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Obernkirchen Stadt "Mafia in Deutschland wird unterschätzt"
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16:36 05.03.2020
Sandro Mattioli spricht im Stift über die Mafia. Quelle: Volkmar Heuer-Strathmann
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Obernkirchen

Die Worte „Mafioso“ und „mafiös“ sind schon lange im Duden zu finden. Doch die Aussage, dass kriminelle Geheimorganisationen mit diesem Etikett allein in Sizilien angesiedelt seien, wirkt reichlich überholt. Als Mafia-Experten konnte Werner Hobein von „Treff im Stift“ den Journalisten Sandro Mattioli für einen Vortrag gewinnen, der Licht ins Dunkel bringen sollte.

Der in Heilbronn geborene „Halbitaliener“ ist fest davon überzeugt, dass Mafiaclans wie die „‘Ndrangheta“ inzwischen in Deutschland eine immense Gefahr darstellen, aber stark unterschätzt würden, selbst von Sicherheitsorganen.

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Spektakuläre Verbrechen sind selten

Spektakuläre Verbrechen wie der Mehrfach-Mord in Duisburg im Jahr 2007 seien in der Tat selten, so Mattioli. Man nehme aber massiven kriminellen Einfluss auf den internationalen Drogenhandel, den deutschen Immobilienmarkt und die transnationale Geldwäsche. Die Mafiosi hätten erheblich dazugelernt, man trage Zivil, kenne die Börse und ballere nicht blind herum.

Mit der Wiedervereinigung hätten sich 1990 ganz neue Aktionsfelder ergeben, allein schon mit Blick auf Boden und Bauten. Zu Hessen, Baden-Württemberg, NRW und Bayern als Schwerpunkten seien vor allem Sachsen und Thüringen hinzugekommen: „Und keinesfalls nur die Großstädte.“

Das Stichwort „Schutzgelderpressung“ macht für Mattioli ein Problem deutlich: „Hier wird oft durchaus auch Schutz gewährt.“ Er erwähnt andere Clans mit ganz anderer Abstammung als Bedrohung von Bürgern. Mancher Bedrängte fühle sich ganz gut versichert bei Erpressern.

Strafverfolgung in der BRD „wenig aktiv“

Mattioli sieht die zuständigen Organe der Strafverfolgung in der BRD als „wenig aktiv und kaum erfolgreich“. Sein Hinweis auf unterschiedliche Gesetze und Zuständigkeiten in Italien und Deutschland überzeugt nicht alle Zuhörer. Belastbare Zahlen kann der Referent den Gästen im restlos besetzten Festsaal kaum bieten, teils aufgrund sträflich vernachlässigter Forschung, teils wegen der Operationsfelder der modernen Kriminellen.

Vom Schurkenbild der Filmwelt müsse man sich allmählich verabschieden. Mit dem Internet und den globalen Märkten sei die Struktur der Einflussnahme komplexer geworden. Grenzen kenne die Mafia nicht, selbst die „Blutsbande“ werde schon mal verwässert, wenn es sich langfristig auszahle.

Fälle aus Malta und der Slowakei zeigen, dass manche Journalisten den Kampf gegen die Mafia ihres Landes mit dem Leben bezahlen. Mattiolis Humor hat deshalb nicht gelitten. So schildert er verschmitzt, bislang kämen Frauen – ganz in strengkatholischer Tradition – nur zum Einsatz, wenn Vater, Bruder oder Ehegatte verhindert oder erledigt seien – durch lange Haftstrafen oder Rachefeldzüge anderer Clans, in jüngster Zeit etwa aus dem arabischen Raum, Tatort Berlin.

„In Italien ist das Abhören einfacher“

Ob im Bundestag, in Parteien oder Verbänden, ob auf Richtersesseln oder auf Staatsanwaltsstühlen auf mafiöse Weise Einfluss genommen werde, wüsste der Referent auch gerne. Anders als in Italien heiße Schutz der Persönlichkeitsrechte im Sinne des Grundgesetzes auch Schutz für die Mafiosi: „In Italien ist das Abhören einfacher.“

Den Gesetzgeber sieht der Experte in der Pflicht, mehr zu tun für eine radikale Bankenkontrolle und für echte Transparenz bei Finanztransaktionen. Viel verspricht sich der Vor-Kämpfer gegen die Mafia vom Bürgerengagement. Auf Sizilien habe das die Erde beben lassen, könnte man denken. Erste Vereine gebe es bereits.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

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