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Obernkirchen Stadt Keine Erwartungen, kein Fortschritt, nur malen
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Keine Erwartungen, kein Fortschritt, nur malen
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08:25 12.05.2017
Cornelia Engemann und Arno Stern. Quelle: pr
Obernkirchen

Dieses Schicksal hatte Onkel und Tanten ereilt. Illegal schafft es die Familie in die Schweiz, wo sie bleiben darf. Stern wächst in einem Lager für deutsche Emigranten auf, und mit 22 Jahren kommt er nach Paris. Er soll mit Kriegswaisenkindern basteln, aber es gibt kein Material. Also beginnt er, mit den Kindern zu malen. Das ist der Beginn eines Lebenswerkes, das mittlerweile die Welt umspannt.

Denn Arno Stern gründet in Paris ein Mal-Atelier, einen geschützten Raum, nach einer Jugend voller Angst und Unsicherheit. Und er macht eine Entdeckung, als er mit Kindern arbeitet: Kinder malen ganz spontan, sie malen ohne Ziel. Sie können sich dabei am besten entfalten, wenn sich niemand einmischt, wenn kein Erwachsener hinter ihnen steht und sie kritisiert, weil der Baum nicht ganz gerade auf der Wiese steht oder die Sonne nicht rund genug gemalt ist. Diese Menschen, die sich einmischen, die haben bei Stern einen Namen: Er nennt sie Spielverderber.

„Und was für Kinder gilt“, meint Stern, „das trifft auch auf Erwachsene zu.“ Sie können sich nur ganz kreativ ausdrücken, wenn man ihre Malerei nicht kommentiert, bewertet oder kritisiert. Malorte nennt Stern diese Plätze, an denen das möglich ist: Man malt und malt, dann wird das Bild archiviert. Besprochen wird es nicht, weil diese Maler eben keine bleibenden Werke schaffen, sie lassen keine Kunst entstehen, weil das Ergebnis nicht zählt. Erwartungen gib es nicht, Fortschritt ist nicht gefragt, und Stern selbst spricht gern von einem „Malspiel“, das aber ein ernstes Anliegen habe: „So gelangt man zu einem Gefühl der Einheit mit sich selbst.“

Ohne Schule aufgewachsen

Und was nun verbindet Stern mit der Bergstadt Obernkirchen? Diese Verbindung beginnt mit der Neugier von Cornelia Engemann, die eine Biografie des Sohnes liest, in der André Stern schildert, wie er aufwächst: ohne Schule. Denn Frankreich kennt keine Schulpflicht, aber es gibt eine Bildungspflicht. Seine Mutter, eine Grundschullehrerin, und sein Vater Arno sind sich einig: Kinder benötigen keinen systematischen Frontalunterricht, weil sie alles, was sie im Leben benötigen werden und was sie werden und erreichen können, schon in sich tragen. Sohn André beginnt mit vier Jahren zu rechnen, er dividiert, weil ihm auffällt, dass fünf Finger an einer Hand genau halb so viel sind wie die Finger an beiden Händen. Heute spricht er mehrere Sprachen, er hat sie sich selbst beigebracht. Über die Biografie des glücklichen Sohnes, der nie eine Schule besucht hat, landet Engemann beim Malort-Projekt des Vaters.

2013 will sie Stern besuchen, in seinem Atelier in Paris, aber es ist geschlossen. 2016 kommt Stern nach Kassel, um dort, wo er aufwuchs, Stolpersteine zu legen, die an die jüdischen Mitbürger erinnern, die unter den Nazis verschleppt und ermordet wurden. Zudem gibt er drei Kurse, in denen er sein Malort-Prinzip erklärt. Sie sind alle ausgebucht, für Engemann gibt es keinen Platz mehr. Und dann gibt es doch noch einen Zusatzkurs, zehn Tage lang, Theorie und Praxis. Und weil Stern auch nicht jünger wird, hat sich Engemann sofort angemeldet.

Die Obernkirchenerin hat sich also ausbilden lassen, und sie wird Auf der Papenburg selbst einen Malort anbieten. Im Trafohäuschen am Kirchplatz stellt sie am heutigen Freitag ab 18 Uhr ihr Projekt vor. Vorab wird der Film „Alphabet“ gezeigt, in dem Stern eine wichtige Rolle spielt.

Das eigene Bild malen

Zeigt Engemann, wie man richtig malt? „Nein, eben nicht“, sagt sie. Ihre Aufgabe sei es, alles beiseitezuschaffen, was die Malenden daran hindere, das eigene Bild zu malen. Das Angebot ist für Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Religionszugehörigkeit, erklärt sie. „Man ist zusammen in einem Malort-Raum und malt.“ Es ist ein Raum, der bestimmte Anforderungen erfüllen muss: So ist ein Fenster nicht erlaubt, weil der Blick hinaus ablenken würde.

Stern hat sein Malort-Konzept in die Welt transportiert, er hat Kinder in Peru malen lassen, in Afghanistan und in der Wüste von Mauretanien – und dabei festgestellt, dass sich bestimmte Figuren überall in der Malerei wiederfinden.

Ihr Malort, so Engemann, sei ein Platz für alle, die sich auf spielerische Weise ihrer Potenziale bewusst werden möchten und selbstbewusst der eigenen individuellen Spur folgen. rnk