Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Obernkirchen Ortsteile Wagnis geglückt: Schaumburger Bühne feiert erfolgreiche Premiere
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Ortsteile Wagnis geglückt: Schaumburger Bühne feiert erfolgreiche Premiere
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:44 01.12.2019
Lästern und tuscheln, jammern und ratschlagen: die Heldin des Abends als Randfigur beim aktuellen Stück der Schaumburger Bühne. Quelle: vhs
Obernkirchen

Die Aufführungsrechte für Georges Feydeaus Bühnenwerk „Floh im Ohr“ liegen nicht bei irgendeinem Erotikversandhaus. Der Deutsche Theaterverlag bietet die Fassung aus der Feder der Österreicherin Elfriede Jelinek an, die in ihren eigenen Werken alle Spielarten des Patriarchats mit einem delikaten Sarkasmus ins Visier nimmt, der sich schärfster Beobachtung verdankt.

Die Schaumburger Bühne ist mit der Werkauswahl ein erhebliches Risiko eingegangen. Die Premiere in der nicht ganz ausgebuchten IGS Obernkirchen zeigte, dass sich Mut, Fleiß und Hingabe gelohnt haben, auch wenn dieses Sonderangebot an Abendunterhaltung von Regisseur Jürgen Morche und seinem lustvoll agierenden Team für die anstehende Tournee durch Schaumburg und Umgebung sicher noch einmal durch’s Controlling geschickt werden sollte, schon wegen der Gegebenheiten in den einzelnen Lusthäusern.

Es mangelt an Mannsbildern

Floh im Ohr“ braucht primär Mannsbilder. Was tun, wenn es just daran mangelt? Die Damen mannhaft einkleiden und Männer mimen lassen? Das hätte man womöglich am Münchener Residenztheater versucht, wo der Stoff aus dem Jahr 1907 vor genau zehn Jahren in der Regie von Dieter Dorn (mit Erfolg) primär als Herrenabend feilgeboten wurde. „Lehman“ ließ Männer plötzlich wieder furchtbar interessant werden, in Nadelstreifen und als ungebändigte Natur.

Hintergrund: Wie die Schaumburger Bühne einen Theaterpreis abräumte

Die Gegenwart zeigt endlich mehr andere Namenschilder auf den Jacken und Kostümen, wenn es um Notoperationen und Einflussnahme geht, insbesondere in Deutschland und an manchen Schaltstellen Europas. Merkel und von der Leyen hier, Rackete und Neubauer da. Das oberste Management indessen bietet immer noch ein Bild des Jammers. Ein Grund mehr, die furiosen Frauen der Schaumburger Bühne durch die Welt der Verlogenheit von Erfolgsmenschen zu jagen. Dass die Verantwortlichen das nicht herausstellen, sondern mit ihrer „Seidenstrumpf“-Variante „einfach nur Spaß“ anbieten wollen, bleibt ihnen unbenommen.

Seitensprung als Männersport

Nehmen wir Direktorin Chandebise, die Pariser Erfolgsfrau. An ihren Strümpfen hängt es, dahin drängt es den Gatten, der den Seitensprung als Männersport ansieht, als seine Domäne. Die Gattin aber möge sich bescheiden in Eheglück und Treue-Gebot. Claudia Quintern gelingt es auf überaus beeindruckende Weise, die Ketten aus Gold zu sprengen und ein Doppelleben hinzulegen, das auch in der Realität der Gegenwart größte Schauspielkunst verlangte.

Kleiderfragen klären Frauen anders: Arbeitskittel, Morgenrock oder Zwangsjacke? Foto: vhs

Oliver Beckers wächst als Gatte mit den Zumutungen und Zudringlichkeiten, die er am eigenen Leibe erleidet. Als dessen spanischer Freund lässt Peter Reinhold auf faszinierende Weise ein Stück (falscher) romantischer Briefkultur miterleben. Dass es zwischen dem Lustmolch und der zur trunksüchtigen Hilfskraft (Kostüme: Janine Buchmann) gewandelten Direktorin (noch) nicht zum Äußersten kommt, ist den aufblitzenden Waffen der spanischen Ehefrau (Maria-Rosa Ventura-Dürigen) geschuldet. Als zum Vergnügen der Zuschauer vom „Vulkan“ die Rede ist, spielt man längst wieder im „Tollhaus“ der Chandebises verrückt, Zwangsjacke inbegriffen.

Schmerzlich vermisst: Ein Programmheft

Heißhungrig weiß Nadine Olivier in der Rolle der Freundin zu gefallen. Mit Evi Dopheide als Ärztin und Anna Schönbeck als Zuchtmeisterin im Hotel kann Morche, der selbst auch vom Wege abkommt wie ein lechzender Wolf, eindrucksvoll inszenieren, was auf der Klaviatur der Sünde alles gespielt wird. Mit Spielwitz dabei: Juliane Hünecke, Christina Herold, Betina Handelsmann, Katrin Rohde und Yvonne Schneider, widerwillig in Pflege Sylvia Spilker, die zu Tode „geliebte alte Tante“, außerdem Christoph Leier. Schmerzlich vermisst: ein kleines Programmheft, kein Beipackzettel als Sehtest.

Lesen Sie auch: So mies war die Stimmung an der IGS Obernkrichen im Sommer

Zum Jahreswechsel 2019/ 2020 ist in Schaumburg nur noch „Intro“, was einst voller Begierde nach Frankreich blicken oder rasen ließ: „Ganz Paris träumt von der Liebe!“ Das Weserbergland vibriert, den Spielfrauen sei es gedankt. Riesenapplaus nach Stunden des tiefsinnig-sündigen Klamauks voller Gelächter aller Geschlechter!

Von von Volkmar Heuer-Strathmann