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Rinteln Stadt Der teure Klippenturm
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07:10 30.04.2019
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RInteln

Der Turm, der sich zu einem Wahrzeichen Rintelns mauserte, ist das erste und aufwendigste Projekt des Verschönerungsvereins Rinteln (VVR). Für den Bau sammelten die Mitglieder fleißig Spenden, sogar eine Turmbau-Lotterie wurde veranstaltet. Die Ziehung erfolgte vom 12. bis zum 15. August 1884 im Ratskellersaal.

13464 Mark betrugen die Baukosten, der Turm konnte am 18. August 1889 eingeweiht werden. Mit-Gründer des ausführenden Baugeschäftes, das zuletzt am Kapellenwall seinen Sitz hatte, war der in Möllenbeck geborene Baumeister Simon Distelmeier, der zuvor schon die katholische Kirche in Rinteln erbaut hatte.

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Viele Feste gefeiert

Weil der Turm nur auf Wanderpfaden zu Fuß zu erreichen war, musste das Material noch auf Eselsrücken die Luhdener Klippen hinauftransportiert werden. Auch die Gastronomie bediente sich später, 1896, nachdem das Klippenturm-Restaurant eingeweiht war, noch der Lasttiere, um das Ausflugslokal mit Vorräten zu versorgen.

Der Turm ist ein Ort, an dem immer wieder Feste stattfinden. Beispielsweise feierten am 30. April 1962 Heimatfreunde am Turm ihre erste – gut besuchte – Rintelner Walpurgisnacht. Der VVR feiert dort jährlich sein Klippenturmfest.

Nicht von Vandalismus verschohnt

Das Turmprojekt sollte den Verein im Laufe der Jahrzehnte immer wieder große Summen kosten und ihn an seine finanziellen Grenzen bringen. Die Geschichte des Bauwerks ist geprägt von Aufbau und Zerstörung, Schließung und Wiedereröffnung – immer wieder musste der Klippenturm aufwendig restauriert werden.

Im April 1945, durch Fliegerbeschuss erheblich beschädigt, wurde er geschlossen. 1953 konnte der VVR Turm und Gaststätte dann wieder eröffnen – nach Beseitigung der Schäden und einer Überholung für rund 3000 Mark.

Immer wieder kam es zu Vandalismus und Einbrüchen, wie im Oktober 1960, als sich Unbekannte über Nacht in der Gaststätte an „Würstchen mit Brechbohnen“ gütlich taten.

Hohe Kosten

Und der Zahn der Zeit nagte am Gebäude, 1968/69 musste es wegen Baufälligkeit erneut durch die Forstverwaltung gesperrt werden. Für die Instandsetzung zahlte der VVR 32797 Mark, Wiedereröffnung war am 12. Juli 1969.

In einer Festschrift des Verschönerungsvereins wird erwähnt, dass dem „Sorgenkind Klippenturm“ 1976 erneut die Schließung drohte. Zunächst standen keine Mittel für die Renovierung zur Verfügung, ein Abbruch der Restauranträume wurde erwogen. Im April 1976 aber stand die Finanzierung: Zu den Kosten in Höhe von 10000 Mark trugen Stadt und Kreis je 3000 Mark bei. Die 1977 neu verlegte Wasserleitung kostete insgesamt 188000 Mark, der VVR hatte die Stundenlöhne der Arbeiter zu bezahlen.

Am 8. Mai 1977 wurden Turm und Restaurant feierlich wiedereröffnet – damit schlug die Geburtsstunde des Klippenturmfests. Dank neu installierter Scheinwerfer ist der Turm seitdem im Dunkeln beleuchtet. Seit 2002 erstrahlt der Klippenturm alljährlich zur Vorweihnachtszeit als weithin leuchtende Adventskerze. Stromkosten und Reparaturen verschlingen jedes Jahr 1500 bis 2000 Euro.

Zuletzt 2013 renoviert

Der Gastraum des beliebten Ausflugsziels wird im Laufe der Zeit zu klein. 1987 werden erneut Spenden gesammelt: Ein Kaminzimmer soll für rund 88000 Mark angebaut werden. Landkreis und Naturpark ziehen jedoch ihre anfänglichen Zusagen für Zuschüsse über 30000 Mark zurück, der Verein bleibt auf 60000 Mark Schulden sitzen. Hinzu kommt noch die Forderung des Gewerbeaufsichtsamtes, dass extra Personaltoiletten eingerichtet werden müssen, andernfalls könne keine Konzession erteilt werden. Mit Unterstützung der Stadt kann das Innenleben des Turms schließlich renoviert werden.

Der VVR hat zuletzt 2013 restauriert und Panoramatafeln mit Erklärungen installiert. Der Turm, der sich heute im Besitz der Stadt befindet, war und ist dem Verein lieb und teuer, im doppelten Wortsinn. Marion Steding, stellvertretende Vorsitzende des VVR, stellt das Projekt nicht infrage: „Auf den einzig verbliebenen Turm in Rinteln würde ich nicht verzichten.“

Keine Gesamtaufstellung der Kosten

Das Schild in Richtung Rinteln wurde kürzlich erneuert, „das Nächste, was ansteht, sind die Sanitärräume“, weiß Steding. Ob mal jemand aufgelistet hat, was der Turm im Laufe der Jahre an Mitteln verschlungen hat? „Eine Gesamtaufstellung der Kosten liegt nicht vor“, sagt sie, eine Schätzung mag sie ebenfalls nicht abgeben. Der Nutzen des Rintelner Wahrzeichens lasse sich ohnehin nicht in Geld aufwiegen. Steding ist das jährliche Klippenturmfest, das in diesem Jahr am 12. Mai stattfindet, eine Herzensangelegenheit. Die süße Aufstiegsbelohnung für die Kinder sponsert sie höchstpersönlich. „Das Klippenturmfest bringt junge Familien und Kinder in den Wald.“ Wer mag da noch über Geld reden?

von Ortrud Büthe