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Obernkirchen Stadt Obernkirchen – das war Ausland
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Obernkirchen – das war Ausland
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08:28 13.06.2019
Der Bahnhof Obernkirchen war einst – und ist wieder – ein Anlaufpunkt für den Güterverkehr. Quelle: rnk
Obernkirchen

„Und das in verdammt kurzer Zeit“, erklärte er bei einem Referat im Trafohaus, wo er der Frage nachging, warum 1900 die Eisenbahn nach Obernkirchen kam: Warum nicht deutlich früher?

Denn die Bedeutung der Eisenbahn sei sofort erkannt worden, hinter einem schnell wachsenden Netz hätten „knallharte ökonomische Interessen“ gestanden, und schon 1838 habe es in Braunschweig die erste deutsche Staatsbahn gegeben, 1847 sei dann die Ost-West-Trasse MindenHannover in Betrieb genommen worden.

Aufbruchstimmung

Es war eine Zeit der Aufbruchsstimmung: Netze wurden verlegt, auch wenn keine hohen Steigungen eingeplant werden konnten, weil die Zugleistungen der Loks noch nicht ausreichten; Arbeiter zogen mit dem Netz mit, „raue Gesellen“, sagt Schneider, und „alles passiert in ganz kurzer Zeit.“ Es entwickelt sich eine hochprofitable Lokomotiven-Industrie; vergleichbar mit dem schnellen Internet, meinte er, und um kurz innezuhalten: Blicke man auf die Entwicklung des Internets im ländlichen Bereich, „so stellen wir uns heute im Vergleich dümmer an“.

Um 1860 findet sich das Netz vor allem dort, wo die Industrie ist, also im Ruhrgebiet, im Rhein-Main-Gebiet. Schneider spricht von einer „unglaublichen technischen Leistung“.

Wichtig für die Glasindustrie

Auch in Obernkirchen hat man die Vorteile der Eisenbahn quasi sofort erkannt, vor allem die Glasindustrie habe von weltweiten Aufträgen gelebt, und von der Glasindustrie lebte teilweise der Bergbau, sagt der Historiker. Die neue Erfindung verspricht deutlich mehr Unabhängigkeit, bislang musste das Gros der benötigten Rohstoffe und ihrer Produkte mit Pferdefuhrwerken von und zur Weser gefahren werden, das war umständlich und teuer.

1847 kommt die Eisenbahn, aber sie kommt in Schaumburg-Lippe, referiert Schneider, und aus Sicht der Obernkirchener sei dies Ausland. Schon 1850 habe Heye versucht, eine Bahn zu bauen, stand aber recht allein auf weiter Flur. Die häufigste Reaktion: „Das lohnt sich nicht. Und überhaupt: Wer braucht das schon?“ Doch um 1869 sieht Heye ein Eisenbahnnetz vor der eigenen Firmentür als „Lebensfrage für die Fabrik“, doch weitere drei Jahrzehnte ziehen ins Land, ehe im März 1900 tatsächlich die Rinteln-Stadthagener Eisenbahn in Obernkirchen hält. Es ist, wie Schneider mit Zahlen von 1910 belegt, vor allem eine Bahn, die Güter bewegt, das Einkommen durch Passagiere spielt keine große Rolle. Die stärksten Kräfte, die sich für die Trasse einsetzten, fanden sich in Rinteln, doch es war Obernkirchen, das am stärksten profitierte.

Blockade bis 1890

Bis 1890 habe Schaumburg-Lippe den Bau des Netzes blockiert, betont der Experte, wegen der eigenen Vorteile, denn Rinteln und Obernkirchen gehörten damals zu Hessen, und der überwiegende Teil der für die Trasse benötigten Grundstücke lag auf fürstlichem also schaumburg-lippischen Hoheitsgebiet. Erst als Adolf I. Georg 1893 starb, setzte ein Umdenken ein.

Schneider kündigte an, dass ein ausführlicher Bericht von ihm über das Thema im Herbst in den Schaumburg-Lippischen Heimatblättern erscheinen würde.

Von Frank Westermann