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Rinteln Stadt Der „Nordstadt-Fürst“ tritt ab
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11:21 23.01.2019
Quelle: jak
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Rinteln

„Dabei wäre ich beinahe in der CDU gelandet“, bekennt Lange lachend gleich am Anfang des Gesprächs. Und das nur wegen des „großen Mundwerks“ von Heinz Pettenpaul. „Heute kann ich‘s ja sagen, der hat mich beeindruckt.“ Als er ihm aber eröffnet habe, er wolle politisch aktiv werden, da habe der ehemalige CDU-Fraktionsvorsitzende erwidert: „Bleib mal da, wo du bist, bei der Gewerkschaft.“ Und so trat Lange bei den Roten Falken ein.

Gelernt hat Lange Bau- und Maschinenschlosser. Als Sohn einer alleinerziehenden, aus Schlesien geflohenen Mutter hat er sich von ganz unten hochgearbeitet. Nach seiner Ausbildung ging er zu Weserwaben und fertigte im Akkord Metallfenster. Und als die Arbeiter einen Betriebsrat wählen wollten, da sprachen sie Anfang der Siebziger Karl Lange an. „Und so wurde ich Betriebsratsvorsitzender.“ Damit war auch der Weg in die Gewerkschaft vorgezeichnet. „Wobei Gewerkschaft damals noch etwas anderes bedeutete als heute“, berichtet Lange. „Neben Stoevesandt gab es eine Kneipe, und wenn 1. Mai war, war da Highlife.“ Selbst am Weseranger habe man Zelte aufgebaut. „Aber das hat sich leider alles verlaufen.“

1984 in Stadtrat gewählt

In den siebziger Jahren wurde Lange schließlich von den Stadtwerken angeworben und dort auch in den Betriebsrat gewählt. 1984 wurde er schließlich in den Stadtrat gewählt. „,Du bist doch bekannt wie ein bunter Hund’ hat Jürgen Evers mir gesagt.“ Seitdem hat sich Lange tatsächlich zu einem der Stimmenmagnete der SPD entwickelt – was ihm auch den Spitznamen „Nordstadt-Fürst“ eingebracht hat.

„Man muss sich bei den Menschen blicken lassen“, erklärt Lange das Rezept seines Erfolgs. „Der heutige Stadtpolitiker ist einfach zu bequem.“ Der Kontakt zum Bürger sei nicht nur wichtig, um gewählt zu werden. Man brauche das Ohr am Bürger, um deren Probleme auch tatsächlich im Stadtrat ansprechen und lösen zu können. Das mache sich dann auch bei der nächsten Wahl bemerkbar.

In der SPD zu sein, das hieß, sich tatkräftig für die Schwächsten der Gesellschaft einzusetzen. Lange erzählt eine Episode, als er bei einer Veranstaltung gehört habe, dass in der Nordstadt eine alte Frau wohne, bei der das Geld zum Leben nicht reiche. „Ich habe mir gleich die Adresse geben lassen und bin hinmarschiert.“ Und dann setzte das Arbeiterkind die Brille auf, studierte Rentenbescheide und Aktenvermerke. „Da habe ich ihr gesagt: Wir gehen jetzt zum Sozialamt! ,Oh Gott nein‘, hat sie geantwortet. Sozialamt. Das hat man damals einfach nicht gemacht.“ Doch Lange konnte sie überreden – und tatsächlich: Sie hatte ein Anrecht auf Waschmaschine und Trockner. „Die alten Leute, die wollten ja nie Hilfe annehmen“, sagt Lange. Dagegen sei es für viele junge Leute heute ganz normal, gleich zum Jobcenter zu laufen.

Heute hadert Lange mit seiner SPD. „Nahles und Scholz, das ist doch nichts.“ Ginge es um die „große“ Politik, er wäre wohl schon ausgetreten. Aber die Sacharbeit an der Basis, die macht dem 80-Jährigen bis heute Spaß. Was er seiner Partei rät? „Die SPD sollte sich daran erinnern, dass sie eine Arbeiterpartei ist.“

„Das Gemeinsame ist weggebrochen“

Aber auch auf kommunaler Ebene hat sich in den vergangenen 35 Jahren viel verändert. „Das Gemeinsame ist weggebrochen“, findet Lange. Früher sei es ganz normal gewesen, nach den Ausschüssen noch gemeinsam einen trinken zu gehen. „Da wurde dann richtig Politik gemacht.“ Heute setze sich jeder in sein Auto und fahre wieder nach Hause. „Wir müssen wieder mehr parteiübergreifend arbeiten.“ Es sei wichtig, die eigene Meinung zu vertreten, aber man müsse andere Meinungen nicht herabwürdigen. „Das fehlt bei allen – natürlich auch bei uns.“

Von Fraktionszwang wollte Lange all die Jahre nichts wissen – als Parteirebell will er aber dennoch nicht bezeichnet werden. „Wenn ich mir unsicher war oder mich nicht auskannte, da habe ich mit der Fraktion gestimmt“, erklärt er. „Aber wenn mir etwas wichtig war, dann habe ich auch dagegengestimmt – das konnte die SPD ab.“ So beispielsweise bei der Brücke über den Alten Hafen. „Und siehe da – die liegt noch immer so da, von einem seniorengerechten Rundweg keine Spur.“ Auch beim Brückentorsaal liegt Lange nicht auf einer Linie mit seiner Fraktion. „Der Saal muss da bleiben, ist doch ganz klar.“

15 Jahre lang war Lange der Stellvertreter von Rintelns Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz. „Er war der Pragmatiker, ich stand den Vereinen näher“, beschreibt Lange die Arbeitsteilung. Es war eine tolle Zeit, aber aus gesundheitlichen Gründen will Lange jetzt aufhören. „Ich muss halt auch auf meinen Körper hören“, sagt er.

Von Jakob Gokl