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Rinteln Stadt Faszination D-Day
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18:24 24.03.2019
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Rinteln

Doch während sich Mittelalterspiele längst zu einem Spektakel mit „Fantasy“-Charakter gewandelt haben, ist der D-Day (engl. für Tag X), die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie, nach wie vor eine Gedenkfeier mit einer Geschichte, die heute noch real fassbar ist. Es gibt immer noch Überlebende dieser Invasion. Im Vorjahr ist ein 94-jähriger Veteran noch mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug gesprungen.

Die Operation mit dem Decknamen „Overlord“ im Juni 1944 liest sich in schier unvorstellbaren Zahlen: 6500 Schiffe, 2300 Dakota-C-47- Flugzeuge mit 13000 Fallschirmjägern an Bord, 54000 Fahrzeuge und 156000 Soldaten, die an einem Küstenabschnitt von 70 Kilometern Länge gelandet sind. Noch heute liegen Landungsboote in den Museen der Normandie. Man kann noch Bunkerstellungen besichtigen. Geschütze und Panzer stehen in den Straßen, häufig umsäumt von einem Blumenbeet, bestaunt von Touristen – ein beliebtes Fotomotiv. Der D-Day ist jedes Jahr ein wichtiger Tourismusfaktor.

Die Geschichten bewegen die Menschen

Es sind Geschichten, die Menschen bis heute bewegen. Die TV-Serie „Band of Brothers – Wir waren wie Brüder“, das Schicksal der Easy Company der 101. Airborne Division, verfilmt von Steven Spielberg und Tom Hanks, haben Millionen Zuschauer gesehen.

„Von oben sah es aus wie ein Teppich, als könnte man von Schiff zu Schiff laufend den Ärmelkanal überqueren.“ So beschrieben es Fallschirmjägerveteranen der 101. und 82. Luftlandedivision, die kurz vor Mitternacht vom 5. zum 6. Juni 1944 über dem französischen Festland hinter den deutschen Linien abgesprungen sind.

Der D-Day-Gedenktag ist auch eine Zeitreise. Um den 6. Juni herum werden damalige Ereignisse so real wie möglich nachgelebt und nachgestellt, wenn auch ohne Geschützdonner. Der Rintelner Frank Fischer, den zuerst die Geschichte die 101. Airborne Division fasziniert hat, ist seit zwölf Jahren dabei und schlüpft dann in seine US-Paratrooper-Uniform (Paratrooper engl. für Fallschirmjäger). Er hat schon „Deutsche“ gefangen genommen und verhört, die Küstenabschnitte und Ortschaften erkundet, war in den Kommandozentralen dabei.

Internationales Flair

Fischer erzählt, ihn habe schon beim ersten Mal die authentische Atmosphäre fasziniert: „Man fühlt sich tatsächlich ins Jahr 1944 versetzt.“ Es stimme alles, die originalgetreu nachgeschneiderten Uniformen wie auch die Kleidung der „Zivilisten“. „Willy’s Jeeps“ fahren im Gelände herum, GMC Trucks. Sogar die Musik aus den Cafés passt in die Zeit: Jazz und Swing mit Glenn Miller. „Wenn du dann bei der nachgestellten Landung bis zu den Knien im Meerwasser Richtung Strand watest, und über dir brummt im Tiefflug eine Staffel Dakotas hinweg, da kriegt man eine Gänsehaut. Nicht nur vom kalten Wasser.“

Dann sei da das internationale Flair. Amerikaner, Briten, Polen, Kanadier, Franzosen, Deutsche und Niederländer sind dabei. Fischer hat erlebt, wie sich Veteranen in den Armen gelegen haben, auch ehemalige Kriegsteilnehmer der jeweils anderen Seite. Also Menschen, die in jenen Tagen aufeinander geschossen haben, wie der damals 20-jährige Gefreite Heinrich Severloh, der mit seinem MG sechs Stunden lang eine halbe Division am Strand festgenagelt hat. Heute zählt dieses Widerstandsnest 62 am Omaha Beach zu den Legenden des D-Day. Die Amerikaner nannten Severloh „Beast from Omaha“.

Grafische Visualisierung des D-Days

Severloh geriet in amerikanische Gefangenschaft. Bei einem D-Day-Gedenktag hat er dann David Silva getroffen, einen Amerikaner, der damals 19-jährig mit der 29. Infantry Division in diesem Abschnitt angelandet ist. Aus dem Treffen sei eine Freundschaft entstanden, sagt Fischer.

Frank Fischer hat durch seine Aktivitäten häufig wechselnde Wohnsitze, je nachdem, wie es seine Arbeit erfordert. Zurzeit ist er in Holland. Fischer ist Grafiker, Künstler, Designer, Illustrator und Fachmann für Textiles. Und er ist im Laufe der Jahre vom Akteur, vom Mitspieler beim D-Day zum Gestalter geworden. Heute visualisiert er den D-Day grafisch, vor allem auf Kleidung für Akteure wie Zuschauer und Touristen, also für die Souvenirshops. Es sind außergewöhnlich gestaltete T-Shirts, Poloshirts, Kapuzenpullover, Lederjacken, Caps und Tassen. Fischer entwirft das Design und betreut die Produktion.

In Arbeit seien zurzeit Lederjacken der Piloten. „Dazu haben wir noch erhaltene Original-Jacken auseinandergenommen. Es soll ja alles stimmen, das Schnittmuster, das Ziegenleder, das Innenfutter.“ Vieles davon sei Handarbeit. Patches (engl. für Aufnäher, Ärmelabzeichen) würden oftmals mit Lederfarbe ebenfalls handgemalt.

Überhaupt Patches: Die seien immer gefragt. Zurzeit die Pin-up-Girls, mit denen die US-Besatzungen ihre Dakotas geschmückt haben. Das alles kann man in einer Halle der Firma Delware Trading (Holland) besichtigen, wo Fischer zurzeit in einem großen Team arbeitet. Eine Halle, die ebenfalls original im 40er-Jahre-Stil eingerichtet und dekoriert worden ist.

Anekdoten über das "Eagle's Nest"

Fischer war vom D-Day so fasziniert, dass er sich in die Geschichte eingearbeitet und schließlich alle europäischen Stationen der Invasion abgefahren hat. Er war in Bastogne in den Ardennen und auf Hitlers „Eagle’s Nest“ (engl. für Adlerhorst) in Berchtesgaden. Das hat übrigens auch die Easy-Company der 101. Airborne Division eingenommen (wie man auch bei „Band of Brothers“ sieht).

Hitlers persönliches Fotoalbum sowie seine erlesenste Wein- und Cognac-Sammlung sind seither verschwunden. Das damit im Zusammenhang stehende Trinkgelage gilt bis heute als das teuerste der US- Militärgeschichte.

Wie die US-Boys damals getickt haben, dafür gibt es noch eine Anekdote. Das „Eagle’s Nest“ war (und ist auch heute) nur über eine enge Straße erreichbar. Dieser Pass am Berg wurde damals vom US-Militär weiträumig abgeriegelt. Jeder GI, der den gerade eroberten „Adlerhorst“ besichtigen wollte, musste Eintritt zahlen.

Fischer will in diesem Jahr bei einem weiteren besonderen Jubiläum dabei sein: Bei der Gedenkfeier in Berlin für die „Rosinenbomber“, die Luftbrücke. 15 Monate lang landeten ab dem Jahr 1948 US-Flugzeuge im Minutentakt auf dem Flughafen Tempelhof. Sie brachten Kohle und Medikamente, Trockenmilch, Mehl und Benzin in das von den Sowjets abgeriegelte Berlin.

Von Hans Weimann