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Rinteln Stadt „Pionier-Stimmung“: Wie kleine Winzer Rinteln für sich entdecken
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt „Pionier-Stimmung“: Wie kleine Winzer Rinteln für sich entdecken
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10:16 09.10.2019
Siegfried und Gudrun Gemballa haben 2014 die ersten Reben auf ihrem Weinberg im Rintelner Ortsteil Friedrichswald gepflanzt. Mittlerweile können sie schon fertige Weine präsentieren. Quelle: Jessica Rodenbeck
Rinteln

„Wenn man hier hoch fährt, ist man ganz weit weg von allem“, sagt Stefan Meyer und lässt den Blick über seinen kleinen Weinberg wandern.

Vor drei Jahren hat er das Grundstück am Südhang des Wesergebirges erworben, gemeinsam mit seiner Frau Ingrid machte er es urbar und pflanzte die ersten 100 Weinreben an. „Regent, eine Rotweinsorte“, erklärt er.

Die ersten Weinreben standen im Garten

Schon vor Jahren hat Meyer die ersten Weinreben in seinem Garten in der Nordstadt angepflanzt. Als er dann hörte, dass man sich um Pflanzrechte für erwerbsmäßigen Weinbau bewerben kann, erwarb er das Grundstück im Ortsteil Schaumburg und bewarb sich für eben diese Rechte – mit Erfolg. 2017 pflanzte er die ersten 100 Weinreben an, 2018 folgten 100 weitere, darunter auch 50 der Weißweinsorte „Solaris“.

Der Weinanbau in Niedersachsen ist im Kommen.

Stefan Meyer , Winzer aus Rinteln

Seine Sorten bezieht Meyer von Rebschulen im Süden Deutschlands. Am Anfang habe man dort noch geschmunzelt, als die ersten Anfragen aus Norddeutschland kamen, erzählt er.

Mittlerweile sei dieses Schmunzeln jedoch ernsthaftem Geschäftsinteresse gewichen. Denn wärmer werdende Sommer und, was noch viel wichtiger sei, neue frühreifende und weitestgehend pilzresistente Sorten ließen für die Zukunft hoffen. „Der Weinanbau in Niedersachsen ist im Kommen“, ist sich Meyer sicher.

15 Kilo Trauben geerntet - ein Erfolg

Er konnte in diesem Jahr zum ersten Mal nennenswert ernten – 15 Kilogramm Trauben kamen zusammen. „Eine kleine Menge, aber als Versuch schon mal ganz gut.“ Sein Wissen über den Weinanbau hat Meyer sich vor allem angelesen. „Aber es gibt auch bei uns in der Region viele, die sich schon deutlich besser damit auskennen.“

2019 hat Stefan Meyer auf seinem Weinberg in Rinteln zum ersten Mal eine nennenswerte Menge an Trauben ernten können. (Foto: pr.)

Einer von ihnen ist Siegfried Gemballa. Er hat seinen kleinen Weinberg auf der anderen Seite der Weser, in Friedrichswald. Bereits 2014 hat er dort rund 90 Weinreben der Sorten „Pinotin“ und der Neuzüchtung „VB 32-7“ angepflanzt, ebenfalls „PI-WI“-Sorten, also pilzwiderstandsfähige.

Es hätte auch ein Weinberg im Süden werden können

Erst im Herbst 2013 war Gemballa gemeinsam mit seiner Frau Gudrun auf den renovierten Resthof gezogen. „Hier war noch nichts gepflastert, und es gab keinen Garten“, erzählt diese. „Aber als Erstes mussten die Weinreben gepflanzt werden“, erinnert sie sich und lacht.

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Denn ihr Mann wollte schon lange selbst Wein anbauen, zwischenzeitlich hatte das Paar sogar überlegt, einen Weinberg in Süddeutschland zu erwerben. Doch dann kündigten sich die ersten Enkelkinder an – und die Entscheidung, in der Region zu bleiben, war gefallen.

Darum gibt es im September keinen Urlaub mehr

„In der Regel sagt man, dass Weinreben drei Jahre Vorlauf brauchen“, erklärt Gemballa. Bei den Bodenverhältnissen in Friedrichswald sei er sogar von fünf Jahren ausgegangen, doch die Reben entwickelten sich prächtig – und so konnten die beiden sich bereits 2017 über eine gute Ernte freuen: Rund 25 Liter Wein kamen zusammen, im vergangenen Jahr waren es sogar jeweils 35 Liter Rot- und Weißwein.

EU-Recht macht Anbau möglich

Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hatte 1976 ein Neuanpflanzungsverbot für Weinreben beschlossen. Da dieses Verbot jedoch nur in Europa galt, fühlten sich die europäischen Winzer benachteiligt. Seit dem 1. Januar 2016 dürfen daher, nach einer Änderung des EU-Rechts, auch in Europa – in begrenztem Maße – wieder neue Weinreben gepflanzt werden. Die Pflanzrechte müssen zuvor beantragt und zugeteilt werden.

Auch Niedersachsen wird zur Weinregion

Da die Neuanpflanzungen zudem nicht mehr auf die bisherigen Anbaugebiete beschränkt sind, darf nun auch in Niedersachsen erwerbsmäßig Wein angebaut werden. Mittlerweile gibt es hier 19 Weinbaubetriebe, denen insgesamt 17,1 Hektar bewilligt wurden.

Rein für die private Nutzung ist der Anbau von Weinreben auf einer Fläche von maximal 1000 Quadratmetern nach EU-Recht auch ohne Genehmigung möglich. jaj

„Dieses Jahr hatte ich gerade beim Weißwein mit noch mehr gerechnet“, erzählt Gemballa. Doch dann kam ihm die Natur dazwischen. Als er in einem lange geplanten Urlaub mit Freunden weilte, kamen die Wespen – und fraßen 70 Prozent der Weißwein-Trauben einfach auf. Gemballa hat daraus eine Lehre gezogen: „Im September fährt man als Weinanbauer nicht in den Urlaub.“

Ernten, pressen, gären, abfüllen

Die Weiterverarbeitung der Trauben ist bei den Gemballas – wie auch bei den Meyers – viel Handarbeit. „Dreieinhalb Stunden haben wir dieses Jahr hier gesessen und abgebeert“, erzählt Gudrun Gemballa. Anschließend wurden die Trauben gepresst. Für den Rotwein lassen die Gemballas dann die Maische, also das Gemisch aus Fruchtsaft, Schalen und Traubenkernen, gären. Beim Weißwein nutzen sie nur den gepressten Fruchtsaft, den Most.

Nachdem die Trauben geerntet wurden, ist die Arbeit noch längst nicht erledigt. Die Weinbauern aus Rinteln erledigen alle Arbeitsschritte bis zur Abfüllung eigenständig. (Foto: Jessica Rodenbeck)

Es folgen weitere Arbeitsschritte, bis die Gemballas einige Wochen später, in der Regel im Januar, ihren Weißwein in Flaschen abfüllen. Dieser heißt dann „Benno“, benannt nach einem der zwei Esel des Paares. Der Rotwein, der später nach Eseldame „Paula“ benannt wird, darf sogar bis in den Frühsommer ruhen. „Dadurch wird er noch runder“, sagt der Hobby-Winzer.

Auch Wesergold steigt im Traubengeschäft ein

„Der Geschmack eines Weines hängt von der Witterung, der Lage und den Bodengegebenheiten ab“, erklärt die gelernte Winzerin Julia Krauß. Sie kommt ursprünglich aus dem süddeutschen Raum, ist jedoch seit einigen Jahren bei Wesergold in der Produktentwicklung tätig, nachdem sie zuvor noch Getränketechnologie studiert hatte.

Als man bei Wesergold entschied, sich 2016 ebenfalls um Pflanzrechte zu bewerben, war schnell klar, dass sie die Planung des Projektes übernehmen werde. „So habe ich auch wieder ein bisschen Bezug zu dem, was ich ursprünglich gelernt habe“, freut sie sich.

Es herrscht ein bisschen Pionier-Stimmung

Auf dem Weinberg der Firma Wesergold in der Nordstadt stehen mittlerweile 750 Reben der Sorten Riesling, Müller-Thurgau und Grauburgunder. „Der Riesling ist ein bisschen Risiko“, gibt die Winzerin zu, denn eigentlich handele es sich dabei um eine Sorte, die später reif sei. „Wir wollen einfach mal testen, ob das hier auch möglich ist.“

Da die letzten Reben erst im vergangenen Jahr gepflanzt wurden, erwartet Krauß die erste Ernte erst in zwei bis drei Jahren. Für das anschließende Keltern, also das Auspressen, könne dann die vorhandene Technik bei Wesergold genutzt werden. Dort verkauft werden solle der Wein aber nicht. Er sei eher zu Marketingzwecken gedacht.

Untereinander kennen sich die drei Rintelner Weinanbauern, man tauscht sich aus. Und auch darüber hinaus sind die norddeutschen Winzer gut vernetzt. Ende Oktober sei sogar das Gründungstreffen einer Vereinigung niedersächsischer Weinanbauer geplant. Meyer freut sich auf das, was noch kommt: „Es herrscht ein bisschen Pionier-Stimmung.“ von Jessica Rodenbeck

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Weinberge im Wesertal

Im Wesertal weisen noch alte Flurbezeichnungen auf den mittelalterlichen Weinbau hin. In Eisbergen, bei Steinbergen und bei Barksen gibt es „Weinberge“, und auch bei Bückeburg ist die Bezeichnung bis heute erhalten. Im Mittelalter dienten diese Weinberge meist der Herstellung von Messwein, auch die Klöster hatten stets erhöhten Bedarf.

Darum ging der Weinanbau im Wesertal zurück

Die Reformation, der Dreißigjährige Krieg und auch die Klimaverschlechterung der „Kleinen Eiszeit“ zwischen 1550 und 1850 räumten mit diesem niemals wirklich bedeutenden Weinbau allerdings gründlich auf. Doch auch in späterer Zeit bestätigten Ausnahmen die Regel: Im Garten des evangelischen Stiftes Möllenbeck standen noch bis in das 18. Jahrhundert ein paar Dutzend Rebstöcke.

Etwas oberhalb an der Weser, im Bereich Höxters, hatte der Weinbau bis in das 17. Jahrhundert noch eine größere Bedeutung. Das Kloster Corvey, aber auch die Stadt Höxter besaßen an den südlichen Hängen der Stadtberge bedeutende Weinpflanzungen. Vor wenigen Jahren hat der Corveyer Weinhändler Michael Rindermann an dieser historischen Stelle, auf der jahrhundertelang nur noch das Vieh weidete und der Wald Stück für Stück die Hänge zurückeroberte, mit einer Neuanpflanzung von genehmigungsfreien 99 Reben begonnen.

Goldene Zukunft für hiesigen Wein?

Mit ausgezeichnetem Erfolg. Sein Wein kann sich fraglos sehen und schmecken lassen. Und Rindermans Enthusiasmus ist offenbar ansteckend. Mittlerweile gibt es einen Weinlehrpfad, und für die bevorstehende nordrhein-westfälische Landesgartenschau ist die Ausweitung des Weinberges auf einen Hektar und sogar der Bau eines eigenen kleinen Weinberghauses geplant.

Rindermanns Augen leuchten, wenn er von den neuen Perspektiven der „Winzerei“ an der Oberweser erzählt. Und tatsächlich, wenn man sich bei einem Glas Wein eine Weile mit ihm, dem gelernten Önologen, über Bodenqualität, Hangneigungen, Rebsorten und Kelter-erfolge unterhalten hat, verliert man selbst auch allen Zweifel daran, dass dem edlen Tropfen von der Weser etwas anderes beschieden sein könnte als eine goldene Zukunft. von Stefan Meyer