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Rinteln Stadt Selbstversuch im Fahrschulauto: Eine Gefahr für die Öffentlichkeit?
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Selbstversuch im Fahrschulauto: Eine Gefahr für die Öffentlichkeit?
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21:59 24.03.2019
Cornelia Kurth fährt seit 35 Jahren unfallfrei mit dem Auto. Dennoch bekommt sie von Fahrlehrer Ingo Radler ein miserables Urteil ausgesprochen.
Cornelia Kurth fährt seit 35 Jahren unfallfrei mit dem Auto. Dennoch bekommt sie von Fahrlehrer Ingo Radler ein miserables Urteil ausgesprochen. Quelle: tol
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Ich sehe es ein, habe ich gesagt. Ich werde über meinen Fahrstil nachdenken. In Wirklichkeit aber entwickele ich gerade einen gewissen Trotz. Ja, wenn diese Autofahrt mit Fahrlehrer Ingo Radler eine Führerscheinprüfung gewesen wäre, ich hätte sie nicht bestanden. Würde ich aber so fahren, wie er es gefordert hat, käme ich mir wie ein Verkehrshindernis vor. Oder ist das schon der Altersstarrsinn?

Reden wir nicht darüber, dass ich den Motor im Fahrschulauto mindestens viermal abgewürgt habe. Mit meiner uralten Kiste kann ich im dritten Gang locker mit zwanzig Stundenkilometer um die Kurve fahren. Radlers Wagen streikt da aber. „Was ist denn das für ein komisches Auto?“, frage ich ihn. Er lacht und sagt: „Ein neues!“

Sofort beim Rückwärtseinparken durchgefallen

Reden wir auch nicht darüber, dass schon die Art, wie ich das Lenkrad führe, auf harte Kritik stößt. Meine Hände stützen sich unten am Lenkrad auf, manchmal auch nur eine Hand. Absolut daneben! Beide Hände müssen immer in der Zehn-nach-zehn-Stellung am Lenkrad sitzen, sonst könnte ich einem überraschend auftauchenden Hindernis nicht sicher genug ausweichen.

Und schließlich: Reden wir erst recht nicht darüber, dass ich beim Rückwärtseinparken ganz klar sofort durchgefallen wäre. Ich landete nämlich mit zwei Rädern auf dem Bürgersteig. „Sie machen mir die Reifen am Bordstein kaputt“, stöhnt Radler. Aber noch viel schlimmer: Es hätte ein Fußgänger angefahren werden können. Da war zwar kein Fußgänger, aber: „Sie haben ja gar nicht richtig geguckt.“

Das sagt Radler nicht nur in diesem Fall, das sagt er eigentlich ununterbrochen. Genau an diesem Punkt regt sich mein Trotz. Ich bin jetzt 58 Jahre alt und habe noch nie einen Unfall gebaut. Ingo Radler aber versucht, mir klarzumachen, dass ich die Verkehrsicherheit nicht wirklich im Auge habe. Dass ich mich und andere gefährde mit meinem Fahrstil.

Auch Schranken können mal versagen

Mich erinnert das fatal an die Gespräche mit meinem Vater, als es darum ging, ob er mit seiner Sehschwäche und dem steifen Nacken noch Auto fahren kann. Er wollte das so wenig einsehen, wie nun ich einsehen will, dass ich unverantwortlich fahre.

Zum Beispiel beim beschrankten Bahnübergang. Ich hätte mich dem Übergang ganz langsam und bremsbereit nähern und vor der Überquerung nach rechts und links schauen müssen, ob vielleicht ein Zug kommt. „Aber da ist doch eine Schranke, geöffnet“, wende ich ein. Wieder dieses fast mitleidige Lachen des Fahrlehrers. „Schranken können auch mal versagen“, sagt er. „Das wäre es für Sie gewesen“

Dann das Rechtsabbiegen in Seitenstraßen. Ich habe mich dabei oftmals nicht extra umgesehen. Warum sollte ich auch, denke ich. Ich hatte ja bereits vorher durch Rückspiegel und Straßenbeobachtung festgestellt, dass weit und breit niemand zu sehen ist. Radler lässt das überhaupt nicht gelten. Der Schulterblick muss sein, basta.

Schritttempo ist kein Schneckentempo

Das Umsehen muss auch sein an der Pferdemarktkreuzung, wo ich nach links abbiegen soll. Obwohl die Linksabbiegerspur eigentlich nur die Fortsetzung der Spur geradeaus ist, hätte ich per Schulterblick prüfen müssen, ob mich gerade jemand links überholen will. „Da ist doch gar kein Platz zum Überholen und außerdem Gegenverkehr.“ Gilt wieder nicht: „Idioten gibt es immer, also immer umgucken“, so Radler ganz entschieden.

Auch mit meiner Tendenz, in der Bäckerstraße nicht im geforderten Spielbereich-Schritttempo zu fahren, ist er absolut nicht einverstanden. Schritttempo bedeutet, unter zehn Stundenkilometer zu bleiben. „Die anderen fahren doch auch nicht im Schneckentempo“, sage ich. Diese Antwort allein wäre schon ein Grund zum Durchfallen gewesen. „Was andere falsch machen, spielt keine Rolle.“ Was zählt, ist, dass man rechtzeitig bremsen kann, wenn ein Kind auf die Straße läuft.

Sicherheit geht vor

Ich will nicht abweisen, was Ingo Radler mir geduldig erklärt. Er wirkt auf mich nicht wie ein Prinzipienreiter. Manchmal sieht er mich erstaunt an, als würde er sich ernsthaft Sorgen um meinen Fahrverstand machen.

Zum Beispiel, wenn ich frage, ob es nicht auch gefährlich sei, wenn ich so oft während der Fahrt über die Schulter blicken soll. In dem Moment würde ich ja nicht mehr geradeaus gucken. Er kann da nur den Kopf schütteln.

Ich sehe es ein, habe ich gesagt. Es war sehr lehrreich. Und doch bleibe ich etwas ratlos. Alle meine Freunde, ob jünger oder älter, bestätigen mir, auch sie wären durch so eine spontane Prüfung gefallen. Aber da kommt es wieder, dieses schlagende Argument: „Was andere falsch machen, spielt keine Rolle.“ Sicherheit geht vor.

Von Cornelia Kurth