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Rinteln Stadt Digitalisierung verläuft eher schleppend
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Digitalisierung verläuft eher schleppend
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21:06 25.05.2018
Simon Wilkening und Lina Beißner möchten nicht länger hinnehmen, dass nicht alle Schüler die Möglichkeit haben, an Laptopklassen teilzunehmen. Quelle: mld
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Rinteln

Die Formulierungen, die Lina Beißner und Simon Wilkening wählen, mögen drastisch klingen – aber sie unterstreichen, wie ernst es ihnen ist. „Uns wird die Chance auf die Zukunft genommen“, sagt Beißner. Sie ist 17, ihr Freund Simon 15, und beide gehen in die zehnte Klasse am Gymnasium Ernestinum in Rinteln.

Was sie aufregt: die Digitalisierung an ihrer Schule, beziehungsweise die fehlende Digitalisierung. Es fängt mit einer Ankündigung an: Nicht nur für jüngere Klassen, auch für Klasse elf soll es künftig eine Laptopklasse geben. Dort werden für den Unterricht zum Teil Laptops genutzt, sodass die Schüler den Umgang mit den Geräten und den dazugehörigen Programmen erlernen. So weit, so gut.

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Zu wenig Plätze

Doch dann kommt die Nachricht, die beide nicht verstehen: 44 Schüler hätten ihr Interesse an einer Laptopklasse in der elften Jahrgangsstufe angemeldet. Das seien zu viele. „Also mussten Schüler herausgelost werden“, berichtet Beißner. Unter anderem traf es ihren Freund und einen gemeinsamen Freund.

„Es ist ein Unding, dass es in so einer Klasse zu wenige Plätze gibt“, sagt Wilkening. Alle interessierten Schüler, davon sind die beiden überzeugt, sollten die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen.

Auf 27 Schüler sei die Klassengröße reduziert worden – „das ist zu viel“, sagt Beißner. Warum nicht zwei kleinere Klassen zu je 22 Schülern bilden? Auf diese Weise könnten alle, die es interessiert, teilnehmen, und das Lernklima wäre ebenfalls angenehmer. „Oder was ist den Lehrern unsere Zukunft wert?“, fragt die Steinbergerin. Spätestens im Studium benötige man doch einen sicheren Umgang mit Datenverarbeitungsprogramm wie Word, Excel oder Powerpoint. Sie habe das mal in der siebten und achten Klasse gehabt, erzählt Beißner, doch das sei nun schon lange her.

Wilkening weiß jetzt schon, dass er später ein Studium aus dem Bereich Informatik oder Mathematik aufgreifen möchte. Er wünscht sich, in seiner Schulzeit darauf vorbereitet zu werden. Doch nun darf er an der Laptopklasse nicht teilnehmen. Berichte wie die über den Besuch von der Bundestagsabgeordneten Marja-Liisa Völlers in einer Laptopklasse im April (wir berichteten) empfinden beide Schüler als „beschönigend“ und „wie Hohn“ für die Schüler, die nicht teilnehmen können.

Infrastruktur vorhanden

„Wir haben außerdem nur drei Computerräume an unserer Schule, das ist zu wenig“, kritisiert Beißner.

Was beide Schüler nicht verstehen: Die Infrastruktur, um modernen, digitalen Unterricht abzuhalten, die sei am Ernestinum längst vorhanden. Es gebe stabiles WLAN, und Schüler wie Lehrer haben Zugriff auf ein schuleigenes Cloud-System, in dem Daten wie Arbeitsblätter und Hausaufgaben hoch- und heruntergeladen werden können. 30-fach ausgedruckte Arbeitsblätter, die hinterher sowieso im Papierkorb landen, wären dadurch überflüssig.

„Aber die meisten Lehrer wissen selber nicht, was da gemacht wird“, so Beißner. Nur wenige würden selbst Laptops oder Tablets im Unterricht verwenden. Viele würden noch tagtäglich Tafel und Kreide benutzen und auf ausgedruckte Handzettel bestehen. Das sei nicht nur altmodisch, sondern auch wenig effizient und belastend für die Umwelt, kritisiert Wilkening. „Wir sollten die Technik, die wir haben, auch nutzen“, fordert der Auetaler. „Die Welt besteht aus Veränderung, und zwar in die digitale Richtung.“ Er verstehe, dass die Technik erst einmal gewöhnungsbedürftig sei. Er plädiert dafür, Lehrern „die Angst vor dem Digitalen“ zu nehmen. mld

Niemand soll benachteiligt werden

Angesprochen auf die Vorwürfe der Schüler, weiß Ernestinum-Schulleiter André Sawade sofort, worum es geht: Gerade erst seien mehrere Schüler wegen der Laptopklassen bei ihm gewesen. „Die Klassen gibt es seit inzwischen vier Jahren“, erläutert Sawade. Außer den Klassen sieben bis zehn wird ab kommendem Schuljahr nun auch die Tablet-Klasse für Jahrgangsstufe elf eingeführt.

„Wir sind hier noch in der Experimentierphase“, sagt Sawade. Noch müssten Lehrer dafür extra fortgebildet werden. Außerdem sei unklar, wie viele Eltern sich dies leisten können; die Endgeräte müssen aus eigener Tasche bezahlt werden. Noch gebe es keine Möglichkeit, weniger bemittelte Familien zu unterstützen. „Wir stehen ganz am Anfang und müssen noch Expertisen sammeln“, so Sawade. Die Tablet-Klasse werde nun im Rahmen eines Pilotprojekts des Landkreises eingeführt.

Wie bisher wollte man auch dabei nach Elternwunsch vorgehen. „Es gab 44 Interessenten, bei insgesamt 128 Schülern im Jahrgang“, so Sawade. Der gerechteste Weg, darüber zu entscheiden, sei das Losverfahren gewesen. Auch in Wahlpflichtbereichen könne man nicht jeden interessierten Schüler berücksichtigen. Zwei 22er Klassen zu bilden, wäre nachteilig für die anderen Klassen gewesen, weil diese dann wiederum größer würden. Allerdings bestünden Chancen, dass Schüler später noch in die Laptopklasse nachrücken könnten. „Niemand wird benachteiligt“, betont Sawade. Ab Klasse elf werde schließlich auch Informatik angeboten. mld