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Rinteln Ortsteile Zerstörungswut im Steinzeichen
Schaumburg Rinteln Rinteln Ortsteile Zerstörungswut im Steinzeichen
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20:45 17.12.2018
Das Haus der Weltreligionen ist komplett verwüstet worden. Im Davidstern befindet sich ein Kothaufen. Quelle: momo
STEINBERGEN

„Das war mal ein richtig schöner Ort. Ich war als Kind gerne hier“, resümiert Marc Z., der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Das hat einen guten Grund: Er darf nicht hier sein. Es geht um das Steinzeichen Steinbergen – oder dem, was noch davon übrig ist.

Heute watet man in einem Meer aus Glas, Exkrementen, Müll und Dreck durch die Reste einer schönen Erinnerung. Hakenkreuze und Pentagramme zieren dieselben Wände. Körperteile von Schaufensterpuppen in skurrilen Arrangements, Botschaften wie aus Horrorfilmen an den Wänden: „Er ist hier!“ Wer? Der endgültige Verfall des Steinzeichens.

Die Sandstein-Skulpturen im Haus der Weltreligionen wurden größtenteils umgeworfen. Als vorläufiger Gipfel der Geschmacklosigkeit befindet sich ein offenbar menschlicher Kothaufen mitten in einem zerstörten Davidstern.

"Abgestumpfter Antisemitismus"

Die Polizei prüft nach einem Hinweis der Redaktion einen rechtsextremen Hintergrund. Berndhard Priesmeier, Vorsitzender des Fördervereins des Hauses der Religion, ist sich hingegen sicher: „Das zeugt von einem abgestumpften Antisemitismus.“

Josef Wärmer, der ehemalige Betreiber der Erlebniswelt, ist „mehr als traurig“. Das Problem sei weniger der eigentliche Verfall des Grundstücks, sondern vielmehr die zahlreichen Randalierer und Kriminellen, die tags wie nachts ihr Unwesen treiben: „Seitdem der Park im Internet auf einer ‚Lost Places‘-Seite auftauchte, ging es los.“ Einbrüche, Diebstähle, Vandalismus, Hausfriedensbruch. Wärmer selbst hat über ein Dutzend Anzeigen aufgegeben – die meisten gegen unbekannt.

Aus den Polizeiberichten wird Wärmers Hypothese gestützt: Demnach begannen die Einbrüche im März, mehrere Personen konnten von der Polizei gestellt werden. Auch einen Kupferdieb, der das Edelmetall stahl und weiterverkaufte, konnten die Behörden im November stellen. Doch das alles wirkt wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Ein Besuch auf dem ehemals schönen Gelände erinnert an dystopische Endzeitfilme, an Zombie-Apokalypse und postnukleare Videospiele.

In rücksichtsloser Zerstörungswut wurden ausnahmslos alle Fenster in Sichtweite zerschmettert. Inventar und Möbel wurden zerlegt, zersägt und zerstört, Müllberge türmen sich innen wie außen. Besonders schlimm traf es das ehemalige Bistro, das eher einem Überbleibsel eines Bombentestes gleicht als einer Raststätte.

Aus Spendenmitteln erbaut

Auch das Haus der Weltreligionen, das etwa auf halber Höhe des Hanges liegt, hat gelitten. „Es ist ein Trauerspiel“, klagt Peter Neumann, Initiator des Projekts. Das Haus der Religionen wurde seinerzeit aus reichlich Spendenmitteln gebaut. „Wir sind weit dafür gereist.“ Am Ende habe sogar die katholische Kirche etwas beigesteuert. Heute sind die großen Steinstelen mit den Symbolen der Weltreligionen umgestürzt. Das Inventar wurde gestohlen, zerstört, beschmiert. Am Eingang eine seltsam deformierte Schaufensterpuppe, die fast schon grüßend den Arm ausstreckt: „Willkommen im Wahnsinn.“ Und in der Mitte eben der besagte Davidstern mit einem Kothaufen.

„Wir hängen schon an dem Gebäude“, befindet Priesmeier. Einer weiteren Nutzung stehe man offen gegenüber – wie realistisch das ist, bleibt abzuwarten.

Was nun zu tun sei, die Antwort bleibt indes jeder schuldig. Priesmeier verweist auf die schwierigen Eigentumsverhältnisse mit Besitzer, Pächter, Unterpächter und Nutzer. Neumann indes will das „Projekt jetzt verabschieden“, er glaubt nicht an eine weitere Nutzung.

Eindämmen wird man das Problem nicht können: Das Gelände ist über zahlreiche klaffende Löcher ähnlich gut gesichert wie ein brachliegender Acker. Dennoch, betonen die Verantwortlichen: Wer das Grundstück betrete, mache sich strafbar. Alles werde zur Anzeige gebracht. „Man hofft auf die Vernunft der Leute.“ Von Maurice Mühlenmeier

Wird zurückgebaut

Auch für Matthias Gräbner, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Westliches Weserbergland, ist das Ausmaß des Vandalismus eine „Katastrophe“. Gräbner plädiert dafür, trotzdem „nach vorn zu schauen“. Denn die durch die Rowdys zerstörte Infrastruktur des Freizeitparkes werde nicht zwingend für das neue Konzept eines Mountainbikeparkes gebraucht. Das meiste würde ohnehin „zurückgebaut“. Das Potenzial für die neue Nutzung sei „die Landmarke, die Topografie, also das Gelände selbst, und die Lage an der Autobahn“. Gräbner geht davon aus, dass man sich im neuen Jahr über die „Grundstücksverfügbarkeit“ geeinigt hat, Mitte nächsten Jahres konkrete Pläne vorliegen.

Für ihn sei auch klar, dass ein Mountainbikepark entsprechend gesichert werden müsse. Das sei Sache des Betreibers, dabei gebe es dann durch die ständige Nutzung des Geländes eine „soziale Kontrolle“, um Vandalismus in diesem Ausmaß zu verhindern. wm