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Obernkirchen Stadt Hitzestress und Rammelkammern
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09:41 21.08.2018
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Obernkirchen

Er ist auf Forstpatrouille. Sein Auftrag lautet: Schäden registrieren.

Sein Blick geht hinauf zu den Kronen der Fichten. Dabei betrachtet der Revierförster den Stamm der Nadelbäume. Wenn er mit dem Messer an der Rinde kratzt, wird er fast immer fündig: Borkenkäfer fressen Gänge zwischen Borke und Stamm, schädigen die Bäume. Viele sind schon abgestorben, stehen wie braune Gerippe im Klosterwald. In diesem Jahr kommen drei Dinge zusammen: der Sturm aus dem Frühjahr, die Hitze des Extrem-Sommers und die Schädlinge. „Diese Kombination ist neu. Ich habe so etwas in meinen 55 Dienstjahren noch niemals zuvor erlebt“, sagt der Betriebsleiter der Klosterforsten Hannover, Constantin von Waldthausen. Landauf, landab befürchten Waldbesitzer eine Katastrophe. Der Schaden könnte allein in Niedersachsen eine dreistellige Millionenhöhe erreichen.

Förstern wie Gützkow tut es in der Seele weh, wenn sie ihren Wald so sterben sehen. Man könne nur Sofortmaßnahmen ergreifen, sagt er. Das bedeutet: Befallene Bäume fällen. Die Käfer und ihre Brut müssen rasch raus aus dem Wald. Ob das gelingt? Gützkow zuckt mit den Schultern. Wer weiß das schon? „Wir müssen es versuchen.“

Der Buchdrucker, wie der Käfer auch genannt wird, findet derzeit geradezu paradiesische Zustände vor. Es gibt genug Bäume, deren feine Wurzeln vom Sturm beschädigt wurden, und die Hitze stresst die Fichten. Stress macht sie anfällig. „Beim Sturm haben enorme mechanische Kräfte auf die Bäume eingewirkt und sie schwer geschädigt“, erklärt von Waldthausen. Der Borkenkäfer findet einen reich gedeckten Tisch. „Der Käfer hat ein Gespür für geschwächte Bäume. Die befällt er vornehmlich“, sagt Revierförster Gützkow. Er sondert Signalstoffe ab, die Artgenossen in Massen anlocken. „Die Käfer fressen zwischen Rinde und Stamm sogenannte Rammelkammern.“ Dort zieht er seine Brut auf. Die Käfer kappen durch ihr Fressen die feinen Leitungsbahnen, die den Baum mit Wasser und Mineralien versorgen. Wenn der sogenannte Saftfluss unterbrochen ist, stirbt der Baum ab.

Abwehr fällt Bäumen schwerer

Sind die Käfer erwachsen, fliegen sie aus und befallen neue Bäume. „Das muss verhindert werden“, sagt Gützkow. Normalerweise seien die Fichten gegen die Borkenkäfer ganz gut gerüstet und würden sich mit Baumharz wehren. „In dem Harz ertrinkt der Käfer“, sagt Gützkow. Doch jetzt, wo der Baum gestresst ist, ist seine Harzproduktion eingeschränkt. „Die geschwächten Bäume können die Käfer nicht mehr so gut abwehren“, erklärt Gützkow. Zudem sei die Vermehrung der Borkenkäfer in diesem Jahr überdurchschnittlich hoch. Der heiße und trockene Sommer begünstigt eine Massenvermehrung. „Bei diesem Wetter fühlen sich die Käfer sehr wohl“, sagt der Revierleiter der Klosterforsten in Obernkirchen. Jeder der drei Faktoren sei für sich schon potenziell tödlich. „Alles zusammen ist jedoch extrem tödlich“, sagt von Waldthausen.

Dort, wo nur noch braune Gerippe im Obernkirchener Wald stehen, muss jetzt schnell gehandelt werden, denn: „Bei einer Massenvermehrung ist schnell der ganze Wald betroffen. Dann kriegt man den Käfer gar nicht mehr aus dem Wald“, sagt von Waldthausen. Mit Harvestern, Kettensägen und Seilschleppern müssen die Fichten nun gefällt werden. „Da wir nicht jedes Jahr ernten, wie zum Beispiel die Bauern, hat die Jahrhundert-Hitze das Erntegut von 99 Jahren geschädigt. Manche Schäden werden sich also erst dann bemerkbar machen, wenn wir das Holz ernten“, sagt von Waldthausen. Ein wirtschaftlicher Schaden, der bereits jetzt auffällt, ist der extrem niedrige Holzpreis. Der ist schon wegen des vielen Sturmholzes gefallen. „Jetzt ist er völlig im Keller“, sagt von Waldthausen. „Durch den Borkenkäfer werden wir jetzt trotz des niedrigen Preises gezwungen zu verkaufen“, so Gützkow. Zudem sei das Holz, das von befallenen Bäumen stamme, nur eingeschränkt in der Verwertung verwendbar, betont von Waldhausen.

Helfen, einen Massenbefall zu verhindern, würden jetzt ein Landregen mit viel Wasser und kühlere Temperaturen. „Doch beides ist erst einmal nicht in Sicht“, bedauert von Waldhausen. Der Regen der vergangenen Wochen sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Die meisten Regentropfen würden verdunsten, wenn sie auf den heißen Boden fallen. Revierförster Gützkow wird weiter die Augen aufhalten und rasch einen Sägetrupp zusammenstellen müssen. leo