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Obernkirchen Stadt Zentrale Anlaufstelle für Jesiden in Stadthagen
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Zentrale Anlaufstelle für Jesiden in Stadthagen
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20:40 17.12.2018
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Obernkirchen/Stadthagen

Es hat wie eine kleine Randnotiz während eines rauschenden Abends gewirkt, doch dahinter steckt ein großes Projekt: ein „öffentliches Wohnzimmer“ für Jesiden in Stadthagen. Am Freitagabend ab 17 Uhr traf sich die regionale (und überregionale) Jesiden-Gemeinde zur Begehung des sogenannten Ida-Ezi-Festes, dem Fest zu Ehren Gottes, zum Abschluss der vorausgegangenen Fastenzeit. In der Liethhalle hatten sich einige Hundert Jesiden versammelt.

Der eigentliche Abend hatte aber noch gar nicht begonnen, denn zunächst ergriff Alwan Guli, er ist ein sogenannter „Sheikh“, ein geistiger Führer und Vorbild, das Wort. Er dankte den Anwesenden für deren Kommen und den Organisatoren, zu denen er selbst zählt.

Einen Moment des Nachdenkens gab es, als fünf junge Schüler Texte vortrugen, die die Geschichte, aber auch das Leid ihres Volkes schildern. Und schnell wurde klar, dieses Volk findet hier einen neuen Boden. „Ich bin Deutscher“, lautete das Statement des letzten Schülers, das vom Applaus noch unterstrichen wurde.

Petra Scharnhorst, eigentliche Frau des Abends, hielt sich zunächst zurück und bat die beiden Vertreter der Kirche auf die Bühne. Pastor Lutz Gräber und Landesbischof Karl-Hinrich Manzke begrüßten die jesidische Gemeinde.

Leid auffangen

Gräber betonte gerade im Hinblick auf die jesidische Nobelpreis-Trägerin Nadia Murad, wie wichtig es sei, den Jesiden ein sicherer Hafen zu sein. „Das unermessliche Leid, das diesem Volk widerfahren ist, muss aufgefangen werden.“ Er verurteilte die Gräueltaten der Terroristen des sogenannten Islamischen Staates am jesidischen Volk. Auch Manzke unterstrich: „Die Kirche nimmt das Volk der Jesiden freudig auf.“ Doch nicht nur die Kirche ist froh über die Jesiden-Gemeinde. Auch Petra Scharnhorst, der stellvertretenden Vorsitzenden des Vereins „Eziden Weltweit“, liegen die vielen Menschen am Herzen. Als sie zum Schluss das Wort ergreift, füllt sich der Platz vor der Bühne zusehends.

„Ich schenke euch alles, was ich habe“, ruft Scharnhorst den Leuten zu, „meine Freizeit, mein Geld, aber vor allem: mein Herz.“ Sie wird zu Beginn des nächsten Jahres einen Anlaufpunkt für Jesiden in Stadthagen eröffnen: „Zentrumsnah.“ Der Standort wird derzeit noch gesucht, aktuell sind zwei Objekte in Aussicht. „Das alles werde ich ehrenamtlich machen.“

Klein anfangen

An drei Tagen in der Woche wolle sie Bürozeiten abhalten – dann ist sie als Ansprechpartner und Hilfeleister zu erreichen und anwesend. Dahinter steckt eine Menge Herzblut, das stellt Scharnhorst selbst klar: Sie sei nicht käuflich, nicht bestechlich – Politik sei verboten. „Das soll ein Ort der Zusammenkunft werden.“ Tee trinken, Karten spielen, Kurse, gemeinsames Beten – Scharnhorsts Vorstellungen reichen weit.

„Aber wir fangen klein an, größer werden kann man später immer noch.“ Unklar sei auch die Finanzierung – mit ihrem Freund und Geschäftspartner Alwan Guli wird sie das meiste selbst stemmen müssen. „Im Januar haben wir Gespräche mit Bürgermeister Oliver Theiß, ob wir möglicherweise Fördergelder erhalten.“ Unterkriegen lasse man sich davon aber so oder so nicht: „Wir werden ständig pleite sein – aber zuversichtlich.“

Bei dem Projekt gehe es auch um Integration. Man wolle „Raum geben“, würde aber auch Mitarbeit fordern. Eine Zusammenarbeit mit den Kirchen – bis hin zu gemeinsamen Projekten – sei ebenfalls angedacht. Einen gemeinsamen Ort haben, das sei wichtig für jene Jesiden, die seit 2014 nach Deutschland kamen. Scharnhorst erklärt: „Viele sind schwer traumatisiert. Ein gemeinsamer Rückzugsort kann helfen.“

von Maurice Mühlenmeier