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Samtgemeinde Nienstädt „Ich fahre mit meinem Auto ins Büro“
Schaumburg Nienstädt Samtgemeinde Nienstädt „Ich fahre mit meinem Auto ins Büro“
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18:58 04.06.2019
Peter Schwerdtmann Quelle: ab
Nienstädt

Herr Schwerdtmann, Sie kennen den Abschnitt der B65, der durch Nienstädt führt?

Ja, natürlich.

Wie schätzen Sie die dortige Verkehrssituation ein?

Zu Spitzenzeiten rauscht ganz schön viel Verkehr durch, ich halte die Straße aber nicht für überlastet.

Seit Jahrzehnten wird darüber gesprochen, eine Umgehungsstraße zu bauen, was halten Sie davon?

Ich weiß zu wenig über die konkreten Verhältnisse, um mir ein Urteil zu erlauben, aber eins ist klar: Wer immer in dieser Zeit Straßen plant, muss einkalkulieren, dass das Auto künftig dramatisch anders aussehen und dass der Verkehr erheblich anders fließen wird.

Dann mal los: Was muss bedenken, wer eine Umgehung bauen oder auch nur den Verkehr an der B65 beruhigen will?

In Kurzform: Alles wird sich ändern. Nehmen wir zur Verdeutlichung den schlichten Satz: „Ich fahre mit meinem Auto ins Büro.“

Daran klingt erst mal nichts falsch.

Oh doch, wenn man die Zukunft betrachtet, stecken in den sieben Worten gleich vier Fehler. „Ich“: Es wird nicht mehr der Normalfall sein, dass in einem Auto nur eine Person sitzt. „Fahre“: Künftig werden wir gefahren. „Mit meinem Auto“: Autos werden zu gemeinschaftlich genutzten Personenbeförderern, die nicht alle im Privatbesitz sein werden. Achten Sie mal darauf, was die US-Firma Uber, die heute nur als Taxi-Konkurrent wahrgenommen wird, in Zukunft noch alles anbietet.

Und der vierte Fehler?

„Ins Büro“: Die Digitalisierung sorgt dafür, dass man nicht mehr zur Arbeit pendeln muss, sondern dass die Arbeit nach Hause kommt.

Was heißt das nun alles für die Situation in – um nur ein Beispiel zu nennen– Nienstädt?

Der Straßenverkehr der Zukunft wird weniger, leiser, sauberer und sicherer sein als heute. Zwei Faktoren sind dafür entscheidend: Elektrizität treibt die Autos an, Künstliche Intelligenz steuert sie.

Aber sind denn das nicht alles Hirngespinste von grün angehauchten Science-Fiction-Fans?

Keineswegs! Sie müssen sich nur anschauen, wie radikal die großen Autobauer in die Richtung abgebogen sind, die ich skizziert habe.

Bedeutet das, dass uns schon nächstes Jahr Autos leise und sauber durch Nienstädt fernsteuern könnten?

Nein, so schnell geht das dann doch nicht.

Was verzögert den Prozess?

Es gibt zwei große Hindernisse. Zum einen setzen wir hier in Deutschland sehr stark auf Batterien, die die Elektrizität speichern. Die sind aber schwer und teuer, auch weil die Rohstoffe aufwendig gewonnen und importiert werden müssen. Ich denke, dass Wasserstoff die bessere Stromquelle für das Elektroauto darstellt. Hier muss allerdings noch tüchtig geforscht und in die Infrastruktur investiert werden. Koreaner, Japaner und Chinesen haben unseren früheren Vorsprung bei der Brennstoffzelle längst eingeholt.

Und das zweite Hindernis?

Das gesamte Konzept „Straßenverkehr“ muss neu gedacht werden. Ein banales Beispiel: Autos werden keine Straßenbeleuchtung mehr brauchen, weil Künstliche Intelligenz natürlich auch auch im Dunkeln arbeitet.

Zurück zur B65 in Nienstädt.

Wenn die Planung jetzt tatsächlich losginge, könnte eine Umgehungsstraße in etwa 15 Jahren fertig sein.

Was bedeutet das Bild, das Sie gerade gemalt haben, für die Planer?

Vor allem eines: Sie haben eine sehr komplizierte Aufgabe vor sich. Die Umgehung soll ja mehrere Jahrzehnte „funktionieren“. Aber wie dann Straßenverkehr genau organisiert sein wird, kann auch ich nicht im Detail sagen.

Interview: Arne Boecker