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Rinteln Stadt Rintelner Landwirtin will faire Debatte über Nitratbelastung im Wasser
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Rintelner Landwirtin will faire Debatte über Nitratbelastung im Wasser
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18:28 08.11.2019
Gelangt mehr Stickstoff durch die Rintelner Kläranlage in die Weser als durch die Landwirtschaft? Diesen Verdacht hegt Kirsten Schaper. Der Abwasserbetrieb der Stadt wehrt sich dagegen.
Rinteln

„Stellt euch mal vor, wir würden die gesamte Gülle unserer 230 Kühe und Rinder einfach in die Weser leiten“, hieß es vor einigen Tagen auf der Facebook-Seite des Hofs Brandsmeier.

„Einfach undenkbar!“. Und doch sei 2017 genau die Menge Stickstoff, die alle Brandsmeierschen Kühe zusammen produzieren, in die Weser gelangt. 65 Kilogramm am Tag, rund 24.000 Kilogramm im Jahr – eingeleitet durch die Rintelner Kläranlage.

Nicht allein die Landwirte verantwortlich

Kirsten Schaper – geborene Brandsmeier – hat den Facebook-Post verfasst – nicht, um den Schwarzen Peter weiterzureichen, sondern um aufzuklären, wie sie erläutert. Sicherlich sei in der Landwirtschaft in der Vergangenheit nicht alles gut gelaufen, räumt sie ein, aber: „Die Landwirte sind nicht die einzigen, die für die Nitratbelastung in Gewässern und im Grundwasser verantwortlich sind.“ Doch genau so würde es von Politik und Medien dargestellt. „Wir Landwirte möchten, dass alle Ursachen in die Diskussion einbezogen werden.“

Die in dem Facebook-Post genannten Zahlen sind dabei nicht aus der Luft gegriffen, sie stammen aus dem niedersächsischen „Lagebericht Kommunalabwasser“, in dem die Daten von rund 450 niedersächsischen Kläranlagen veröffentlicht werden – und in dem die Rintelner Anlage beim Stickstoff nicht gut abschneidet. 2017, das dem Bericht zugrunde liegt, lag die Reinigungsleistung des Rintelner Klärwerks im Bereich Stickstoff bei 76,7 Prozent – nur 17 Anlagen hatten einen schlechteren Wert. Der niedersachsenweite Durchschnitt lag bei 91,5 Prozent.

Anlage hält Werte ein

„Unsere Kläranlage ist nicht schlecht. Sie hält die Werte ein“, sagt Grit Seemann, Technische Leiterin bei den Abwasserbetrieben der Stadt Rinteln, auf Anfrage. Denn für die Abwasserbetriebe sei nicht die „Stickstoff-Fracht“ (also die im gereinigten Wasser enthaltene Menge in Kilogramm) entscheidend, sondern die Konzentration. Beim Stickstoff lag diese Konzentration 2017 im Jahresdurchschnitt bei 7 Milligramm pro Liter. Der Wert, den die Kläranlage laut einer Genehmigung des Landkreises einhalten muss, liege genau doppelt so hoch, nämlich bei 14 Milligramm pro Liter.

Theoretisch sei es durchaus möglich, die Stickstoffwerte weiter zu verringern, erläutert Seemann. Dazu müsse man zu der biologischen Reinigung, in der Bakterien den Stickstoff-Abbau übernehmen, aber noch „Betriebsmittel“ zugeben, beispielsweise Essigsäure. „Da muss ich mich aber fragen, ob das wirtschaftlich ist, da wir die Werte ja einhalten.“

20 Prozent unter Bedarf düngen

Die Wirtschaftlichkeit sei auch für die Landwirte ein Thema, erläutert Schaper: „Von uns Landwirten wird einiges gefordert.“ In bestimmten Regionen, auch bei uns im Landkreis, müssten Kollegen ihre Pflanzen durch verschärfte Regeln „20 Prozent unter Bedarf“ düngen, was natürlich Auswirkungen auf den Ertrag habe. Gleichzeitig müsse aber in zusätzliche Güllelager investiert werden. „Die Vorgaben sind für einige Betriebe existenzbedrohend“, sagt sie.

Im Zusammenhang mit Abwasser weist sie dabei auf einen anderen Aspekt hin: Auch durch undichte Abwasserkanäle könne Nitrat in den Boden gelangen und so das Grundwasser belasten. „Auch darüber sollte sich die Politik Gedanken machen.“

125 Kilometer Schmutzwasserkanäle in der Stadt

Die Kanäle in der Stadt würden regelmäßig mittels Kamerafahrten überprüft, erläutert Seemann. Sollte dabei ein Problem festgestellt werden, werde dies auch behoben. Wie häufig jeder einzelne Kanal überprüft wird, könne sie aber nicht sagen. In der Stadt gibt es 125 Kilometer Schmutzwasserkanäle, hinzukommen 53 Kilometer Mischwasserkanäle, in denen Schmutz- und Regenwasser gemeinsam fließen. Angesichts dieser Menge sei eine Überprüfung jedes Kanals alle paar Jahre „nicht zu schaffen“, so Seemann.

Von Jessica Rodenbeck

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