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18:47 27.08.2018
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Gelldorf

Herr Hofmann, warum wurde Gelldorf gegründet?
Wie bei so vielen Siedlungen erklärt sich das aus der Natur heraus. Unsere Ahnen, meist Bauern und Handwerker, haben das Wasser genutzt, das die Gehle mit sich führt. Dieser Bach ist auch Gelldorfs Namensgeber.

Was fällt Ihnen heute als Erstes auf die Frage ein, was Gelldorf über die Jahre geprägt hat?
Die Landwirtschaft.

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Gilt das denn auch noch im Jahr 2018?
Heute natürlich nicht mehr so stark wie vor ein paar Jahrzehnten. In den achtziger Jahren haben in Gelldorf etwa 20 Landwirte im Vollerwerb gearbeitet, heute sind es noch drei.

Und trotzdem...
Ja, trotzdem! Erstes Beispiel: Wer von oben auf Gelldorf blickt, kann schon an der Zahl und Anordnung der Felder erkennen, wie prägend die Landwirtschaft war. Zweites Beispiel: Die Landwirte, die wir im Ort haben, sind besonders aktive Mitglieder der Dorfgemeinschaft. Drittes Beispiel: Das Hofcafé Eggelmann, das natürlich aus einer Landwirtschaft hervorgegangen ist, belebt den Ort. Viertes Beispiel: Wir haben prächtig restaurierte Bauernhäuser, die das Ortsbild prägen.

Jetzt kommt eine schwierige Frage: Können Sie belegen, dass die bäuerliche Vergangenheit noch im Bewusstsein der heutigen Bewohner verankert ist?
Oh ja: Bevor wir das heutige Hausnummern-System bekamen, wurden die Höfe und Häuser nach der Größe der dazugehörigen Landwirtschaft nummeriert. Diese längst versunkenen Zahlen kennen noch viele Gelldorfer, nicht nur die Alten.

Welche Wirtschaftsunternehmen bestimmen heute Gelldorfs Bild?
Ich will nur einen besonders traditionsreichen Namen nennen: Bornemann, Pumpen-Hersteller, vor 165 Jahren in Obernkirchen gegründet, seit 1992 bei uns an der Industriestraße.

Ihre Vorgänger im 20. Jahrhundert dürften zu den Sattlern und Spenglern, Zigarren- und Korbmachern einen engeren Kontakt gehabt haben als Sie zum Management von Bornemann, oder?
Ja, natürlich ist das so. Die Verbundenheit mit Gelldorf ist zurückgegangen, seit Bornemann an den US-Mischkonzern ITT verkauft wurde, der im Staat New York sitzt. Bei der Erfüllung der wirtschaftlichen Ziele, die ITT hat, spielen wir hier eine untergeordnete Rolle.

Mit dem Thema Gewerbesteuer haben Sie als Ortsbürgermeister dann also nichts mehr zu tun?
Nein, nein, vor allem weil Gelldorf 1974 nach Obernkirchen eingemeindet wurde.

Es ist oft ein einschneidendes Ereignis, wenn eine Kommune die Eigenständigkeit verliert.
Für die Älteren spielt das sicher noch eine Rolle. Weil ich lange danach zugezogen bin, hat mich „1974“ nie so sehr beschäftigt – das alles ist jetzt schließlich auch fast ein halbes Jahrhundert her.

Zurück ins Heute: Was kann ein Ortsrat bewirken, der keinen eigenen Haushalt verwaltet?
Es stimmt, dass letztlich der Obernkirchener Stadtrat über unsere Wünsche entscheidet, eigene Mittel haben wir nicht, eigene Kompetenzen nur wenige. Aber wir können natürlich Prioritäten setzen.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel belegen?
Ja, klar. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind in Gelldorf – wie vielerorts – schnell Siedlungen in die Höhe gezogen worden, vor allem um Flüchtlinge unterzubringen. Diese Siedlungen haben sich weiter entwickelt, zum Beispiel sind die einstmals vorgeschriebenen Hausställe in Autogaragen umgewandelt worden. Heute sind diese Wohngebiete vor allem bei jungen Familien beliebt.

Schauen Sie mal in die Siedlung Wiesenstraße/Melkerweg, da ist Leben in der Bude! Also haben wir Tempo 30 eingeführt und den Spielplatz am Melkerweg modernisiert. Solche Projekte überweist der Ortsrat in der Regel einstimmig in den Stadtrat.
Womit können Sie junge Familien noch locken? Sie haben jetzt zwei Sätze Zeit, um für Gelldorf zu werben.
Wir liegen nicht „ab von der Welt“, aber doch im Grünen. Und wir halten hier im Dorf noch ganz gut zusammen, wie das rege Vereinsleben beweist. Darf ich noch einen dritten Satz?

Bitte!
Selbst die Nachteile, die die Landwirtschaft früher mit sich brachte, gibt es so nicht mehr, weil die Ställe mit ihrem Lärm und ihrem Gestank nicht mehr mitten im Dorf stehen – sondern draußen auf dem Feld.

Also alles okay an der Gehle?
Naja, die demografische Entwicklung stoppt natürlich nicht am Ortsschild. Wir hatten mal mehr als 1000 Bewohner, heute sind es noch 850. Eine der Konsequenzen ist, dass man in Gelldorf nicht mehr einkaufen oder Bier trinken gehen kann. Läden und Kneipen sind schlicht nicht mehr rentabel. Und um zu arbeiten, müssen viele junge Gelldorfer pendeln, aber das ist ja fast überall so.

Ist nicht auch die Blechlawine, die sich täglich über die B 65 wälzt, ein Problem?
Ach, wir leben schon so lange mit der B 65. Man sollte bedenken, dass diese Trasse seit jeher eine wichtige Verbindung zwischen Städten und Regionen ist. Ist ja kein Zufall, dass an der heutigen Ampelanlage das „Alte Zollhaus“ liegt.

Gibt es etwas, das den Gelldorfer Ortsbürgermeister persönlich nervt?
Ja! Während Gelldorfer ganz selbstverständlich in die Obernkirchener Kernstadt fahren, verirren sich nur selten mal Kernstädter nach Gelldorf. Mir fällt das besonders bei Feiern und Veranstaltungen auf. So gesehen, ist die 800-Jahr-Feier am Wochenende eine Chance: Unser „Herzlich willkommen“ gilt allen Obernkirchenerinnen und Obernkirchenern – und allen anderen Menschen auch. ab

Drei Daten aus der Chronik

1218 gilt als offizielles Geburtsjahr Gelldorfs, obwohl es den Ort schon vorher gegeben haben dürfte. 1218 geht auf die erste urkundliche Erwähnung Gelldorfs zurück – ein unter Historikern übliches Verfahren. Ausgefertigt hat die Urkunde Heinrich, Herzog von Sachsen, der so Grundstücksgeschäfte mit der „Kirche Overenkerken“ besiegelt hat.
1618: Der Dreißigjährige Krieg verwüstete weite Teile des heutigen Europa. In manchen Regionen fielen so viele Frauen und Männer den Schlachten und Feldzügen, dem Hunger und den Seuchen zum Opfer, dass nur ein Drittel der Bevölkerung überlebte.
Auch Gelldorf blieb natürlich nicht verschont. Als die Schweden im nahen Minden eine Garnison stationiert hatten, pressten sie Anrainern Geld und Naturalien ab. So ist aus alten Dokumenten ersichtlich, welcher Gelldorfer Hof wie viele Tiere und wie viel Getreide nach Minden geben musste.
1918: Das Ende des Ersten Weltkriegs spiegelt sich in dem Kriegerdenkmal in der Schulstraße wider. Während die Kranzniederlegung am Volkstrauertag in früheren Zeiten ein gesellschaftliches Ereignis war, legt heute der Ortsbürgermeister meist allein einen Kranz nieder.
Aber der Beginn des 20. Jahrhunderts war aus einem anderen Grund für Gelldorf wichtig: Die letzten Kohleschächte auf dem Gebiet des Ortes hatten geschlossen, und die Bergleute mussten sich außerhalb Arbeit suchen; so gesehen waren sie die ersten Gelldorfer Pendler. ab