Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Rinteln Stadt An diesen Verpackungen kommt keiner vorbei
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt An diesen Verpackungen kommt keiner vorbei
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:55 30.08.2018
Amcor Flexibles Rinteln ist Spezialist für bedruckte Verpackungen und weltweit erfolgreich.Fotos: dil
Amcor Flexibles Rinteln ist Spezialist für bedruckte Verpackungen und weltweit erfolgreich, das freut Geschäftsführer Olaf Seifert. Quelle: dil
Anzeige
Rinteln

Seit 1995 segelt das Rintelner Traditionsunternehmen Schroeder & Wagner unter australischer Flagge, gehört nach zuvor acht Jahren in Schweizer Hand nun zum Weltmarktführer Amcor aus Melbourne.

Verpackungen für Tee, Kaffee, Süßes & Tabak

Kunden des Rintelner Spezialisten für bedruckte Verpackungen sind Weltkonzerne der Lebensmittel- und Genussmittelindustrie, die Lieferanten Großkonzerne der chemischen Industrie.

Jeder Rintelner hatte wohl schon Verpackungen von Amcor aus der Weserstadt in der Hand, ob mit Tee, Kaffee, Süßwaren oder Tabakprodukten darin. Seit Anfang 2018 läuft nun eine neue Offsetdruckmaschine im Werk hinter Stüken in der Nordstadt, der Konzern hat in Höhe von rund einem Viertel der 20 Millionen Euro hiesigen Jahresumsatzes investiert.

Ein großes Stück Zukunftssicherheit in einem turbulenten Markt. „Mit unseren Kunden sind wir gut aufgestellt, aber die Auftragsvolumina gehen gerade im Tabakbereich, der bei uns 70 Prozent der Auslastung ausmacht, oft ganz schnell rauf und runter“, erklärt Geschäftsführer Olaf Seifert. In Ausschreibungen der Großkunden müsse man immer wieder mit Preis und Qualität gegen vielfältige Konkurrenz bestehen. Aber es gelingt: Seit der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 hat es keine Kurzarbeit mehr im Werk gegeben.

„Wir bedrucken im Jahr rund 60 Millionen Quadratmeter Folie und Papier, damit könnte man einmal den Äquator umwickeln“, verdeutlicht Seifert. Die neue Offset-Druckmaschine schaffe mehr Flexibilität auch bei den zunehmend kleineren Aufträgen. Sie sei vor allem durch ihre Elektronen-Strahltrockung statt des früheren Einblasens von heißer Luft hochmodern, „eine von bisher dreien in Deutschland und die erste für den Bereich flexible Verpackungen“, versichert Seifert.

Ein unscheinbarer Firmensitz

Der mehrfach zertifizierte Betrieb ist von außen kaum wahrzunehmen. Versteckt hinter der Firma Stüken liegend gibt es weder Lärm noch Geruch. Lösemittelausdünstungen von Druckfarben werden zum Beispiel vollständig verbrannt. Unsere Zeitung sprach mit Olaf Seifert über das Werk Rinteln und seine Zukunft.

Herr Seifert, seit elf Jahren sind Sie Geschäftsführer bei Amcor in Rinteln, einer Firma mit viel Tradition und laut Wikipedia sogar Europazentrale von Amcor. Was hat sich in dem Jahrzehnt unter Ihrer Führung in Rinteln technisch und strategisch verändert?

Es ist nicht richtig, dass Rinteln das europäische Hauptquartier ist. Dieser Wikipedia-Eintrag ist falsch, hält sich aber hartnäckig im Netz. Die operative Zentrale des Konzerns und auch die Geschäftsführung unseres Geschäftsbereiches befinden sich seit einigen Jahren in Zürich und waren früher in Brüssel beziehungsweise Melbourne.

Zu den Veränderungen gibt es gewiss einiges zu nennen, aber die wesentlichste Veränderung ist sicherlich technischer Natur und unterstützt die langfristige Ausrichtung als Hersteller von flexiblen Verpackungen mit Nischenkonzepten.

Sie betrifft die kürzlich umgesetzte Investition in eine neue Drucktechnologie.

Amcor liefert von Rinteln aus auch Verpackungen für die Tabakindustrie und Süßwaren. Werden in Rinteln auch die von der EU geforderten Ekel-Bilder auf Zigarettenschachteln gedruckt? Und spüren Sie Auswirkungen wie weniger Umsatz?

Da es sich hier nicht um eine Forderung, sondern sogar um geltendes Recht handelt, müssen wir auch diese Ekelbilder sogar in einer vorgegebenen Frequenz- und Erscheinungsweise für unsere Kunden drucken.

Auf den Zigarettenkonsum hat dies sicherlich eine Wirkung, obwohl ich der Ausweitung des Nichtraucherschutzes hierbei eine größere Wirkung zurechne. Der Zigarettenkonsum ist in Märkten, wo das Bevölkerungswachstum moderat ist, doch deutlich zurückgegangen. Glücklicherweise hat dies auf einen Großteil unseres Portfolios in Rinteln keine große Auswirkung, da unsere Aufträge marketing- und nicht konsumgetrieben sind.

Wir profitieren in diesen Fällen vom Wettbewerb der Tabakkonzerne und ihren verstärkten Marketingaktivitäten beim Kampf um die kleiner werdende Zahl an Zigarettenkonsumenten.

In diesen Märkten steigt der Absatz am stärksten

Süßes, Kaffee und Tee verzeichnen am deutschen Markt steigende Absätze. Ist das ein guter Ausgleich für weniger Tabakverpackungen? Und ist Amcor Rinteln auch bei den boomenden größeren Kilo-Packungen ungemahlener Bohnen dabei?

Schokolade und Süßgebäck wachsen leicht, wohingegen der Kaffeemarkt eher rückläufig ist. Für uns ist jedoch eher entscheidend, dass wir eine Differenzierung im Bereich der Verpackungslösungen bieten. Wir können als deutsches Werk hier nicht den Massenmarkt bedienen. Dazu sind andere Regionen Europas und der Welt deutlich besser aufgestellt.

Diese Ausrichtung bedeutet auch gleichzeitig, dass wir weniger konsumabhängig sind, wie ich dies auch schon für den Bereich der Tabakverpackungen erläutert habe.

After-Eight-Taschen sind das wohl bekannteste Produkt aus dem Rintelner Amcor-Werk, mit weltweitem Absatz. Erscheint dieser Artikel völlig konjunkturunabhängig, ist er ein dauerhafter Klassiker oder mit Schwankungen? Oder ist es nur ein Nischenprodukt?

Man kann die After-Eight-Flachbeutel sicherlich als Nischenprodukt beschreiben, da es nur zwei Hersteller auf der Welt gibt, die dieses Verpackungskonzept begleiten können. Allerdings eine über Jahre stabile Nische und somit auch ein unsterblicher Klassiker.

Beliefern Sie auch Rintelner Betriebe und solche aus dem näheren Umfeld? Gibt es gar Kooperationen?

Der Amcor-Konzern ist ein globaler Player und der Weltmarktführer im Bereich der flexiblen Verpackungen und beliefert insofern zu einem großen Anteil auch die globalen Spieler der Tabak-, Getränke-, Süßwaren-, Salz- und Knabbergebäck-Industrie. Jedoch ebenso die Hersteller frischer Lebensmittel sowie Fleisch-, Käse-, aber auch Joghurt- und Süßspeisen-Produzenten zählen zu den Kunden des Konzerns.

Die Verpackungen von Amcor sind also allgegenwärtig und begegnen jedem tagtäglich im Alltag. Wenn also einer dieser global tätigen Kunden einen Standort in Rinteln hätte, würden wir beziehungsweise Amcor diesen sicherlich auch beliefern. So muss ich die erste Frage aber mit „Nein“ beantworten.

Kooperationen gibt es hierbei eher im Bereich des nachbarschaftlichen Netzwerkens von regionalen Unternehmen, wo der eine oder andere Kontakt dann entsteht und auch genutzt wird.

Strebt das Rintelner Werk in neue Märkte wie Verpackungen für pharmazeutische Produkte, Flüssiggetränke oder zum Beispiel Druckerpatronen?

Die neue Technologie des Offsetdrucks öffnet natürlich auch Türen für neue Segmente der Verpackung und ist somit auch Bestandteil der Standortstrategie.

Weltmarktführer für "flexible Verpackungen"

Wer sind die größten Konkurrenten für das Rintelner Werk?

Der Verpackungsmarkt ist gekennzeichnet von Schwergewichten sowohl auf der Beschaffungsseite als auch auf der Kundenseite. Dazwischen agiert Amcor als Weltmarktführer der flexiblen Verpackung und ist somit ein gewichtiger Spieler in diesem Markt. Doch natürlich gibt es auch viele kleinere Spieler am Markt, die insbesondere regional in unterschiedlichen Märkten auftreten.

Droht Gefahr vom Handelskrieg mit den USA und verlängerten Sanktionen gegen Russland? Gibt es von Rinteln aus Geschäfte mit China und Japan?

Ein nicht unerheblicher Teil unserer Produkte geht auch in den nordamerikanischen Markt. Momentan sind unsere Produkte hier aber von keinerlei Sanktionen betroffen, doch sicherlich ist die allgemeine politische Stimmung, die von Herrn Trump getrieben wird, wenig hilfreich.

Direktes Geschäft mit China oder Japan haben wir aus Rinteln nicht, doch Amcor ist als Konzern australischen Ursprungs naturgemäß auch dort stark vor Ort vertreten.

Bietet der Standort des Rintelner Amcor-Werks Erweiterungsmöglichkeiten? Ist er für die nächsten Jahre ausreichend?

Wir haben 40000 Quadratmeter Betriebsgelände, wovon 10000 bebaut sind. Damit sehe ich uns durchaus mit Erweiterungsperspektive, allerdings muss man auch klar sagen, dass wir hierbei von der Investitionsstrategie des Konzernes abhängig sind.

Die Region bietet für Arbeitnehmer klare Vorzüge

Fachkräftemangel: Spüren Sie ihn schon? Was wird dagegen getan?

Das ist sicherlich eine Frage der Definition. Wir spüren schon ein geringeres Angebot an ausgebildeten Fachkräften in der Region und für uns im Bereich Medientechnologe Druck oder bei den Packmitteltechnologen.

Die Region ist da sicherlich auch nicht unbedingt als Metropole und Anziehungspunkt für Fachkräfte zu sehen, obwohl das Arbeiten hier in der Region sicherlich auch seinen Reiz hat. Man wohnt, lebt und arbeitet in einer wunderschönen Landschaft zu günstigen Konditionen mit kurzen staufreien Wegen zum Arbeitgeber. Es gibt Schlimmeres. Wir begegnen dem Fachkräftemangel, resultierend aus der demografischen Entwicklung, durch eine hohe Ausbildungsquote.

Ungefähr acht Prozent unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter absolvieren ihre Ausbildung zur Industriekauffrau oder zum Industriekaufmann, zum Packmitteltechnologen oder Medientechnologen Druck. Auch hier muss man aber neue Wege gehen, um den Nachwuchs für Amcor Flexibles Rinteln zu begeistern. Hier müssen aus meiner Sicht die Schulen und Arbeitgeber deutlich enger zusammenrücken, um insbesondere die Erwartungen auf beiden Seiten im Vorfeld klar und transparent auszutauschen.

Welche Investitionen sind in Rinteln geplant? Wie hoch ist der Jahresumsatz? Und gibt es Gefahren im Markt für das Rintelner Werk?

Nach der ordentlichen Investition im Jahr 2017 konzentrieren wir uns zunächst einmal auf die Implementierung der neuen Technologie und die damit verbundene geplante Ausweitung unserer Geschäfte. Der Jahresumsatz wird sicherlich oberhalb der Grenze von 20 Millionen Euro liegen.

Die Gefahren sehe ich insbesondere im Bereich der globalen Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland ist nicht als Niedriglohnland bekannt, und die Gewerkschaften stellen momentan aus meiner Sicht utopische Forderungen, ohne dabei in den jeweiligen Branchen zu unterscheiden. Weiterhin bezweifle ich, dass eine 35-Stunden-Woche in der Kombination mit 30 Tagen Urlaubsanspruch unsere Position nachhaltig stärken kann.

Dies stellt uns insbesondere im globalen Vergleich vor große Herausforderungen. Daher ist aber auch unsere Strategie nicht darauf ausgerichtet, das anzubieten, was jeder kann, sondern uns auf Nischenprodukte zu fokussieren und uns technisch so aufzustellen, um das anbieten zu können, was andere nicht in der Form bieten.

von Dietrich Lange