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Rinteln Stadt Rintelner Kurden über türkische Offensive: „Wieso hilft uns niemand?“
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Rintelner Kurden über türkische Offensive: „Wieso hilft uns niemand?“
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10:41 22.10.2019
„Wir Kurden haben für euch den Islamischen Staat besiegt. Wir haben Amerika und Europa geholfen. 11000 Kurden sind dafür gestorben. Dafür muss uns die Welt doch jetzt helfen", sagt Wilat Hais (links), der seit mehreren Jahren in Rinteln lebt. Quelle: Jakob Gokl
Rinteln

Erdogans Ziel ist es, die kurdische YPG zu vertreiben und danach in dem Grenzstreifen bis zu zwei Millionen syrische Flüchtlinge aus der Türkei in einer „Schutzzone“ auf der syrischen Seite der Grenze umzusiedeln. Möglich wurde der Angriff durch den überraschenden Rückzug eines Teiles der US-Truppen aus der Region.

Mit Schrecken verfolgen Kurden in Rinteln und ganz Deutschland seitdem die Entwicklung. Wilat Hais ist einer von ihnen. Der heute 23-Jährige floh aus seiner syrischen Heimatstadt Damaskus während des Krieges nach Deutschland. Seit Jahren lebt er in Rinteln und ist dort heimisch geworden.

„Alle Kurden sind meine Familie“

Verwandte im aktuellen Kriegsgebiet hat er nicht. „Aber alle Kurden sind meine Familie“, macht er sein Zugehörigkeitsgefühl deutlich. Für ihn ist eines unverständlich: „Wir Kurden haben für euch den Islamischen Staat (IS) besiegt. Wir haben Amerika und Europa geholfen. 11.000 Kurden sind dafür gestorben. Dafür muss uns die Welt doch jetzt helfen.“ Stattdessen habe US-Präsident Donald Trump sie verraten und verkauft. Von der EU und Deutschland kämen zwar viele kritische Worte zu Erdogans Angriff, aber wirkliche Konsequenzen oder sogar eine echte Hilfe für die bombardierten Kurden gebe es nicht.

„Wir Kurden werden nicht aufgeben, wir kämpfen bis zum Ende für unser Land. Erdogan kann uns nie besiegen“, sagt Hais. „Das einzige Problem ist doch, dass wir Kurden sind.“

„Wogegen sollen wir hier demonstrieren? Wir mögen Rinteln"

Etwa 60 kurdische Familien leben in Rinteln. Sie sind untereinander vernetzt und fahren gemeinsam zu Demonstrationen. Auch Wilat Hais ist zu zwei Kundgebungen gefahren. „Mehr geht leider nicht, ich muss ja arbeiten.“ Man habe zwar überlegt, auch in Rinteln eine Demonstration zu veranstalten, die Idee aber dann verworfen. „Wogegen sollen wir hier demonstrieren? Etwa das Jobcenter? Wir mögen Rinteln.“ Das türkische Konsulat in Hannover sei dagegen ein besserer Ort für eine Kundgebung.

Die Begründung Erdogans für den Angriff, er wolle syrische Flüchtlinge in einer sogenannten Schutzzone ansiedeln, hält Hais für unsinnig. „Mit Krieg, mit Panzern und Bomben produziert er nur noch mehr Flüchtlinge.“ Außerdem befinden sich laut Hais noch tausende IS-Kriegsverbrecher in kurdischen Gefängnissen. Diese zu bewachen falle zunehmend schwer. 800 IS-Kämpfer seien schon aus einem Lager ausgebrochen, nachdem dieses von der Türkei bombardiert worden sei. „Wieso macht Erdogan das?“, will er wissen.

Position von Türken gefordert

Er findet, auch die deutschen Türken sollten sich klar positionieren. „Die Amerikaner schämen sich doch auch für ihren Präsidenten Trump. Wieso können deutsche Türken nicht ebenfalls sagen: ,Wir schämen uns für Präsident Erdogan‘?“, fragt Hais. Auch von den Kurden in der Türkei wünscht er sich mehr Engagement. „Wären alle Kurden in der Türkei gleichzeitig auf die Straße gegangen, hätte niemand sie aufhalten können.“

Die türkische Offensive nehme die Kurden in Rinteln auch emotional sehr mit. „Viele haben Freunde oder Verwandte dort. Sie essen nicht mehr, rauchen den ganzen Tag und verfolgen die Nachrichten. Es ist Stress, es macht uns kaputt“, sagt Hais. Doch sie könnten nicht mehr machen, als Öffentlichkeit zu schaffen und zu demonstrieren. „Solange auch nur ein Kurde lebt, machen wir weiter.“ von Jakob Gokl

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