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Obernkirchen Stadt „Es ist fünf nach zwölf“
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt „Es ist fünf nach zwölf“
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23:34 11.05.2019
Stauden helfen den Insekten; allerdings nur, wenn die Blüte nicht geschlossen ist. Quelle: rnk
Obernkirchen

„Wir haben einen Nerv getroffen“, stellt Eiklenborg im Bauausschuss der Bergstadt fest, wo er gemeinsam mit der Bürgervereins-Vorsitzenden Ute Roßkamp und Imker Peter Bünting ihr gemeinsames Projekt vorstellt: die Bienengemeinde Sande.

Die Grundlagen für die Artenvielfalt schwinden, die Insekten sterben aus, die Vogelwelt wird ebenfalls ärmer, daher möchte auch die Stadt Obernkirchen tätig werden. Inzwischen hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet. Das Trio aus Sande solle nun einen neuen Impuls geben, wie Bürgermeister Oliver Schäfer im Ausschuss formuliert.

„In der Bienengemeinde Sande ist das zentrale organisierende Element der Bürgerverein“, erzählt Imker Bünting, aber es könne auch der örtliche Schützenverein sein: „Es geht nur ums Tun.“ In Sande hat man sich für ein Symbol entschieden: Es ist die Biene, weil sie so niedlich ist, Maja und so, aber, sagt Bünting, es gehe um alle Insekten, von denen rund 80 Prozent in den vergangenen 30 Jahren ausgestorben seien.

Nahrungsfreie Betonwüste

Bünting zeigt ein Foto, das aus 30 Kilometern Höhe aufgenommen wurde. Es zeigt eine ganz normale Siedlung in Sande, viel Vorgarten, viel Grün, auf den ersten Blick alles in bester Ordnung. „Man muss“, sagt er, „das Ganze mit den Augen einer Biene sehen.“ Rasen, so weit das Auge reiche, dazwischen „nicht sinnvolle“ Thuja-Hecken; für die meisten der fast 600 Bienenarten, die nur kurze Strecken fliegen würden, wäre dies eine nahrungsfreie Betonwüste. Die Folge: Die Tiere verhungern, und das, sagt Bünting, „können 80 Millionen ändern“. Der Elektrorasenmäher sei der Anfang allen Übels. Früher, als noch mit dem mühsamen Handmäher gearbeitet worden sei, habe man diese Probleme nicht gehabt, „weil nicht der gesamte Rasen, sondern nur der genutzte Bereich gemäht wurde“.

„Bienen“, so Bünting, „sind ein Teil der Nahrungskette.“ Darum gehe uns das Insektensterben so viel an: Ohne Bienenbestäubung gebe es nur 35 Prozent der Äpfel und zehn Prozent der Birnen, darum müsse gehandelt werden. „Wir haben keine andere Wahl, es gibt keine Alternative. Wir müssen was tun, es ist fünf nach zwölf.“ Er plädiert für Peter-Lustig-Gärten, in denen alles wächst und gedeiht und der Gärtner viel auf der faulen Haut liegt, „dieser Garten ist der richtige“. Eine Faustformel für den Blumenkauf verrät er später: gerne Stauden oder Katzenminze, aber generell nur Blumen mit geöffneten Blüten. Bünting fordert eine Umkehr: „Weg von den grünen und hin zu den bunten Gärten.“

Die Bienengemeinde Sande habe einen Lawineneffekt erlebt, sagt Bünting. Immer mehr Menschen hätten sich beteiligt. Mittlerweile gebe es drei große Blühwiesen im Ort und sehr viele kleine Blühstreifen am Rande und in privaten Gärten, „das nimmt immer mehr Fahrt auf“.

„Dieses kleine Wesen ist für uns wichtig“

Das Projekt habe sehr viele Vorteile, erklärt Bünting. Man habe beispielsweise Gespräche mit Landwirten geführt, denn Bauern seien ja per se Umweltschützer, weil sie abhängig vom Land seien. „Es sind konstruktive Gespräche gewesen“, fügt er hinzu. Man habe durch das Projekt ein Bewusstsein in der Bürgerschaft geschaffen, eine eigene Saatmischung entwickelt, das Projekt in die Schulen getragen, in der Bibliothek eine Saattauschbörse eingerichtet und Medienaufmerksamkeit erregt. Es gebe mehr Treffen mit Bürgern, und nicht zuletzt habe man den Respekt bei den Menschen vor den Insekten vergrößert, weil viele es jetzt verstanden hätten: „Dieses kleine Wesen ist für uns wichtig.“

In der Bienengemeinde werde heute deutlich weniger Rasen gemäht, sagt Bünting: „Der Mähwahnsinn am Freitagnachmittag nimmt bei uns ab.“ Denn: „Es gibt kein Unkraut, es gibt nur Lebenskraut.“

Kurze Nachfrage im Ausschuss: „Ist die Anzahl der Insekten in den letzten beiden Jahren wieder angewachsen?“, möchte Torsten Watermann (SPD) wissen. Der Imker antwortet knapp: „Ja.“ Und er schiebt noch eine generelle Bemerkung hinterher: „Unkrautvernichter vernichten nicht nur Unkraut, sondern auch Bienen.“ Man darf sich nicht gleich so viel vornehmen, so Bünting, „Man muss die kleinen Wege gehen.“

80 Minuten dauern Vortrag und Diskussion im Bauausschuss, Thomas Stübke von den Grünen sieht es anschließend so: Innerhalb von zwei Jahren derartig viele und gute Ergebnisse erzielt zu haben, „das macht Mut“. Den Vortrag von Bünting nehme er „als ganz klare Aufgabe mit“.

Handlungsdefizit

Wenn man den Inhalt und Zweck des Projektes verstanden habe, erklärte Bürgermeister Eiklenborg, „dann läuft es von allein“. Die Bürger würden zu Multiplikatoren, weil sie begriffen hätten, dass jeder etwas machen könne. „Wir haben ja keinen Erkenntnismangel, sondern ein Handlungsdefizit.“

Eiklenborg nannte einen nicht gemähten Randstreifen als Beispiel: „Der Rest steht nicht da, weil sich niemand kümmert; nein, der steht da, gerade weil sich jemand kümmert.“ Sein abschließender Appell: „Jeder darf es besser machen als wir.“

Zufrieden war auch CDU-Ratsherr Dirk Rodenbeck: „Normalerweise ist man als Landwirt nach solchen Vorträgen der Alleinschuldige.“

Von Frank Westermann