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Obernkirchen Stadt Ein Leben wie im Rausch
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Ein Leben wie im Rausch
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08:24 29.05.2018
Das beste an seiner Arbeit: $ick mag Auftritte, wie in der IGS Obernkirchen. Quelle: rnk
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Obernkirchen

„Was für ein Drecksloch“, hat er damals gedacht, aber immerhin: Für ihn sei es die große weite Welt gewesen. Was er nicht wusste: Hannover war Mitte der achtziger Jahre eine Hauptstadt der Drogen.

$ick, wie er später auf der Straße genannt wurde und sich heute noch nennt, denn mit seinem richtigen Namen will er nicht rausrücken, rutscht schnell in eine Abwärtsspirale: Drogen, Gewalt, Gefängnis.

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Seine Drogenkarriere liest sich so: 25 Jahre Heroin, genannt Shore. Zehn Jahre Kokain. Ecstasy, Gras, Amphetamine oder Rohypnol. Egal was, her damit.

Als 16-Jähriger verdient sich $ick mit bandenmäßigem Einbruchsdiebstahl das Geld für die alltäglichen Drogen. Mit 18 landet $ick auf der Straße, fängt an zu klauen, macht kleine Einbrüche, muss irgendwann in den Knast. Er durchwandert die Jugendhaftanstalten Hannover, Hameln, Vechta, Meppen und Lingen in insgesamt acht Jahren. Zuletzt wurde er 2002 wegen Cannabis Dealen zu zweieinhalb Jahren verurteilt.

Schneller Rausch, schnelles Geld

Seine Leben zu dieser Zeit: schneller Rausch, schnelles Geld. 15 Jahren sucht er mit Entgiftung, Therapie, Substitution und Rückfällen nach einem Lebenssinn jenseits der Drogen und der Kriminalität. Es geht vorwärts, „aber es kamen auch 1000 Rückschritte“, sagt er heute.

In einem Blog schreibt er Anekdoten aus seiner Vergangenheit als Junkie und Krimineller auf, lustige, dreckige Geschichten, die eigentlich als Werbung für seinen Rap gedacht waren. Über einen gemeinsamen Bekannten lernt $ick eines Tages Ramon Diehl und Paul Lücke von Redframe Productions kennen. Sie entwickeln die Idee für „Shore, Stein, Papier“. Aus $icks Blog soll ein Video-Blog werden. Nach ein paar Probedrehs finden sie das richtige Format: Sie zeigen den Menschen hinter den Geschichten.

Von 2012 bis 2016 redete sich $ick in der Biografie-Serie „Shore, Stein, Papier“ auf YouTube seine Vergangenheit von der Seele: Ruhig, unaufgeregt und anschaulich; es ergeben sich schonungslose Einblicke in die Lebenswelt eines Suchtkranken. Sein beeindruckendes Erzähltalent und sein offener, aufrichtiger Umgang mit seiner Geschichte und einem gesellschaftlichen Tabuthema fesseln insgesamt vier Millionen Menschen.

Preise gibt es auch: 2015 gewinnen er und das Produktionsteam den Grimme-Online-Award für „Aufklärung ohne moralischen Zeigefinger“.

Spiegel-Bestseller

Im Oktober 2016 erscheint seine Biografie und wird prompt zum „Spiegel“-Bestseller. Jetzt bringt er seine Geschichte auf die Bühne, zweieinhalb Stunden, live. Er liest ein bisschen aus dem Buch, es gibt Videos zu sehen, er erzählt seine Biografie. „Die Drogen und das Gefängnis, gehören auch dazu, sind aber eher nebensächlich“, sagt er. Und, ach ja, nicht zu vergessen: „Komplett ausverkauft“, sagt er mit Blick auf die Lesung in der IGS Obernkirchen.

Sie wird fraglos ein Erfolg, denn egal ob auf der Bühne, vor der Kamera oder live in der Schule, $ick bringt das mit, was an all diesen drei Orten als verdammt harte Währung gilt: Authentizität. Er plaudert, er ist glaubhaft, er weiß, wovon er redet. Man hört ihm gerne zu – und das durchaus mit Erkenntnisgewinn. In Obernkirchen wird er nach 90 Minuten Vortrag in der Aula mit stürmischen Jubel entlassen. Eine glatte Dreiviertelstunde muss er Autogramme geben, und natürlich will jeder noch ein Foto-Selfie mit dem Ex-Junkie, und bekommt es auch. $ick wird nicht eine einzige Sekunde ungeduldig.

$ick ist Herzstück des Präventionstages zum Thema „Sucht und ihre möglichen Folgeerscheinungen“, den das Fachgremium des Landkreises „Kinder psychisch-kranker Eltern“ organisiert hat. Dieser Tag wird von einem Beratungs- und Unterstützungsteam des Landkreises Schaumburg und Lehrern der IGS ganztägig vorrangig für den sechsten Jahrgang veranstaltet. Das Ziel: die Schüler zu informieren, aufzuklären und Hilfen zu nennen. Nach der Lesung mit $ick folgten themenbezogenen Workshops.

"Eltern würden Steine schmeißen"

„Es hat lange gedauert, bis ich kapiert habe, dass es mir guttut, über meine Vergangenheit zu erzählen“, sagt $ick anschließend, und wenn er heute in Schulen gehe, um von seinen Erfahrungen aus der dunklen und unbekannten Seite der Gesellschaft zu erzählen, dann fühle sich das gut an: „Ich komme gerne.“ Anfangs sei das aber anders gewesen: Wenn er eine Schule betreten habe, dann habe er immer gedacht: „Ich darf hier nicht sein. Wenn das die Eltern wüssten, würden sie Steine schmeißen.“ Dann lacht er; vielleicht, weil er durch Buch, Lesungen und Bühnenprogramm zum ersten Mal legal sein Geld verdient.

Apropos: Wie fühlt es sich denn an, so spät noch mit legaler Arbeit zu beginnen und damit auch ein Teil der bürgerlichen Welt zu sein? „Das fühlt sich gut an“, sagt er. Natürlich habe er früher über diese Welt müde gelächelt, „alles nur Spießer“. Heute sieht er das anders: „Das Geld hat heute für mich einen anderen Wert: Ich habe dafür gearbeitet.“

Vorletzte Frage: Bestseller, ausverkaufte Programme – wird jetzt sein Konto gerade geflutet? „Nee“, sagt $ick, „das sicherlich nicht, aber zum Leben wird es reichen.“ Und Schulbesuche wird es immer geben, solange er nur gebucht wird: „Denn das hier ist das Beste an meiner Arbeit.“ Letzte Frage: Ist er jetzt glücklicher als früher mit Drogen? „Ja“, sagt er, „fünf Millionen Mal glücklicher.“ rnk