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Rinteln Ortsteile Der Mann im schwarzen Auto
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09:11 12.05.2017
Wolfgang Dier auf seinem Posten. Quelle: jan
Engern/Westendorf

Von sechs bis sechs ist natürlich so nicht ganz richtig: „Ich habe ja auch eine Mittagspause“, erzählt Dier beim Besuch unserer Zeitung. Grund für diese Vorsichtsmaßnahme der Bahn ist das erhöhte Verkehrsaufkommen, verursacht durch die Baustelle auf der Steinberger Kreuzung.

Seit dem 20. März führt eine Umleitungsstrecke bekanntlich durch das Gänsedorf, zurzeit Rintelns Ortsteil mit den meisten Halteverbotsschildern am Straßenrand. „Staut sich der nach Westendorf fließende Verkehr im Bereich des Bahnübergangs weit zurück, droht Gefahr“, sagt Dier. Er sorgt dafür, dass kein Auto, kein Lastwagen, kein Motorrad auf den Gleisen steht. „Ich weiß genau, wann der Zug kommt.“

Zweimal die Stunde rauscht die Nordwestbahn hier durch. Dann steigt Dier aus dem Auto und bedeutet uneinsichtigen, gedankenlosen oder gedankenverlorenen Autofahrern mit seiner Fahne: Bis hierher und nicht weiter. „Am umsichtigsten verhalten sich Mütter mit Kindern im Auto.“ Direkt stressig sei der Job nicht, so Dier. „Mittags gegen zwölf und um 16 Uhr wird’s enger.“ Dann unterbricht er auch schon mal seine Mittagspause, um einzuschreiten.

Und was macht er sonst so – in seiner Mittagspause? „Dann fahre ich da hinten ins Dorf (er meint Deckbergen) und hole mir was vom Bäcker. Danach verbringe ich die freie Zeit aber auch meist im Auto, oder bei schönem Wetter laufe ich mal ein Stück.“

15 Stunden auf dem Fahrersitz

Diers reguläre Arbeitszeit geht von 6 bis 9 Uhr und von 15 bis 18 Uhr. Doch Dier sitzt noch viel länger im Auto: „Ich fahre ja anderthalb Stunden von Salzbergen hierher und nach Feierabend anderthalb Stunden wieder nach Hause.“ Grob überschlagen verbringt der BÜP – mit Unterbrechungen – also von morgens halb fünf bis abends halb acht fast 15 Stunden auf dem Fahrersitz. Zieht man die Zeiten ab, wo Dier aussteigt, um für Sicherheit am Gleis zu sorgen oder zum Bäcker zu fahren oder sich mal die Füße zu vertreten, kommt der unverzagte Mann aus dem Emsland auf täglich zwölf bis 13 Stunden, die er in seinem schwarzen Kompaktwagen verbringt. Das macht er seit Beginn der Bauarbeiten in Steinbergen. „Und das mache ich wohl noch bis September“, meint er.

„Manchmal bin ich morgens auch früher hier und erwische noch den Zug, der um 5.42 Uhr aus Richtung Hameln durchfährt.“ Und am Wochenende? „Zu Beginn habe ich auch an den Wochenenden hier gestanden, aber dann hat sich herausgestellt, dass sich das eigentlich nicht lohnt.“ Der Zug kommt nur sechsmal, und es herrscht kaum Verkehr auf der Straße. Hat er schon mal echt eingreifen müssen? „Das kommt sehr selten vor. Einmal musste ein Lkw-Fahrer zurücksetzen, weil er auf dem Gleis stand, als der Zug nicht mehr weit weg war. Die meisten verhalten sich aber vorbildlich.“

Einige Ortskundige kürzen über den nahen Wirtschaftsweg ab, um dem Gedränge auf der Westendorfer Kreuzung zu entgehen, hat er beobachtet. Ortskundige Verantwortliche haben deswegen sogar einen weiterführenden Feldweg sperren lassen.

Bekannt bei Lokführern und Radfahrern

Dier kennt sich mittlerweile gut aus. Als ihn während der Dienstzeit einmal ein menschliches Bedürfnis aus dem Auto trieb, suchte er Hilfe in Richtung Neelhofsiedlung. „Da hab’ ich geklingelt und höflich gefragt, ob ich mal das Klo benutzen darf.“ Er durfte. „Ist ja heutzutage keine Selbstverständlichkeit. Ich hätte ja genau so gut ein Gauner sein können.“ Er kennt die Lokführer, winkt ihnen zu; er kennt die Jugendlichen, die hier jeden Tag auf dem Fahrrad vorbeikommen. „Die fahren auf dem Grünen, weil sie Angst vor den Lkw haben.“ Einen Rad- oder Gehweg gibt es hier nicht, das Gelände ist zu beiden Seiten der Straße abschüssig und holprig.

Und womit vertreibt er sich die Langeweile, wenn er im Auto sitzt und auf den nächsten Einsatz wartet? „Ich habe mein Tablet, leider ohne WLAN. Das ist schlecht für mich“, sagt Dier und lacht. Er nimmt seine Gesamtsituation gelassen und seinen Job ernst. Und dann hat er ja noch täglich die Zeitung mit den vier großen Buchstaben. „Die ist bis zum Feierabend restlos durchgelesen.“ Die Lokalzeitung will er sich nun aber auch holen, wo doch was über ihn drin steht.

Genug geplaudert, die Arbeit ruft, trotz Mittagspause. Der 14.12-Uhr-Zug kommt von Rinteln. Der Bahnübergang ist frei, die Schranke geht runter. Dier grüßt den vorbeisausenden Zugführer – und setzt sich wieder in sein Auto. jan