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Samtgemeinde Nienstädt Der Dienstleister
Schaumburg Nienstädt Samtgemeinde Nienstädt Der Dienstleister
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23:24 22.05.2019
Gesetzesblätter, Kommunalverfassungen, Durchführungsverordnungen: Ditmar Köritz hat das alles von der Pike auf gelernt. Jetzt strebt er eine zweite Amtszeit als Bürgermeister der Samtgemeinde Nienstädt an.
Gesetzesblätter, Kommunalverfassungen, Durchführungsverordnungen: Ditmar Köritz hat das alles von der Pike auf gelernt. Jetzt strebt er eine zweite Amtszeit als Bürgermeister der Samtgemeinde Nienstädt an. Quelle: ab
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Nienstädt

45 Uhr den Sonnenschirm auf. Hier müssen sie schließlich vorbei, die Wähler, wenn sie ihren Samstagseinkauf erledigen. Er sortiert den Schnickschnack, von dem Parteien glauben, dass er Wähler in ihr Lager treibt: Rosen in Cellophan, Billig-Kugelschreiber, Häppchen. Dann fächert er den Flyer auf: Ditmar Köritz, SPD, „Ihr Samtgemeindebürgermeister“.

„Wahlkämpfer“ ist in Köritz‘ Fall eigentlich das falsche Wort. „Schattenboxer“ trifft es besser. Während in der Samtgemeinde Lindhorst drei sehr verschiedene Typen um das Amt des Bürgermeisters wetteifern, während in der Samtgemeinde Sachsenhagen wenigstens ein klassisches SPD-CDU-Duell (Jörn Wedemeier gegen Jörg Zschetzsche) zustande gekommen ist, haben CDU und Grüne Köritz in Nienstädt keinen Gegner hingestellt. Sie fanden schlicht niemanden, der wollte.

Seit sieben Jahren ist Köritz, 59, Bürgermeister der Samtgemeinde. In Ottensen aufgewachsen, fing er 1976 eine Ausbildung im Kreishaus an. Köritz durchwanderte den „Mittleren Dienst“: Jugend, Schule, Finanzen.

Karrierekurve nicht erwartet

1989, mit 30, wechselte Köritz zur Samtgemeinde Nienstädt. Dort arbeitete er über Jahre „ganz normal als Sachbearbeiter im Hauptamt“, wie er sagt. Dann nahm seine Karriere eine Kurve, von der er behauptet, dass er sie gar nicht angesteuert hat.

Die Samtgemeinde – Nienstädt, Helpsen, Seggebruch, Hespe – prägen Felder, Wälder und Wiesen. Größere Betriebe gibt es außer dem Schiebetechnik-Spezialisten Hautau nicht. Das Gewerbegebiet in Nienstädt läuft allerdings voll mit Mittelständlern.

Vor allem rund um den Bergkrug gehen Bauplätze schnell weg. In die Häuser ziehen Familien, also so etwas wie der Jackpot für jeden Bürgermeister. Hier ist das, was sie „Infrastruktur“ nennen, noch halbwegs intakt, vor allem die Bahnhöfe Kirchhorsten und Bückeburg locken Pendler-Papas und -Mamas an.

Streit um die B 65

Probleme? Brennpunkte? Gibt es eigentlich nicht. Heftig gestritten wird nur darum, wie man Lärm und Stress bändigt, die die B65 nach Nienstädt einschleppt.

„Mich haben zwei Vorgesetzte gefördert“, sagt Köritz, „im Kreishaus Landrat Heinz-Gerhard Schöttelndreier, in der Samtgemeinde Bürgermeister Rolf Harmening.“ Sie ermutigten ihn, der nach eigener Aussage „nicht von Ehrgeiz zerfressen“ ist, sich für den „gehobenen Dienst“ ausbilden zu lassen. Von 1998 an drückte er also noch mal für drei Jahre die Schulbank, die in der Kommunalen Hochschule für Verwaltung in Hannover stand. Nachdem er zehn Jahre lang Samtgemeinde-Chef Rolf Harmening als Stellvertreter über die Schulter geschaut hatte, bewarb er sich 2011 erfolgreich um dessen Nachfolge. Schon damals hatte er keinen Gegenkandidaten, er gewann mit satten 81 Prozent.

„Ich verstehe mich als Dienstleister für die Gemeinden“, umschreibt er seine Rolle. Die Samtgemeinde stellt die Haushalte für Nienstädt, Helpsen, Hespe und Seggebruch auf, regelt deren Personalangelegenheiten, macht die Steuern, führt die Kassen, plant die Baugebiete. Letztlich ist Köritz‘ Haus also eine Art Super-Verwaltung, die vier Verwaltungen verwaltet. Wer politische Visionäre sucht, ist in Helpsen, Bahnhofstraße 7, allerdings an der falschen Adresse.

Köritz’ Bibel ist das NKomVG, was „Niedersächsisches Kommunalverfassungsgesetz“ heißt. „Der Bürgermeister hat laut Gesetz kein politisches Amt“, sagt Köritz, „auch wenn ich im Rat mitstimme.“ Er sieht sich als Moderator. Harmening, sein früherer Vorgesetzter in der Bürgermeisterei, gefällt Köritz in dieser Rolle: „Er ist umgänglich, er ist zuverlässig, und er konnte immer schon mit allen.“

Apropos: Wie moderiert man so unterschiedliche Bürgermeister-Typen wie den bollerigen Jörn Wittkugel (Seggebruch), den peniblen Manfred Kesselring (Helpsen), den leutseligen Gerhard Widdel (Nienstädt) und Uwe Grone (Hespe), der noch einen Weg aus dem längelangen Schatten seines Vorgängers Werner Vehling sucht?

Absprache mit den Kollegen

Was Köritz die Arbeit erleichtert: Die Bürgermeister haben irgendwann beschlossen, sich das Leben gegenseitig nicht schwer zu machen. Und so hockt man sich also jeweils am Jahresende zusammen, um die Steuerhebesätze festzulegen; Hundesteuer und solche Sachen.

Dass die Bürgermeister-Viererbande genau wie Köritz der SPD angehört, ist gar nicht so wichtig. Parteipolitik spielt in der Samtgemeinde kaum eine Rolle. Als der CDU-Samtgemeindeverband kürzlich seine Mitgliederversammlung abhielt, hielt ein Grußwort: Köritz, Sozialdemokrat.

Dazu kommt: Es gibt deutlich glamourösere Jobs als den des Bürgermeisters einer Samtgemeinde. Wenn Feuerwehrhäuser eröffnet werden, wollen die Leute den Lokalmatador-Bürgermeister reden hören, nicht den Bürgermeister von dieser Samtgemeinde, deren Bedeutung kaum jemand so genau kennt.

Man muss schon Friedrich Deventer fragen, der selbst unter Grünen als Querdenker gilt, um in Nienstädt und um Nienstädt herum Kritik an Köritz einzusammeln. „Umweltschutz, Artenschutz, Klimapolitik – nichts davon findet sich in seinem Wahl-Flyer“, sagt Deventer. Beim geplante Umbau der Grundschule werde viel zu wenig Wert auf Energie-Einsparung gelegt: „Wir reden bei Köritz’ Programm also über alten Wein in alten Schläuchen.“

Kita-Finanzierung separat vom Kreishaushalt regeln

Unbestritten ist, dass Köritz weiß, wovon er spricht, wenn er Verwaltung verhandelt. So sitzt er in dem Gremium, in dem die Städte und Gemeinden mit dem Landkreis darüber verhandeln, wie die Kitas finanziert werden. Wedemeier, Bürgermeister der Samtgemeinde Sachsenhagen, poltert in dieser Frage gern öffentlich herum, vermengt das Thema mit der Frage, wie hoch die Kreisumlage sein muss, die die Städte, Gemeinden und Samtgemeinden dem Landkreis überweisen. Köritz‘ Weg ist das nicht, so gut er sich auch sonst mit Wedemeier versteht. „Viel zu kompliziert“, winkt er ab. „Wir sollten versuchen, das Thema Kita-Finanzierung separat im nächsten Kreishaushalt zu regeln“, sagt er. Kleine Schritte, geringes Risiko: Das ist Köritz’ Ding.

Auf die Frage nach Projekten für die nächste Amtszeit fällt Köritz zuvörderst der Dorfentwicklungsplan für Hespe, Helpsen und Seggebruch ein. Der funktioniert im Prinzip so: Je besser die Gemeinden kooperieren, desto mehr Fördergeld regnet auf den Bergkrug hernieder. Also braucht es einen erfahrenen Dienstleister, der moderieren kann...

Wenn also bei der Wahl am Sonntag ein Bürgermeister antritt, der nach Ansicht vieler nicht viel falsch gemacht hat, und wenn kein Gegner in Sicht ist – warum schlüpft Köritz dann vor Edeka-Köpper in eine Rolle, die ihm nicht liegt? Die Antwort ist einfach: Wäre schon schön, wenn Köritz‘ nächste Amtszeit von einer möglichst großen Wählerzahl legitimiert würde. „40 Prozent sollten zu schaffen sein“, sagt Köritz.

Von Arne Boecker