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Obernkirchen Stadt Eingliederungsmaßnahme noch vier Jahre vor der Rente
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Eingliederungsmaßnahme noch vier Jahre vor der Rente
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19:17 07.06.2011
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Obernkirchen (jaj). Die Obernkirchenerin konnte es nicht glauben. Denn auch ihr Mann muss seit Februar eine Maßnahme der Agentur für Arbeit besuchen.

Der 61-jährige Mieczyslaw Gelios hat ursprünglich Fräser gelernt, anschließend aber in seiner Heimat Polen als Busfahrer gearbeitet. Als er 1987 aus Schlesien nach Deutschland kam, wurde sein Bus-Führerschein hier nicht anerkannt. Doch Gelios hatte Glück und fand eine Anstellung bei einer Firma für Dämmtechnik. 22 Jahre lang arbeitete er anschließend in dieser Branche auf dem Bau und wechselte nur einmal, nach elf Jahren, den Arbeitgeber. Doch dann kam die Wirtschaftskrise, und er verlor Anfang 2010 seinen Job.

„Im Februar bekam ich dann Bescheid, dass ich an einer „Ganzheitlichen Integrationsleistung“ teilnehmen soll. Sechs Monate, zweimal in der Woche. „Eigentlich finde ich gut, dass ich an einer Maßnahme teilnehmen darf und etwas dazu lerne“, sagt der Obernkirchener. „Aber für meine berufliche Zukunft bringt mir das nichts.“ Denn in dem Kurs verbringt er viel Zeit damit, den Umgang mit einem Computer und das Zehn-Finger-Schreiben zu lernen.

Von der Unsinnigkeit dieser Maßnahme ist auch seine Frau überzeugt. „Wenn er 30 wäre, würde er ja vielleicht irgendwann noch einmal in einem Büro arbeiten und das alles brauchen, aber doch nicht mit 61 Jahren“, ist sie sich sicher. Die 54-Jährige versteht nicht, wieso nicht stattdessen eine Fortbildung bezahlt wurde, die ihrem Mann bei der Jobsuche wirklich weiterhelfen würde. „Er würde gern wieder als Fahrer arbeiten“, sagt sie. „Ein Gabelstapler-Führerschein wäre da doch eine Möglichkeit gewesen“, schlägt sie vor. Und auch ihr Mann fände diese Lösung besser. „In diesem Bereich gibt es viele Jobs“, sagt er.

Diesen Wunsch kann auch Christina Rasokat, Sprecherin der Agentur für Arbeit, nachvollziehen. Sie erklärt jedoch, dass jeder Arbeitssuchende in einem Gespräch mit seinem Berater mitentscheiden kann, welche Maßnahmen für ihn in Frage kommen. „Das wird dann auch schriftlich festgehalten.“ Was für Absprachen es in dem Fall von Herrn Genius gegeben habe, können sie nicht sagen. Generell rät sie Arbeitssuchenden jedoch dazu, in diesen Gesprächen ehrlich zu sein und über Probleme oder Zweifel zu sprechen, wenn es diese gibt. Und auch wenn ein Arbeitnehmer während einer Maßnahme merkt, dass diese unzureichend durchgeführt wird, sollte er Kontakt mit seinem Berater aufnehmen. „Wichtig ist in jedem Fall, darüber zu sprechen.“

Generell sei es auch möglich, berufsbezogene Kurse, wie zum Beispiel einen Gabelstaplerschein, finanziert zu bekommen. „Allerdings wird auch das von Fall zu Fall individuell entschieden.“

Ein Kurs der „Ganzheitliche Integrationsleistung“, wie ihn Gelios absolviert, betrachte den Arbeitssuchenden ganzheitlich. „In diesen Kursen geht es nicht nur um fachliche Inhalte“, erklärt sie. Es werde vielmehr den Problemen auf den Grund gegangen, die eine Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt verhindern. „Das können gesundheitliche Einschränkungen, das Alter, fehlende Sprachkenntnisse oder auch private Probleme sein.“

Pro Teilnehmer bekommen die Träger, also die Veranstalter solcher Kurse, eine Aufwandsentschädigung, mit der Material-, Personal- und Raumkosten beglichen werden. Zudem gibt es ein Integrationshonorar, falls es dem Träger gelingt, den Arbeitssuchenden im ersten Arbeitsmarkt unterzubringen. Nach Angaben der Sprecherin hat die Arbeitsagentur die Höhe der Aufwandsentschädigung in ihrer Ausschreibung auf 600 bis 900 Euro pro Teilnehmer und das Integrationshonorar auf 3000 Euro begrenzt.

Altersgrenzen für solche Kurse gebe es generell nicht. „Wir vermitteln regelmäßig über 60-Jährige in neue Jobs. Ohne die Älteren geht es doch gar nicht mehr“, sagt Rasokat. Es müsse jedoch in jedem einzelnen Fall individuell entschieden werden, ob eine Maßnahme in der Lebenssituation des Arbeitssuchenden sinnvoll ist, oder nicht.