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Obernkirchen Stadt Was Großmutter noch wusste
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Was Großmutter noch wusste
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13:04 28.07.2019
Blumen gibt es im Bauerngarten von Erhard Vinke natürlich auch, aber vor allem gibt es dort Gemüse und Kräuter, wie die Owoki-Kids feststellen, als sie dort ihr Essen einsammelten. Das obere Bild rechts zeigt die Vielfalt der vorgefundenen Gewürzpflanzen. Quelle: Frank Westermann
Obernkirchen

Zuweilen muss man der Natur auch ein mal auf die Sprünge helfen. daher beschließt Erhard Vinke, die Waldwanderung zu den Kräutern zu verlegen, in den eigenen Garten, und das hat zwei Vorteile, wie er erklärt: In seinem heimischen Garten finden sich doppelt so viele Kräuter, und so vertrocknet wie im Wald sind sie auch nicht. Vinke war bis zu seinem Ruhestand Jugendpfleger der Stadt, seine Arbeitszeit mist er in Jahrzehnten, Flexibilität war sein zweiter Vorname. Also; Alle einsteigen und Abfahrt.

In Vinkes Garten lässt sich auf den ersten Blick sehen, was er ebenfalls war: Gründungsmitglied der Nabu-Ortsgruppe, auf rund 1000 Quadratmetern grünt und blüht und wächst und kreucht und fleucht hier, was des Naturgärtners Herz vor Begeisterung bis zum Hals schlagen lässt. Kernstück ist ein Kräutergarten, umgeben von einer Buchsbaumhecke, klassisch also.

Es soll gesammelt, zubereitet und gegessen werden, Kräuter spielen die zentrale Rolle. Und ohne sie wären die Speisen ja öd und fad und langweilig, durch sie wird das Essen bekömmlich, appetit- anregend und eben auch abwechslungsreich. Nicht das Helen, sondern das Würzen mit Kräutern ist für die moderne Küche flächendeckend wiederentdeckt worden; vieles, was noch in Großmutters Rezeptbüchern stand, feiert in verfeinerten Rezepten einfröhliches Comeback. Es ist eine Binsenweisheit, aber dennoch wahr: Frische Kräuter, direkt aus dem Garten geholt, sind eine Bereicherung jeder Küche, die zudem noch den Vorteil haben, dass sie gesund sind.

Vinke erklärt derweil die verschiedenen Kräuter in seinem Garten: Minze gibt es in verschiedenen Ausführungen, man schmeckt sie wie Kaugummi, mal wie grüner Pfeffer, „sie wächst wie Hulle“, meint der Herr des Gartens und bleibt an einem Zitronenbaum stehen: Er blüht lange und schenkt viel Ente, was will man mehr?

Sellerie kann schnell zugeordnet werden

Anschließend werden Kartoffeln ausgebuddelt und gewaschen, später werden sie mit Kräutern und Quark serviert. Vinke kann viel Wissen abfragen, die Kinder wissen recht gut, was im Garten so alles wächst, Lavendel, Oregano, Sellerie kann schnell zugeordnet werden, passen müssen sie am nächsten Baum, an denen etwa fünf Zentimeter lange gelborangene Früchte hängen: Es ist eine Kumquat, eine Zitruspflanze. Als sie später in geeister Form als Zugabe zum Getränk serviert wird, probieren nur die Mutigen, es ist nicht jedermanns Geschmack, denn die Schale der Kumquat schmeckt herb süßlich, das Fruchtfleisch dagegen bitter bis sauer.

Bei der nächsten Pflanze hätten unsere Großmutter und Urgroßmutter nicht eine Sekunde überlegen müssen: Rauke, was sonst. Erst fast in Vergessenheit geraten, dann lange Zeit als Kaninchenfutter verunglimpft, gelangte das Blattgemüse Rauke über den Umweg Italien wieder auf unsere Märkte und auf unsere Teller, doch Rucola wurde schon im Altertum von den Römern genutzt.
Für den Hobbygärtner ist Rucola ein dankbares Kräuterlein, es ist unempfindlich und stellt keine hohen Ansprüche an Boden und Klima. Vinke erklärt, dass er es ausblühen lässt, es verteilt sich dann überall im Garten, und wo es ihn stört, wird es halt herausgerissen.
Auch am Rucola ist zu erkennen, dass die in Jahrhunderten gewachsenen Gewürzkenntnisse erst verloren gingen und nun wiederkehren; über das Interesse an Kalorien, Vitaminen, Eiweiß und Fettsäuren wurden Gewürze und Gewürzkräuter vernachlässigt und vergessen.
„Es ist alles ein großer Mix“, erklärt Erhard Vinke in seinem Garten, die Hälfte sind Wildkräuter, die andere Hälfte Gartenkräuter, „aber alles kommt aus der Natur“, sagt er.

Und wer Kräuter im eigenen Garten anbaut, statt sie in der freien Wildbahn zu sammeln, schon nicht nur die bedrohte Artenvielfalt der heimischen Landschaft, sondern schafft damit Lebensräume für Pflanzen und Tiere und leistet einen aktiven Umweltbeitrag.
Großmutter wusste das noch. Und handelte danach.