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13:06 13.10.2019
Martha Behnken-Schäffer praktiziert in Todenmann. Quelle: mv

„Hier einen Nachfolger finden? Das ist aussichtslos“, sagt Dr. Rainer Jankowski direkt zu Beginn des Interviews. Jankowski ist Hausarzt in Deckbergen. Und 68 Jahre alt. Er betreibt seine Praxis seit 1980 und geht augenscheinlich nicht davon aus, dass ein jüngerer Kollege seinen Platz übernehmen wird. Zu unattraktiv die Niederlassung, zu groß scheint die Arbeitsbelastung.

Jankowski selbst fühle sich indes nicht überarbeitet: „Ich fühle mich nicht überfordert und bekomme das alles noch ganz gut hin.“ Aktuell denke er überhaupt nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen – irgendjemand müsse sich ja schließlich um die Patientinnen und Patienten kümmern. Doch wie lange geht das noch gut?

Eine Frage, die sich auch Martha Behnken-Schäffer stellt. Die Ärztin glaubt nicht, dass sie am Tag ihrer Pensionierung einen Nachfolger für ihre Praxis in Todenmann gefunden haben wird.

"Das kann nicht ewig so weiter gehen" 

„Etliche Kolleginnen und Kollegen haben ihre Praxis bereits ohne Nachfolger aufgegeben. Die Patienten haben sich dann auf die übrigen Ärzte aufgeteilt, aber das kann ja nicht ewig so weitergehen“, berichtet sie. Die Kapazitäten der umliegenden Praxen werden Behnken-Schäffer zufolge irgendwann erschöpft sein – mit offenem Ende für die Patienten.

Die Arbeitsbelastung nimmt insgesamt zu

Martha Behnken-Schäfer , Hausärztin

Die Pensionierung ist für die Ärztin noch nicht in Sicht, allerdings bereiten ihr andere Probleme aktuell Sorgen. „Die Arbeitsbelastung nimmt insgesamt zu“, so Behnken-Schäffer. Dafür gebe es zweierlei Gründe. Einerseits die steigende Zahl an Patienten, die von anderen, schließenden Praxen kommen. Hier sei es allerdings von Vorteil, dass sie in einer Gemeinschaftspraxis arbeitet und somit flexibler ist. Auf der anderen Seite störe sie der zunehmende bürokratische Aufwand. „Ich muss immer mehr am Computer erledigen, statt am Patienten zu arbeiten“, klagt die Hausärztin.

Belastung auf dem Land höher

In dieselbe Kerbe schlägt auch Hausarzt Thorsten Kaiser, der seine Gemeinschaftspraxis in der Nordstadt führt. „40 Prozent meiner Zeit gehen für Büroarbeit drauf, 50 Prozent für die Sprechstunde – und die letzten zehn fallen auf die Hausbesuche“, so Kaiser. Der Mediziner arbeitet rund 50 Stunden in der Woche: „Das geht für mich als Alleinstehenden in Ordnung. Ich mag mir aber gar nicht vorstellen, wie das für jemanden ist, der seine Familie zu Hause hat, die natürlich auch Aufmerksamkeit braucht.“ 

Mehr zum Ärztemangel auf dem Land

Kaiser führt ebenfalls Gründe an, warum sich kaum Nachfolger finden lassen: „Ich war vor fünf Jahren der Letzte, der in Rinteln neu angefangen hat. Hier auf dem Land ist die Belastung höher – und die Fahrten zu Hausbesuchen sind weiter.“ Speziell für Frauen stellt er sich den Anfang als Ärztin auf dem Land schwierig vor, weil Teilzeit aufgrund einer Mindestanzahl an Sprechstunden (25 Stunden) nahezu undenkbar sei. Hinzu kommen die Hausbesuche und die Zeit vor dem Computer.

System wird kollabieren

Es könne seiner Meinung nach ganz und gar nicht sein, dass sich die Patientinnen und Patienten immer weiter auf die verbliebenden Ärzte verteilen, so Kaiser: „Das wird nicht ewig so weiter gehen. Das System wird irgendwann kollabieren.“ von Malick Volkmann