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Rinteln Stadt „Ich sehe mich noch als Ossi, aber gut getarnt“
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt „Ich sehe mich noch als Ossi, aber gut getarnt“
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20:58 17.12.2010
Auf Kinderfotos (hinten) ist kaum ein Unterschied zwischen DDR und BRD zu erkennen. Das kam erst später, als in der DDR Pionier-Uniformen getragen wurden und alle möglichen Urkunden und Abzeichen zu erwerben waren, wie hier vorn mit dem DDR-Wappen. André Peuker (links) erzählt den Gymnasiasten in Rinteln, wie er die DDR erlebt hat und sie heute im Rückblick sieht. Quelle: dil
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Zwei Kurse beschäftigen sich dort mit der jüngeren deutschen Vergangenheit. Lehrer Matthias Fink präsentierte ihnen jetzt mit André Peuker aus Hannover einen Zeitzeugen der Wende zur Befragung – und zwar einen, der damals selbst noch Kind war. Vier Wochen vor der Maueröffnung floh er als 14-Jähriger mit Bruder und Eltern über Ungarn und Österreich nach Westdeutschland.
Wie war es als Kind in der DDR, wollten die Schüler wissen. „Ich habe alle Stationen durchlaufen von der Kinderkrippe über Kindergarten, Einschulung, junge Pioniere, Thälmann-Pioniere und Freie Deutsche Jugend“, erzählte Peuker. Und dank besonderer Schwimmbegabung sei er dann an eine Sportschule delegiert worden. Doch zu den für Olympia und Weltmeisterschaften vorgesehenen Jahrgangsbesten zählte er dann nicht, musste wieder auf die normale Schulbank zurück. So sei ihm aber auch Doping erspart geblieben.
Waren Südfrüchte wirklich so knapp in der DDR? „Ja, denn der Ostblock hatte keine so heißen Staaten, dass es Südfrüchte gab“, erzählte Peuker. „Meine erste Kiwi habe ich in Soltau oder Hannover gegessen.“
Der heutige Verkaufsleiter einer mittelständischen Firma für Messedisplays sagte, er habe Jahre gebraucht, bis er die DDR-Zeit rückblickend richtig einschätzen konnte. Seine Kindheit sei sehr schön gewesen, trotz Fahnenappellen, soldatischem Grüßen der Lehrer und Jeansverbots.
Wie war das mit dem reichen Onkel aus dem Westen? „Ja, wir hatten einen, der kam immer mit dem vollgepackten Käfer aus Dortmund. Das war wie Weihnachten und Geburtstag auf einmal“, so Peuker schmunzelnd. Vor allem die „Bravo“ war dann heiß begehrt, auch wenn sie schon Wochen alt war.
Und warum ist die Familie geflohen? „Meine Eltern hatten trotz guter Jobs Probleme mit der ständigen Steuerung des Lebens durch den Staat“, antworte Peuker. „Und sie wussten ja nicht, wie alles ausgeht.“ Peuker war mit seinen Eltern selbst bei Montagsdemonstrationen, die Angst vor einem Zurückschlagen der Staatsmacht war spürbar.
„Aber mit der Flucht habe ich alles abgestreift“, fuhr Peuker fort. Doch dann sei er auf Anti-DDR-Lehrer getroffen. „Ich habe deshalb versucht, mich schnell zu integrieren und mein Sächsisch sofort abgelegt.“ Und auch Einkäufe fielen ihm schwer – so viel Auswahl irritierte ihn.
Und wurde die Familie von der Stasi überwacht? „Ein Patenonkel und bester Freund meines Vaters war Westspion. Deshalb wurde mein Vater drei Tage lang verhört. Und in den Stasi-Akten der Eltern fanden sich Hinweise auf Bespitzelung durch Freunde“, sagte Peuker. Ihm hätten die Eltern deshalb von der geplanten Flucht nichts erzählt. „Auf Republikflucht standen zwei Jahre Zuchthaus.“ Fühlt er sich noch als Ossi? „Für mich gibt es noch Ost und West, und ich sehe mich manchmal noch als Ossi, aber sehr, sehr gut getarnt.“