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Obernkirchen Ortsteile Die Sorge um sein Lebenswerk
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21:54 10.09.2019
Der damalige Streitpunkt: Über den Umbau des Ortschaftshauses ist in Krainhagen lange kontrovers diskutiert worden.  Quelle: rnk
Krainhagen

Im ersten März des neuen Jahrtausends geht Ernst-August Kranz durch das Dorf und verteilt seine Sicht der Dinge; zwölf Seiten, inklusive Zeitungsberichten, die 26 Jahre zurückliegen. Kranz hat kurz zuvor der Stadt Obernkirchen seinen Verzicht auf sämtliche Ehrungen des Rates mitgeteilt, nicht nur die Ehrenurkunde, die ihn zum Ehrenratsherr der Stadt ernennt, sondern auch Ehrengaben wie einen Wappenteppich der Stadt, das Barbarossa-Siegel (mit Gravur) und sogar ein Buch über Obernkirchen, die Chronik einer alten Stadt.

Ernst-August Kranz

Kranz ist, man kann das so sagen, sauer. Es ist, wie er schreibt, ein Protest gegen den Vertrauens- und Vertragsbruch durch die Stadt ab 1997 gegenüber der Ortschaft Krainhagen, und gegen die Missachtung von Rechten der Einwohner. Was es nicht ist, schreibt Kranz auch: Das Verhalten eines starrsinnigen streitsüchtigen alten Mannes, der seine Vergangenheit nicht loslassen kann.
Kranz sah damals offene Fragen, die nicht beantwortet wurden, weder von den in den Stadtrat noch von den in den Ortsrat gewählten Vertretern: Nutzung- und Erhaltung der Gemeinschafts-, Sport- und Freizeiteinrichtungen, Dorfgemeinschaftsfest, Fremdenverkehr, Reitwege im Waldpark.

Verwendung der Gemeinschaftseinrichtungen wird zum Streitpunkt

Kranz verwies auf den Gebietsänderungsvertrag, den er 1974 selbst als Gemeindedirektor mit unterschrieben hatte. Mit diesem Kontrakt wurden die Gemeinden Gelldorf, Krainhagen, Röhrkasten und Vehlen in die Stadt Obernkirchen eingegliedert, und man legte darin fest, dass die Stadt verpflichtet sei, die eingegliederten Gemeinden als Ortsteile so zu fördern, das ihre Entwicklung nicht beeinträchtigt werde. Seit 1997, so schreibt Kranz im Jahr 2000, seien die vom Rat und Verwaltungsausschuss gefassten Beschlüsse mit dem Geist und den Bedingungen des Vertrages nicht mehr vereinbar gewesen.

Schwerpunkt der damaligen Streitigkeiten waren die Gemeinschaftseinrichtungen und deren künftige Verwendung. Durch die Verwaltung war ein Verkauf oder eine Verpachtung der Einrichtungen an Dritte ins Spiel gebracht worden (Stichwort schon damals: Haushaltskonsolidierung). Im Mai 1999 hatten sich 82 Bürger für eine Einwohnerversammlung ausgesprochen. Man wollte vor allem über die Planungen des Umbaus des Ortschaftshauses zu einem Kindergarten und die künftige Unterbringung der Feuerwehr, die Erhaltung des Bauhofes diskutieren. Kranz prangerte die „Zerstörung der Funktionen der Gemeinschaftseinrichtung Ortschaftshaus“ an, die „mit allen Mitteln betrieben“ werde.

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Ein Grundstück am Kraikenweg, auf dem Kranz gerne eine „neue moderne und zeitgerechte Kindertagesstätte“ hätte bauen lassen, und ein weiteres Grundstück an der Lindenstraße, das die Stadt für privaten Wohnungsbau verkauft hatte, erzürnte den ehemaligen Ortsbürgermeister zusätzlich, in seinem Schreiben spricht er von einer „Verschandelung des Ortsbildes“. Kurzum: Mit seiner Auffassung einer „bürgernahen, verantwortungsbewussten und vorausschauenden Kommunalpolitik“ sei dies alles nicht verantwortbar, daher verzichte er auf alle Ehrungen durch den Rat der Stadt. Er wolle „dem Rat nicht länger zumuten, Ehrenverpflichtungen gegenüber einer Person zu haben, deren Ansehen und Integrität immer wieder in Zweifel gezogen wurde“.

Mit dem Verzicht seien für ihn auch die Auseinandersetzungen um den Fortbestand der Gemeinschaftseinrichtungen in Krainhagen beendet. Und ob die Bezeichnung „Ehrenbürgermeister der Ortschaft Krainhagen“ noch tragbar für ihn sei, möge der Rat entscheiden und ihm schriftlich mitteilen.

Rückblickend liest sich die Erklärung wie ein letztes Aufbäumen eines Mannes, der viele Jahrzehnte an entscheidender Stelle ohne großen Widerspruch die Weichen in der Politik stellen konnte, der aber nun erkennen muss, dass diese Zeit vorbei ist. Kranz war damals 81 Jahre alt, im Dezember 2004 ist er gestorben. rnk