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Rinteln Stadt Mit dem Jagdgewehr ins Rathaus
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Mit dem Jagdgewehr ins Rathaus
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00:23 01.03.2018
Hier wird eine Handfeuerwaffe unbrauchbar gemacht.
Hier wird eine Handfeuerwaffe unbrauchbar gemacht. Quelle: Dpa
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RINTELN

Derzeit sammelt sie jene ein, die illegal besessen werden. Diese können noch bis zum 1. Juli straffrei bei der Verwaltung abgegeben werden. „Aber bitte“, sagt Sievert, „packen Sie die Waffe doch vorher ein.“

Denn es komme durchaus mal vor, dass jemand mit blank gezogener Flinte durch das Rathaus marschiere. „Und plötzlich geht meine Türe auf – und ich schaue in einen Gewehrlauf.“ Konkrete Angst habe sie zwar bisher nicht gehabt – aber etwas mulmig werde einem da schon. Dabei ist es gar nicht notwendig, die Waffen höchstpersönlich im Rathaus abzugeben. „Wir holen sie auch gerne ab“, sagt Sievert. Ein Telefonanruf reicht. Und wenn man die Schusswaffe schon persönlich im Rathaus abgeben möchte – am besten vorher anrufen, „und bitte Waffe und Munition getrennt transportieren“. Es wäre schon angenehmer, wenn Sievert Bescheid wüsste, wenn wieder jemand mit einem Gewehr ihr Büro betritt.

Insgesamt 32 zuvor illegal besessene Schusswaffen hat Sievert seit Beginn der Amnestie-Regelung einsammeln können. Sie werden zunächst zwischengelagert und dann vernichtet. Etwa im Stahlwerk von Salzgitter.

Viele Erbstücke darunter

Natürlich könne man die Waffen komplett anonym abgeben. „Das ist völlig in Ordnung. Ich frage nicht nach dem Namen oder der Herkunft.“ Die meisten würden aber doch erzählen, woher sie die Schusswaffe haben. „Es sind sehr viele Erbwaffen darunter.“ Also etwa die Flintensammlung des Großonkels, die nach dessen Tod gefunden wurde.

Seit 2008 ist der weitere Besitz von sogenannten Erbwaffen strafbar. „Die Dunkelziffer ist aber wahnsinnig hoch“, so Sievert. Auch Munition könne man bei ihr abgeben.

Dass Sievert mit 32 eingesammelten illegalen Waffen gut im Schnitt ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen des Landkreises. Dieser sammelt zentral für alle Gemeinden außer Rinteln die Schusswaffen ein. Laut Pressesprecherin Anja Gewald wurden bisher 24 ans Ordnungsamt des Landkreises zurückgegeben. Darunter fallen 14 Langwaffen und zehn Kurzwaffen. „Statistisch erfassen wir leider nicht, wie viele Personen dahinter stecken“, so Gewald. Es könne durchaus sein, dass einzelne Personen größere Mengen an Waffen zurückgeben.

Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wurden niedersachsenweit 4343 Schuss- sowie 443 sonstige Waffen, beispielsweise Hieb- und Stichwaffen, straffrei abgegeben. 674 davon befanden sich in illegalem Besitz. Hinzu kamen rund 83000 Stück an Munition. 2009 hatte es bereits eine ähnliche Aktion gegeben. Anlass damals war der Amoklauf von Winnenden in Baden-Württemberg, bei dem ein 17-Jähriger 15 Menschen erschossen hat. Bundesweit waren damals rund 200000 Waffen zurückgegeben worden, in Niedersachsen waren es 26600, 3351 davon befanden sich zuvor in illegalem Besitz.

Entsorgung in Spezialbetrieben

Waffen und Munition, die bislang im Rathaus oder bei der Polizei abgegeben wurden und in den kommenden Monaten abgegeben werden, werden in Spezialbetrieben, zum Beispiel der GEKA in Munster, eingeschmolzen und danach als Metallschrott verwertet. Die Zahl der im Umlauf befindlichen Waffen und Munition soll so reduziert werden.

Noch bis zum 1. Juli können Besitzer illegaler Waffen oder Munition diese straffrei und anonym beim Rathaus oder der Polizei abgeben. Um eine telefonische Terminvereinbarung unter (05751) 403168 oder (05751) 95450 wird allerdings gebeten.

Im Falle, dass die Erbschaft eine Schusswaffe umfasst, muss umgehend die zuständige Waffenbehörde informiert werden (in Rinteln kümmert sich das Ordnungsamt im Rathaus darum). Das unberechtigte Führen oder Transportieren der Waffe ist verboten. Die Waffenbehörde prüft, ob es sich um eine erlaubnispflichtige oder um eine erlaubnisfreie Waffe handelt. Letztere darf behalten werden, wenn das 18. Lebensjahr vollendet und ein sicherer Aufbewahrungsort gewährleistet ist. Für den Besitz einer erlaubnispflichtigen Waffe ist hingegen eine Waffenbesitzkarte (WBK) notwendig. Verfügt der Erbe bereits über eine ausgestellte WBK und ein nachgewiesenes waffenrechtliches Bedürfnis, beispielsweise als Jäger oder Sportschütze, darf die Waffe übernommen werden. Ohne den Besitz einer WBK muss binnen vier Wochen nach der Benachrichtigung ein schriftlicher Antrag an die Waffenbehörde gestellt werden. Keine Vorstrafen und geistige Gesundheit sind Voraussetzung zur Ausstellung einer WBK. Zudem muss die Waffe ohne ein waffenrechtliches Bedürfnis von einem zugelassenen Fachmann mit einem Blockiersystem gesichert und im Waffenschrank aufbewahrt werden. Besteht kein Interesse am Besitz der Erbwaffe, kann diese von einer entsprechenden Firma unbrauchbar gemacht, an einen Berechtigten verkauft oder an Polizei oder Stadt abgegeben werden. jak/ww