Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Rinteln Ortsteile Ist Glockengeläut zeitgemäß?
Schaumburg Rinteln Rinteln Ortsteile Ist Glockengeläut zeitgemäß?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:45 30.05.2018
Unten am Boden stört eine Glocke wohl niemanden. Anders ist es, wenn die Glocke hoch oben in einem Turm hängt. Und anschlägt.
Unten am Boden stört eine Glocke wohl niemanden. Anders ist es, wenn die Glocke hoch oben in einem Turm hängt. Und anschlägt. Quelle: rnk
Anzeige
Deckbergen

Die Gruppe forderte schriftlich, die Läut- und Schlagzeiten der Deckberger Glocken stark zu reduzieren. Der Kirchenvorstand hat den Antrag nun diskutiert und abgelehnt. Doch Deckbergens Pastor Matthias Mau hat den Vorgang und die Gründe für die Ablehnung im Gemeindebrief anschließend transparent dargestellt.

Glocken, so der allgemeine Hintergrund, würden seit über tausend Jahren zum Gottesdienst und zum Gebet rufen, sie würden daher die Identität des christlichen Abendlandes prägen. 1996 habe man die derzeit gültige Läute-Ordnung beschlossen, dort wurde damals auf das dreiminütige Gebetsläuten am Morgen verzichtet, aus Rücksicht auf die Anwohner, „morgens um sechs oder sieben Uhr wollten wir nicht mehr“, erklärt Mau auf Anfrage.

Das Gebetsläuten gibt es in der Kirchengemeinde nur noch um 12 sowie um 18 Uhr. Am Sonnabend wird um 18 Uhr mit zwei Glocken der Sonntag eingeläutet, das dauert zehn Minuten. Das Läuten stelle drauf ein, dass am nächsten Tag Sonntag sei, so Mau. Am Sonntag selbst werde um 9 Uhr vorgeläutet, mit einer Glocke werde fünf Minuten lang zum Gottesdienst um 10 Uhr eingeladen.

Und an den Sonntagen, in denen in Deckbergen selbst ein Gottesdienst stattfinde, werde mit drei Glocken „gerufen“. Dennoch, so Mau und Kirchenvorstand, könne nun wirklich nicht von einem „Dauerläuten“ gesprochen werden: In der Zeit zwischen 20 Uhr abends und 8 Uhr morgens werde nur zu Neujahr sowie in der Christ- und Osternacht geläutet.

Halbstundenschlag für Gemeindemitglieder wichtig

Der Halbstundenschlag, so Mau weiter, sei vielen Gemeindemitgliedern durchaus wichtig, wie er aus vielen Äußerungen immer wieder entnehme, auch er präge die kulturelle Identität. Die Behauptung, Glockengeläut sei nicht mehr zeitgemäß oder Läutezeiten seien längst Geschichte“ sei ebenso „unsachgemäß“ wie der Vorschlag, Glocken vielleicht mal zu „nostalgischen Anlässen“ zu läuten.

„Wir läuten ja nicht aus Übermut“, stellt Mau klar, in dem er noch ein Beispiel anbringt: Sterbe ein Gemeindemitglied, werde der Betroffene ausgeläutet. Die Kirchenglocken würden dreimal sechs Minuten schlagen, um den Trauerfall anzuzeigen. Auf diese Weise können alle, die es hören, noch einmal Anteil nehmen.

Dass der Kirchenvorstand mit seinem Beschluss transparent in die Öffentlichkeit gegangen ist, sei der richtige Schritt gewesen, erklärt Mau rückblickend: Es habe kein „Hickhack“ gegeben, nachdem man den Beschluss erklärt habe, niemand habe mit einem Rechtsanwalt gedroht.

Glocken sind "öffentliche Sachen"

Und generell? Kann man sich gegen Glockenläuten wehren? Das wird schwer, denn die evangelische und die katholische Kirche sind öffentlich-rechtliche Körperschaften, daher gehören die Kirchenglocken, soweit sie zum Zwecke der Religionsausübung benutzt werden, zu den sogenannten öffentlichen Sachen.

Selbst wenn ein einzuhaltender Grenzwert überschritten wird, gestehen Verwaltungsgerichte Kirchen eine Privilegierung zu: Das liturgische Glockenläuten ist nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerichtes keineswegs eine schädliche Lärmimmission, sondern eine „zumutbare, sozialadäquate und allgemein akzeptierte Äußerung kirchlichen Lebens“. rnk