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Obernkirchen Stadt Berufsmesse an der IGS Obernkirchen: Der Nachwuchs ist wählerisch
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Berufsmesse an der IGS Obernkirchen: Der Nachwuchs ist wählerisch
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10:48 27.09.2019
"Kommen Sie in den Einzelhandel": André Künneke wirbt als stellvertretender Marktleiter bei der Berufsmesse der IGS Obernkirchen um Auszubildende. Quelle: Frank Westermann
Obernkirchen

Malte Kolbach ist Auszubildender, zweites Lehrjahr. Er wird Fleischer werden, und wenn er mit Menschen über seinen Beruf spricht, dann merkt er schnell, das sie fast immer ein falsches Bild davon haben: „Sie denken, ich stehe morgens an der Tür und warte mit dem großen Hackebeil in der Hand auf die Schweine, die ich dann zerlege.“ Nichts, sagt Kolbach, könnte falscher sein.

So sieht die Ausbildung zum Fleischer wirklich aus

Der Auszubildende arbeitet bei Bauerngut, gemeinsam mit Julia Köster, die im Büromanagement ausgebildet wird, nimmt er an der Berufsmesse der IGS Obernkirchen teil, und er spricht gerne über seinen Beruf.

Man arbeite mit hochmoderner Technik; man helfe, neue Produktionswege und verkürzte Arbeitsschritte zu entwerfen, und zudem – nicht zu vergessen – lerne man ein ganz altes, traditionelles Handwerk.

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Auch Julia Küster kann über Beruf, Ausbildung und Arbeitgeber nichts Negatives berichten, ganz im Gegenteil, man werde vom ersten Tag als vollwertiger Mitarbeiter betrachtet. Und dann verweist sie auf das Jahresende, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat: Dann wird sie den Ausbildungseignungsschein erwerben und kann selbst eigenverantwortlich mit Azubis arbeiten.

Jeder 16. Ausbildungsplatz bleibt unbesetzt

6,3 Prozent aller Ausbildungsplätze in Niedersachsen seien nicht besetzt, hatte Lehrer Timo Fischbeck bei der Begrüßung ausgeführt. Das ist jeder 16. Ausbildungsplatz, und bei der Ursachenforschung verwies er auf die fehlende Mobilität und die manchmal nicht stimmende „Passung“: Dem Arbeitgeber gefällt der Azubi nicht – und umgekehrt, dann geht halt jeder wieder seiner Wege.

Es ist ein recht neues und auch gefährliches Ausbildungs-Paradox: Betriebe können ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen, obwohl viele junge Leute ja noch ohne Stelle sind. Aber der Nachwuchs ist heutzutage eben auch wählerisch.

Und nicht jeder Jugendliche, auch das gehört zu den Problemen, sucht in den Berufen, in denen es eine Ausbildung gibt: Wenn Überstunden anfallen, die Ausbildung schlecht ist oder die Betreuung nur lückenhaft stattfindet, dann spricht sich dies schnell herum; Hotel- und Gastronomiebereiche und Lebensmittelhandwerk können davon ein Lied singen. Und der Bäcker von nebenan sowieso.

Klarer Vorteil: Mehr Ruhe, persönlicherer Kontakt

Die Berufsmesse an der IGS hat einen ganz großen Vorteil: Jeder Anbieter kann sich mit interessierten Schülern in einen eigenen Klassenraum zurückziehen. Kein Vergleich zu einer Messe im Festzelt, an der Schüler von Stand zu Stand gehen, routiniert das Werbematerial abgreifen und eher nicht interessiert sind; von der zuweilen heftigen Lautstärke in einer Festhalle ganz zu schweigen.

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„Hier, in der IGS, begegnen sich Schüler und Firma auf Augenhöhe“, erklärt Ausbilder Klaus-Dieter Wegner vom Edeka-Konzern, der die gesamte Palette an möglichen Ausbildungen vorstellt: vom Einzelhandel vor Ort bis hin zur Logistik in Lauenau, von der Verwaltung über die Produktion bis zum Großhandel. „Man muss heute in die Offensive gehen“, sagt Wegner. Es sei nötig, um den Nachwuchs zu werben.

Diese Ausbildungsgänge sind bei der IGS-Berufsmesse vertreten

Fast 100 Ausbildungsgänge werden an diesem Tag an der IGS vorgestellt (mit dem Karrierecenter der Bundeswehr kommen zusätzlich 40 oben drauf): vom Änderungsschneider, Bürokaufmann, Dachdecker, Elektroniker für Abwassertechnik, Fruchtsafttechniker, Lagerlogistiker und Anwendungsentwickler, über den Finanzwirt und den Gießereimechaniker, den Kaufmann im Dialogmarketing, den Kfz-Mechatroniker und Schornsteinfeger bis zum Stadtsekretär-Anwärter sowie Zerspanungsmechaniker und Zierpflanzengärtner: In allen Berufen, so scheint es, gibt es Probleme mit dem Nachwuchs.

Gesucht wird von allen, so scheint es jedenfalls: Die Lebenshilfe Rinteln ist auf der IGS-Messe vertreten, Heye International, Bornemann, Ardagh, Stüken aus Rinteln, das Finanzamt Stadthagen und das Waldkater-Hotel aus der Weserstadt.

Der Bedarf nach Nachwuchs ist da - in der Pflege wie im Fleischereigewerbe

In einem Zimmer weiter wartet Petra Obermeyer auf interessierte Schüler, sie ist Pflegefachkraft beim Kreis-DRK und stellvertretende Teamleiterin für Obernkirchen/Auetal. Pflegekräfte sind heiß begehrt, im Großraum sind 8000 Euro „Willkommensprämie“ für den Arbeitgeber wechselnde Fachkräfte weder ungewöhnlich noch die berühmte Spitze des Eisberges.

Was also kann sie für das Schaumburger DRK ins Feld führen? Zwei Punkte, sagt Fachkraft Obermeyer: „Wer beim DRK arbeitet, der arbeitet im Dienst der Menschen und hat nicht allein die Wirtschaftlichkeit im Blick.“ Und wenn man als DRK-Pfleger mehr Zeit als vorgesehen beim Patienten verbracht habe, „dann ist das eben so“.

Am Messestand von Bauerngut erklärt Azubi Malte Kolbach noch kurz, warum er außer für Technik und Handwerk auch noch für seinen Beruf wirbt: Der Beruf des Fleischers sei vom Aussterben bedroht, sagt er; auch darum sitzt er hier. von Frank Westermann

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