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Rinteln Stadt Puff und Peng
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18:57 29.03.2019
Museumsleiter Stefan Meyer demonstriert, wie einst in Sachen Elektrizität geforscht wurde.
Museumsleiter Stefan Meyer demonstriert, wie einst in Sachen Elektrizität geforscht wurde. Quelle: rnk
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Rinteln

Der Bostoner Buchdrucker und Schriftsteller Benjamin Franklin befasste sich zeit seines Lebens mit naturwissenschaftlichen Fragen. Ab 1747 beschäftigte er sich mit der Theorie der Elektrizität; 1752 erfand er den Blitzableiter. Auf den Jahrmärkten der näheren und weiteren Umgebung wurde schnell für den Kauf der neuen Erfindung geworben. Und weil eine Demonstration mehr überzeugt als 1000 Worte, erfanden findige Köpfe das „Donnerhaus“: eine kleine Holzhütte, in die der Blitz einschlägt. Hat man einen Blitzableiter, passiert nichts, hat man keinen, wird der Funke in die Mitte des Modells geleitet, wo er eine Patrone mit Schwarzpulver entzündet – und dann macht es Puff und Peng, und die Hütte ist nur noch ein rauchender Haufen Asche.

Ein Donnerhaus besitzt nun – wie einst die Rintelner Academia Ernestina – auch das Universitäts- und Stadtmuseum Rinteln. Gebaut hat es Physiker Wolfgang Engels, der sich mit seiner Firma auf den Nachbau historischer Instrumente spezialisiert hat. Zehn dieser Instrumente hat er eigens für das Museum hergestellt, mal fallen sie spektakulär aus wie das Donnerhaus, mal eher still und leise, wenn gezeigt wird, wie ein Unterdruck Wasser zum Kochen bringt. Finanziell unterstützt wird die Anschaffung durch die VGH-Stiftung.

Die neuen Exponate ergänzen die bisherige Sammlung an physikalischen Instrumenten, und sie erzählen eine Geschichte, die bislang immer ein bisschen im Schatten der Universität stand. Denn die Uni Rinteln, das war vor allem die Lehrstätte der großen und bedeutenden Theologen und Juristen. „Aber es gab eben auch die Mediziner und Philosophen, die ganz nebenbei auch als Naturwissenschaftler arbeiteten“, erklärt Museumsleiter Stefan Meyer. Und er spricht von einem Nachholbedarf mit Blick auf die bisherige Darstellung der naturwissenschaftlichen Seite der Universität. Es waren Forscher wie Johann Matthäus Hassencamp, der an der Universität lehrte, ein Theologe, Orientalist und Mathematiker und eben auch ein experimentierfreudiger Naturwissenschaftler, dem es gelang, die Stadtväter davon zu überzeugen, dass die Stadt Rinteln zum Schutz gegen Blitzschlag und Brände 1779 mit einem ganzen Ring von insgesamt sieben frei stehenden Blitzableiterstangen umgeben wurde, womit man absolutes Neuland betrat. Vom Rintelner Hassencamp lässt sich der inhaltliche Bogen sogar hin zum weltberühmten Franklin spannen: 1769 trafen sich beide in Kassel. „Hassenkamp verehrte den Amerikaner und führte später sein Werk fort“, erklärt Meyer: „Er hat dort weiter geforscht, wo Franklin aufgehört hat.“

Naturwissenschaftlich Interessierte wie Hassencamp fanden in Rinteln hervorragende Bedingungen vor. Er durfte beispielsweise zehn Jahre lang für 100 Taler hochkarätige Exponate für seine Experimente ankaufen; eine Summe, erklärt Meyer, mit der man damals eine ganze Familie habe unterhalten können: „Mit ihren mathematischen und physikalischen Sammlungen war die hiesige Universität um 1790 auf dem neuesten Stand und stellte auch die Konkurrenz in Marburg in den Schatten.“

Bereits 1698, sagt Meyer, habe es an der Universität Rinteln eine Petition gegeben, die von 30 Studenten und Professoren unterzeichnet wurde und in der sie sich – erfolgreich – für den Erwerb einer Vakuumpumpe einsetzten. Wie diese Verwendung fand, kann unter anderem auf einem Gemälde des niederländischen Malers Charles-Amédée-Philippe van Loo nachvollzogen werden, das im Obergeschoss des Museums zu sehen ist: Die Vakuumpumpe entzieht einer Glaskuppel die Luft – und eine dort hockende Feldlerche wird ohnmächtig. Wird die Luft wieder zugeführt, erwacht das Tier zu neuem Leben. Ein echter Zaubertrick auf naturwissenschaftlicher Basis, gern vorgeführt in den Salons der besseren Gesellschaft, wie damals üblich.

Gezeigt und vorgeführt werden Geräte und Experimente bei Führungen im Museum, Meyer würde es freuen, wenn man von hier aus den Bogen zum Physik-Unterricht der Einsteigerklassen schlagen könnte. Und natürlich blickt Meyer auch auf Besuchergruppen von außerhalb: Wenn sie kommen, dann wird man in Zukunft etwas ganz Besonderes vorzeigen können.