Holzschuhe und Streichhölzer fertigte man aus dem Holz.

Mein Großvater war der Meinung, dass der Wald die Sparkasse des Bauern ist.

Hinrich Gottschalk , Landwirt

Hinrich Gottschalk, der heutige Herr über Hof, Wald und Feld, ist 1966 zur Welt gekommen. Er kann sich daran erinnern, dass in seiner Kindheit Großvater und Vater die Frage diskutierten: Soll der Wald weg? „Der Großvater war dagegen, der Vater dafür.“ Schließlich setzte sich der Ältere durch.

„Er war der Meinung, dass der Wald die Sparkasse des Bauern ist“, sagt Hinrich Gottschalk. Also wurde der Wald nicht „umgedreht“, auch weil man mit der damaliger Technik die Fläche nicht „ackerfähig“ machen konnte. „Das ist auch an anderen Stellen in Schaumburg so gewesen“, erklärt Gottschalk, „deswegen konnten sich so viele Wald-Inseln in der Landschaft halten.“

Orkan richtet den Wald 1962 übel zu

Im Februar 1962 griff dann die Natur in die Gottschalk‘sche Waldwirtschaft ein. Der Orkan „Vincinette“, der halb Hamburg unter Wasser setzte, wirbelte auch den Wald in Kirchhorsten durcheinander. In der Küche der Gottschalks hängt ein Schwarzweiß-Foto, das das Bäume-Mikado zeigt.

Danach verabschiedeten sich die Gottschalks von der Fichte und bauten einen Mischwald aus Eichen, Buchen, Erlen und Eschen, dazu Fichten. „Was man heute sehen kann, ist also etwa so alt wie ich“, sagt Hinrich Gottschalk.

Wegen Borkenkäfern: 2000 Quadratmeter müssen gefällt werden

„Die nähere Zukunft des Waldes hat der Borkenkäfer für mich geplant“, meint er. Die Trockenheit, die fast zwei Jahre anhielt, hat die Bäumen derart ausgemergelt, dass der Borkenkäfer sie ratzeputz kahl fressen konnte. „Früher dachte man, dass nur Fichten anfällig sind, aber der Käfer hat auch Buchen und Eichen angegriffen.“ 2000 Quadratmeter wird Gottschalk fällen lassen müssen, darunter allein 30 Buchen.

Mir muss keiner damit kommen, diesen tiefgreifenden Klimawandel zu leugnen.

Hinrich Gottschalk , Landwirt

Anschließend will er kanadische Douglasien pflanzen. Sie wurzeln viel tiefer als Fichten, denen deswegen schnell das Wasser ausgeht, das sie brauchen, um Baumharz zu produzieren, das wiederum Borkenkäfer gar nicht mögen. Weil ein Run auf die Douglasie eingesetzt hat, sind die Pflanzen nur noch schwer zu bekommen. Dass die staubtrockenen Jahr 2017/2018 keine „Ausreißer“ waren, sondern Folgen eines tiefgreifenden Klimawandels sind, steht für den Gottschalk fest. „Mir muss keiner damit kommen, dies zu leugnen.“

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Weil alle Waldbesitzer leiden, überschwemmt Holz den Markt. „Dann passiert das, was auf einem Markt nun mal passiert - der Preis sinkt.“ Wenn er eine Zehn-Jahres-Bilanz ziehen soll, errechnet Hinrich Gottschalk für die Waldwirtschaft „ein leichtes Plus“, was vor allem dem Zuwachs beim Brennholzverkauf zu verdanken ist.

Private Waldbesitzer dürfen nicht wirtschaften, wie sie wollen

Der Waldbesitzer Hinrich Gottschalk steht mit seinen Nöten in Niedersachsen nicht allein da. Ein Viertel des Bundeslandes (1,2 Millionen Hektar) bedeckt Wald, über die Hälfte davon ist in privatem Besitz. „Kennzeichnend ist der bäuerliche Privatwald“, heißt es im Landwirtschaftsministerium. Auch private Waldbesitzer dürfen keineswegs wirtschaften, wie sie wollen.

Gesetze verpflichten sie, ihren Wald „ordnungsgemäß und nachhaltig“ zu bewirtschaften und dabei seiner „Schutz- und Erholungsfunktion Rechnung zu tragen“.

Hinrich Gottschalk gehört zur Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Südhannover, zu der 2000 Besitzer zählen, die 18.000 Hektar halten. Die FBG berät ihre Mitglieder und vermarktet ihr Holz. Grundsätzlich belohnt das System Waldbesitzer mit viel Fläche (ähnlich wie in der Landwurtschaft). „Weil ich unter die Bemessungsgrenze falle, bekomme ich für den dringend nötigen Waldumbau keine Förderung“, bedauert Gottschalk.

Was wird aus dem Erbe der Väter?

So gelten Fichten auf guten Böden inzwischen als “fehlbestockt“, aber standortgerechten Ersatz muss Gottschalk selbst zahlen.

Das Erbe seiner Väter will er weiter verwalten, auch wenn die Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Walds bleiben. Hinrich Gottschalk weiß aus Erzählungen, dass bis in die dreißiger Jahre hinein Hirten im Winter Schweine zusammengetrieben und in den Wald gejagt haben. „Dort haben sie sich an Eicheln und Bucheckern fett gefressen, so dass der Bauer Futter sparen konnte.“ von Arne Boecker

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