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Helpsen Nach Messerstich in Helpsen: Täter freigesprochen
Schaumburg Nienstädt Helpsen Nach Messerstich in Helpsen: Täter freigesprochen
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18:02 30.09.2019
Der Täter ist freigesprochen worden.  Quelle: Symbolbild, dpa
Helpse/Hannover

Mehr als zwei Jahre nach einem blutigen Streit unter Flüchtlingen, bei dem ein 18-Jähriger in einer Helpser Wohnung einen Messerstich erlitten hatte, ist der Täter freigesprochen worden. „Es war ein Notwehrexzess“, erklärt Verteidiger Dietmar Weyland.

Im Strafgesetzbuch heißt es dazu unter Paragraf 33: „Überschreitet der Täter die Grenzen der Notwehr aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken, so wird er nicht bestraft.“ In diesem Fall will der angeklagte Flüchtling aus Angst zugestochen haben, von dem gleichaltrigen Mann sexuell bedrängt oder gar vergewaltigt zu werden. Vor Gericht ließ sich diese Darstellung nicht widerlegen.

Noch nicht rechtskräftig

„Die Tat ist nicht gerechtfertigt, weil sich mein Mandant intensiver als erforderlich zur Wehr gesetzt hat. Aber sie ist dennoch entschuldigt, weil er sich in einer Notlage befand“, so Rechtsanwalt Weyland, dessen Antrag die 1. Große Jugendkammer des Landgerichts Hannover gefolgt war.

Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht, weil Staatsanwaltschaft und Nebenklage dagegen Berufung eingelegt haben. „Unser Ziel ist, dass der Angeklagte zur Rechenschaft gezogen wird“, erklärt Opferanwalt Michael Einars, der ebenso wie die Staatsanwaltschaft eine zweijährige Jugendstrafe mit Bewährung wegen versuchten Totschlags gefordert hatte – verbunden mit der Auflage, dass der Angeklagte eine bereits begonnene Therapie fortsetzt.

Opfer eines sexuellen Übergriffes?

Mit einem Küchenmesser hatte dieser dem Opfer an jenem 28. Juni 2017 gegen 2.50 Uhr eine sieben Zentimeter lange Stichverletzung am Oberkörper unterhalb der Brust zugefügt. Tief war die Wunde nicht, weshalb keine Lebensgefahr bestand. Beide Männer kommen aus Afghanistan. Der Angeklagte wohnte zur Tatzeit in Stadthagen, das Opfer in Rinteln. In der Flüchtlingswohnung waren sie nur zu Besuch. 

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Die Vorgeschichte spielt am vorausgegangenen Abend, an dem sich der jetzt Angeklagte mit drei anderen Männern zu einem Zechgelage getroffen hatte. Einer von ihnen soll dem damals 18-Jährigen später ein Foto aufs Handy geschickt haben, das ein nacktes Gesäß zeigte. Der Empfänger will davon ausgegangen sein, dass es sich dabei um sein Hinterteil handelte. Schlimmer noch: Verbunden war die Sendung mit einem anzüglichen Kommentar, den der Afghane sinngemäß so verstanden haben will, dass er zum Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden war.

Keine detaillierte Aufklärung möglich

An den Teil des Abends, als das Foto entstanden sein soll, will der Heranwachsende keine Erinnerung mehr haben - Filmriss. Die Sache mit dem Foto taten seine Zechkumpane als „Spaß“ ab, als sich die vier Männer am nächsten Tag in derselben Wohnung zum Kartenspielen trafen. Ein Zechkumpan soll den 18-Jährigen irgendwann aufgefordert haben, mit ins Nebenzimmer zu kommen, ihn dort festgehalten und verlangt haben, dass er die Hose herunterziehe.

„Er wollte sich aus dieser Lage befreien und griff zum Messer, weil er keine andere Möglichkeit sah“, gibt Dietmar Weyland die Aussage des Angeklagten wieder. „Kein Zeuge hatte eine Erklärung, warum mein Mandant sonst zugestochen haben könnte.“ Im Detail ließ sich der Fall nicht aufklären.

Landgericht zuständig

Weil der Angeklagte mittlerweile in der Region Hannover lebt, landete der Fall zunächst vor dem Amtsgericht Neustadt. Die Anklage lautete auf gefährliche Körperverletzung. Die Richter in Neustadt erklärten sich für nicht zuständig, weil aus ihrer Sicht auch eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags infrage kam – ein Fall für das Landgericht.