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Obernkirchen Stadt „Im Ring bist du allein“
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt „Im Ring bist du allein“
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19:20 24.03.2019
Voller Respekt, aber auch voll Technik, Kraft und Schnelligkeit: Momentaufnahmen von einem Turnier, das an einstige Glanzzeiten des Boxens in der Bergstadt erinnert.
Voller Respekt, aber auch voll Technik, Kraft und Schnelligkeit: Momentaufnahmen von einem Turnier, das an einstige Glanzzeiten des Boxens in der Bergstadt erinnert. Quelle: rnk
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Obernkirchen

Innerhalb von Sekunden kann ein mit Seilen umsäumtes Viereck in einer großen Halle voller Menschen zum einsamsten Platz auf Gottes großer weiter Erde werden. Thiele ist Sportwart der Boxstaffel Obernkirchen, er ist sozusagen die rechte Hand von Trainer Ralf Schneider. In Hameln hat er Kampfsport betrieben, aber weil diese Sportarten generell nicht den besten Ruf genießen und zuweilen die Spuren eines Wochen-end-Kampfes am Montagmorgen noch sichtbar sind – was hinderlich sein kann, wenn man selbstständig sein Geld verdient und Kundenkontakt unumgänglich ist –, hat er sich mit drei Freunden im Netz umgeschaut und dann bei Schneider angerufen. Wir, sagte Thiele, sind alle Mitte 20 und wollen Sport treiben, wir wollen boxen, wir möchten aber auch von der Pike auf lernen. Können wir mal vorbeikommen? Seitdem ist er, mitsamt den drei Freunden, Boxer in der Bergstadt.

Boxen, sagt Thiele, ist mehr als ein Sport. Es ist eine Philosophie, nach der man sein Leben ausrichten kann, denn man glaubt an sich selbst, den Erfolg, den Sieg. Es ist eine Lebenseinstellung: Im Ring gewinnt man allein und man verliert allein, und weil sich Leistung durchaus steigern lässt, stellt man manchmal die Ernährungsgewohnheiten um, um mehr Leistung bringen zu können, „um ein Beispiel zu nennen“. Wichtig sei der Respekt: „Vor dem Gegner, vor mir selbst, vor dem Sportsgeist. Immerhin ist Boxen olympische Disziplin.“

Explosives, olympisches Boxen

Einen langen Samstagnachmittag hat die Boxstaffel in der Kreissporthalle demonstriert, wofür Boxen im Jahr 2019 steht, für Technik und Schnelligkeit. Es ist zeitgemäßes, explosives, Olympisches Boxen. Und während bei den Junioren, die dreimal zwei Minuten im Ring stehen müssen, zuweilen der jugendliche Überschwang die noch nicht ganz ausgebildete Technik ersetzt, sieht das bei den Männern schon ganz anders aus. „Technisch supersaubere Kämpfe“, meint Thiele und bedauert, dass an diesem Wochenende die deutschen Meisterschaften im Amateur-Boxen stattfanden – sonst hätten sich mehr Vereine für das Turnier in Obernkirchen gemeldet. So blieb es bei den Box-Teams aus Wolfsburg, Hannover und Salzgitter.

Trainer Schneider und sein Team hatten für das Turnier einen Boxring aufgebaut, sichtbares Indiz für die Klasse und auch Ernsthaftigkeit, mit der an diesem Nachmittag für den Sport geworben werden wollte. Am Ring selbst saßen Richter, stilecht mit Jackett und Fliege, nach den Kämpfen wurden die Wertungszettel nach oben gereicht, die Runden wurden mittels Glocke begonnen und beendet und die sportliche Atmosphäre übertrug sich auf das Publikum, das nicht nur nach jedem Kampf, sondern nach jeder Runde hörbaren Beifall zollte. Alle Boxer, so kann man es formulieren, erfuhren Wertschätzung.

Fechten mit der Faust

Geboxt wird bei den Erwachsenen seit ein paar Jahren wieder ohne Kopfschutz, so wie früher. Das macht den Sport bedeutend attraktiver, das Publikum kann sich intensiver mit den Kämpfern identifizieren, der Boxer selbst muss wieder mehr auf Technik und Taktik achten. Das Duell wird intensiver. Boxen ist wieder das „Fechten mit der Faust“, mit Kontern, Finten und Eleganz; das ergibt Spannung, Kraft und Emotion.

Eine Premiere feiern zwei Obernkirchener: Moritz Kressin und Diyar Benli treffen in ihrem ersten U-17-Wettkampf aufeinander. Dieser endet unentschieden. Lob gibt es von Sportwart Thiele: „Beide wollen, sie sind heiß, sie sind bissig, sie haben Feuer.“ Und Ralf Schneider wird nicht nur am Ring immer wieder die gleiche Frage gestellt: „Tolle Veranstaltung, Wann gibt es die nächste?“

Von Frank Westermann