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Obernkirchen Stadt Ring frei für die Fitness
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Ring frei für die Fitness
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19:08 21.07.2019
„So kann es nicht weitergehen“: Sport hat Frank Hartmann seit einem Jahrzehnt nur noch durch den Fernseher gekannt. Jetzt boxt er seit einem halben Jahr.
„So kann es nicht weitergehen“: Sport hat Frank Hartmann seit einem Jahrzehnt nur noch durch den Fernseher gekannt. Jetzt boxt er seit einem halben Jahr. Quelle: pr.
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„So kann es nicht weitergehen“, war der Standardspruch des schlechten Gewissens, das sich bis vor drei Monaten regelmäßig bei Frank Hartmann meldete: Büromensch, Mitte 50, Raucher, seit zehn Jahren nur noch durch den Fernseher mit Sport verbunden. Und alle zwei Wochen auf der Kegelbahn.

Früher dagegen konnte es nie genug sein mit Handball, Tennis, Leichtathletik. Aber das ist lange her, „viel zu lange“, befand Hartmann: „Die Muskeln verschwanden nach und nach – und damit auch die Kraft. Durch das ständige Sitzen verlor ich außerdem Beweglichkeit und Kondition.“ Dafür nahmen die Beschwerden zu: Rücken, Knie, Schultern. Jeden Tag was anderes.

Als einer seiner Kegelbrüder ihn gefragt habe, ob er nicht mal zum Training des Box-Club Schaumburg mitkommen wolle, seien ihm zunächst die Namen der legendären Weltmeister eingefallen: Joe Louis, Max Schmeling, Muhammad Ali, Mike Tyson, Vitali und Wladimir Klitschko. Boxen, sagt Hartmann, das sei nicht seine Sportwelt gewesen. Aber künftig zweimal in der Woche Training, montags und freitags ab 20 Uhr? Und die Möglichkeit, ein paar Probetrainingseinheiten mitzumachen? Das klang gut. Er sagte zu.

Beim ersten Training musste er sich noch Bandagen und Boxhandschuhe ausleihen. Am zweiten Abend war er schon mit eigenem Equipment dabei, denn er hatte Feuer gefangen, und es war klar: „Ich bleibe dabei.“
Jetzt, gut 30 Trainingsabende später, hat er berufliche Verpflichtungen und private Verabredungen so organisiert, dass er keinen Montag- und Freitagabend verpasse: „Ich liebe es, völlig durchgeschwitzt und erschöpft nach Hause zu fahren und unter der heißen Dusche die Anstrengung der 90 Minuten vom Körper zu spülen.“ Und das Beste, sagt er: „Die Fitness kehrt zurück.“

Mit 56 Jahren gehört er zu den ältesten der aktuell etwa 30 aktiven Vereinsmitglieder. Trainer Ralf Schneider hat ihn der „Sportboxabteilung“ zugeteilt, „da gehöre ich auch hin“, sagt Hartmann. Dort wird mit kleinen Sprungkästen, Springseil, Gewichten und Medizinbällen hart gearbeitet: an Muskelaufbau, Beweglichkeit, Koordination, Reaktionsvermögen und an Technik – entweder mit Pratzen, das sind Schlagpolster, mit denen ihr Betreuer vorgibt, wo und wie sie schlagen sollen, oder am Sandsack. Auch zwei, drei lockere Sparrings mit Mund- und Kopfschutz hat Hartmann hinter sich. „Boxen“, sagt er jetzt, „ist ein Sport, in dem alles koordiniert werden muss: Hände und Füße, Bewegungen nach vorn und nach hinten, ausweichen und angreifen.“ Es sei ein sehr komplexer Sport.

Eine Runde Amateurboxen dauert drei Minuten. Eineinhalb Minuten im Kampfmodus halte er schon durch, sagt Hartmann. Danach fehlten ihm die Puste und die Kraft, seine Arme als Deckung weiter hoch genug zu halten, um nicht am Kopf getroffen zu werden. Daran arbeitet er.

Sein Ziel: Drei mal drei Minuten durchzustehen, ohne allzu schmerzhafte Treffer zu kassieren und – natürlich – ohne k. o. zu gehen.

Apropos Schmerzen: Amateurboxen ist ein harter Sport. „Allein der Muskelkater am Tag nach dem Training ist oft heftig“, erklärt Hartmann, „denn wir reden nicht über zehn Liegestütze oder Klappmesser, sondern über 30 mit ein bis zwei Wiederholungen pro Übungsabend.“

Die Jüngeren und schon länger Trainierenden in den Gruppen für Fortgeschrittene und Wettkämpfer schaffen problemlos 50 und mehr. „Anfänger wie ich müssen an ihre Leistungsgrenzen gehen, um wenigstens die Hälfte der Vorgaben zu erfüllen“, sagt er. Ehrgeizig und diszipliniert genug sei er – und wer weiß, „wenn ich mich körperlich fit genug fühle, steige ich eines Tages vielleicht doch noch in der Ring“.

Das Training schlägt schnell an

Das letzte Wort liege allerdings nicht bei ihm, sagt Hartmann: In den Ring gehe es für ihn erst, wenn er den Eindruck habe, dass er durchhalten werde, und wenn der Trainer ihm sage, „du bist bereit“. Generell, so der 56-Jährige, schlage das Training schnell an: „Man geht anders, man fühlt sich anders, man fühlt sich besser.“ Und, sagt er nach einem Augenblick, „man wird mit Ängsten konfrontiert, von denen man gar nicht wusste, dass sie überhaupt existieren“.

Letzte Frage: Wie hat sein Umfeld reagiert, als er verkündet hat, dass er mit 56 Jahren mit dem Boxsport begonnen habe? Hartmann lacht. „Ich habe alle Sprüche zu hören bekommen, die man sich so vorstellen kann.“ Aber er hat auch bemerkt, dass fast alle sein neues sportliches Hobby gut fanden; auch oder gerade, weil sie durch ihn und das Boxen mit der eigenen Bequemlichkeit konfrontiert worden seien.

Es ist spät geworden im Gespräch mit Hartmann, Zeit für einen letzten Gedanken. An die alten sportlichen Zeiten, als er als Handballer und Leichtathlet in Bestform unterwegs war. „Da komme ich nicht mehr hin“, sagt Hartmann, aber dennoch heißt es: Ring frei für die Fitness.

Von Frank Westermann