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Rinteln Stadt Bürgerdialog zum Thema Windkraft
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Bürgerdialog zum Thema Windkraft
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22:21 31.05.2018
Beim „liberalen Bürgerdialog" drehte sich alles ums Thema Windräder. Quelle: dpa
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RINTELN

Im Hotel Stadt Kassel drehte sich alles um die Frage „Windkraft – Fluch oder Segen?“

Tangermann wurde zumindest dem fast biblischen Anspruch „Fluch oder Segen“ gerecht und entwarf schon in seinen ersten Sätzen ein Weltuntergangsszenario mit steigendem Meeresspiegel und verwüsteten Landschaften, sollte die Windkraft nicht weiter ausgebaut werden. Das beantwortete dem ersten Anschein nach auch die Frage, warum Planet Energy, deren Geschäftsführer er ist, angesichts des Widerstandes des Nabu, der Stadt Rinteln und vieler Bürger nicht auf den Bau von zwei Windrädern bei Westendorf verzichten will.

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Es ist ganz einfach, so schien es: Dieser Mann hat eine Mission. Er will die Welt retten. Und zur Weltenrettung werden unverzichtbar auch die beiden Windräder unmittelbar am Naturschutzgebiet Auenlandschaft gebraucht.

Kosten im sechsstelligen Bereich

Die möglicherweise ehrlichere Antwort gab Tangermann nicht. Nämlich folgende: Wir wollen zehn Jahre Vorarbeit und unsere Kosten im mindestens sechsstelligen Bereich nicht einfach in den Wind schreiben, schon gar nicht, da wir doch inzwischen die Genehmigung des Landkreises Schaumburg für den Windradbau in der Tasche haben.

Immerhin ließ Tangermann in der Diskussion durchblicken, wie sehr sein Geschäftsmodell unter Druck geraten ist. Er räumte ein, die Konflikte häuften sich: „Klar ist ein Problem, dass wir immer mehr Widerstand bei Projekten haben. Wo es keine Nachbarn gibt, wo es nicht besiedelt ist, da haben wir Probleme mit dem Naturschutz.“ Das könnte man so interpretieren, dass auch Tangermann klar ist, dass die Bundesrepublik als dicht besiedeltes Land inzwischen längst mit Windrädern zugestellt ist. Büscher mahnte auch, man müsse schauen, „welche Projekte sind noch umsetzbar für Mensch und Natur“, sonst verliere die Windkraft an Akzeptanz.

„Verspargelung“ der Landschaft

Tangermann sieht in der „Verspargelung“ der Landschaft wiederum kein Problem. Ein Problem damit hätten nur die Älteren, die Jugend finde diese Technologie super. Vor seinem elterlichen Hof stünden in 800 Metern Entfernung acht Windräder, und man blicke dort auf weitere 50.

Auf die Nachfrage aus dem Zuhörerkreis, ob mit der „Verspargelung“ nicht die Lebensqualität der Menschen sinke, ließ Tangermann wissen, für das hehre Ziel, den Klimawandel zu begrenzen, müsse man eben Opfer bringen.

Büscher hatte zu Beginn der Veranstaltung betont, der Nabu stehe prinzipiell zur Energiewende, auch zur Windkraft, lehne nur speziell dieses Projekt ab. Büscher erklärte auch im Detail warum: Das Wesertal sei Leitlinie für den Vogelzug, gleichzeitig ein „Nadelöhr“. Dort brüte das erste und einzige Seeadler-Paar in einem Mittelgebirge. Auenlandschaft und Naturpark Weserbergland wollten Naturtourismus: „Der Nabu hat sich die Tiere nicht ausgesucht. Die kommen von alleine.“ Und es würden mehr, weil weiter ausgekiest werde.

Als grundlegenden Fehler in Westendorf sieht Büscher die mangelnde Bürgerbeteiligung, dass eine Landesplanung fehle und die Kommunen mit dem Problem allein gelassen würden.

Tangermann ließ sich nicht in die Defensive drängen. Die Windräder in Westendorf sind für ihn „ein ganz normales Projekt“. Tod durch Vogelschlag? Nur ein statistisches Problem. Es gebe genug Seeadler. Die Population wachse sogar trotz Windkraftanlagen. Büscher hielt entgegen, es gebe keine Meldepflicht für Todfunde. „Wir stochern hier also im Nebel.“

Ausschau nach Seeadlern

Ein Zuhörer berichtete, er habe einen „gut gelaunten Studenten“ in der Feldflur angetroffen, der für ein Gutachterbüro Ausschau nach Seeadler gehalten habe. Aber keinen gesehen. Den habe er dem Studenten erst am Himmel zeigen müssen. Tangermann wiegelte ab, dieses Gutachterbüro nutze auch der Nabu.

Büschers Einwand, im Winter habe es keine Flugbeobachtungen gegeben, obwohl Seeadler dann auf der Suche nach Beute über die Felder fliegen, weil die Fische im See zu tief stehen, und sein Zweifel an der fachlichen Qualifikation der Gutachter beim speziellen Thema Seeadler? Für Tangermann unwichtig. Auf Landstraßen würden mehr Vögel verenden.

Durch die ideologisch gefestigte Rüstung Tangermanns drang kein Argument. Am Ende durfte der Zuhörer rätseln: Glaubt Tangermann tatsächlich, dass dezidiert zwei Windräder bei Westendorf den Klimawandel stoppen können? Oder verteidigte hier ein gewiefter Geschäftsmann mit allen Mitteln ein Geschäftsmodell, das in die Kritik geraten ist. Es hagelt zurzeit ja auch schlechte Nachrichten. So meldete jüngst „Die Welt“, Windräder seien „tickende Zeitbomben“. Die Windkraftanlage im Landkreis Schaumburg sei nicht die einzige, die umgeknickt sei. Es gebe weiter die Gefahr von Havarien, weil Windräder anders als Industrieanlagen nicht einer entsprechenden TÜV-Prüfungspflicht unterliegen würden.

Bei Vogelzug abschalten

Möglicherweise müssen die Windräder bei Westendorf bei Vogelzug abgeschaltet werden, vielleicht sogar ein halbes Jahr. Ob er dieses Risiko eingehen wolle, wollte ein Zuhörer wissen. Tangermann betonte, er sehe hier kein Risiko. Er vertraue den Gutachtern.

Wie geht es weiter? Tangermanns Pressesprecher Michael Friedrich bestätigte zumindest, dass möglicherweise ein zweiter Gütetermin vor dem Verwaltungsgericht Hannover stattfinden wird. Dabei geht es um die Verweigerung des „Einvernehmens“ durch die Stadt Rinteln. Diese ist nicht damit einverstanden, dass der Landkreis die Windräder bei Westendorf genehmigt hat.

Zum Schluss noch ein bemerkenswerter Satz des Pressesprechers: „Windkraft ist zurzeit die beste zur Verfügung stehende Lösung“, so Friedrich. Klar sei aber auch, wenn es eines Tages eine bessere Technologie gebe, werde diese auch eingesetzt. Sollte das jetzt heißen, dann bauen wir die Windräder wieder ab? wm