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Rinteln Stadt Seniorin verletzt Pflegerin
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Seniorin verletzt Pflegerin
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20:30 24.05.2017
Symbolbild Quelle: dpa
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RINTELN

Das zeigt zumindest der Fall einer Pflegeassistentin aus Hessisch Oldendorf, die in einem Pflegeheim in Hameln arbeitet. Die junge Frau ist von einer an Demenz erkrankten 80-jährigen Seniorin geschlagen und dabei so unglücklich am Kiefer getroffen worden, dass sie noch heute mit den Folgen kämpft.

Es passierte in einer eigentlich ganz alltäglichen Situation: Die Pflegeassistentin duschte die Seniorin gemeinsam mit einer Kollegin und wollte die dafür in die Dusche eingesetzte Fußwanne wieder herausheben. Das sagte sie auch der Seniorin. Als die Pflegeassistentin die Fußwanne in der Hand hatte, schlug die Seniorin zu. Die Pflegeassistentin konnte dem Schlag nicht ausweichen oder ihn abwehren, weil sie gerade die Wanne in der Hand hatte.

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Kiefer verschoben

Im Laufe des Tages bekam die Pflegeassistentin erst Kopfschmerzen, später Ohrenschmerzen, dann Migräne. Die junge Frau arbeitete weiter und ging davon aus, die Beschwerden seien nur vorübergehend. Dem war nicht so. So suchte die Pflegeassistentin nach drei Wochen einen Arzt auf. Ein Hamelner Kieferchirurg stellte fest, dass sich durch den Schlag der Kiefer der jungen Frau verschoben hatte und wieder eingerenkt werden musste. Ein Fall für Orthopädie und Unfallchirurgie im Sana Klinikum in Hameln.

In der Folge wurde die Pflegeassistentin arbeitsunfähig geschrieben, trug lange Zeit eine Schiene im Mund, die verhinderte, dass ihre Zähne einseitig abgenutzt wurden. Da sie auch Schmerzmittel nehmen musste, konnte sie sechs Wochen lang nicht Auto fahren.

Ein Fall, der jetzt auf dem Schreibtisch des Rintelner Rechtsanwaltes Thomas Grell gelandet ist. Denn der Vorfall ist zwar unstrittig, eine entscheidende Frage aber nach wie vor ungeklärt: Wer zahlt den Verdienstausfall, also die Differenz zwischen Krankengeld und Lohn, wer die Kosten der Heilbehandlung, die von der zuständigen Berufsgenossenschaft nicht übernommen werden, wer die durch die Erkrankung entstandenen Kosten, wer ein Schmerzensgeld, das Grell vorläufig auf etwa 5500 Euro beziffert?

Haftpflicht verweigert die Zahlung

Für Grell zunächst logischer Ansprechpartner: die Haftpflichtversicherung der Seniorin. Doch die, erfuhr Grell in einem freundlichen Schreiben, fühlt sich keineswegs zuständig, denn „nach den gesetzlichen Bestimmungen ist derjenige, der sich „in einem die freie Willensbestimmung ausschließenden Zustand krankhafter Störung der Geistesfähigkeit befindet, nicht für einen Schaden verantwortlich, den er einem Dritten zufügt.“

Eine Antwort, die für Grell auch über den Fall hinaus Bedeutung hat. Denn das würde bedeuten: Es macht keinen Sinn, für an Demenz erkrankte Personen eine Haftpflichtversicherung abzuschließen oder eine bestehende weiter zu bezahlen. Grell sagt: „Stellen Sie sich vor, Sie gehen mit ihrer an Demenz erkrankten Mutter in die Stadt, die rempelt einen Radfahrer an, der stürzt, oder sie räumt im Supermarkt ein Regal aus. Dann bleibt ihre Mutter auf dem Schaden sitzen.“

Grell hält auch eine weitere Feststellung aus dem Schreiben der Versicherung für bedenklich: Eine angestellte Pflegekraft müsse eben „jederzeit mit einem aggressiven Verhalten“ von zu Pflegenden mit entsprechender Demenzerkrankung rechnen. Hier liege es „am Pflegeheim und den Pflegekräften, die Pflege so zu organisieren, dass den Gefahren, die die Demenzkrankheit bringt, entsprechend begegnet werde“.

Unfallversicherung auch keine Lösung

Fragt sich Grell: „Was soll das in der Praxis heißen?“. Dass das Pflegepersonal regelmäßig Judo trainiert? Senioren sediert werden? Wohl kaum.

Und Grell hat nach diesem Fall, dessen Schriftsätze bei ihm inzwischen einen Aktenordner füllen auch Zweifel, ob Pflegekräfte für solche Fälle über den Arbeitgeber angemessen abgesichert sind oder abgesichert werden können.

Zwar könnte eine Pflegekraft oder deren Arbeitgeber auch eine private Unfallversicherung abschließen. Doch die werde nur dann zahlen, wenn bei der Pflegekraft aufgrund des Unfalles eine Invalidität eingetreten ist. Ab welchem Grad und ab welcher Dauer hängt wiederum von den Versicherungsbedingungen ab. Ein „Rund-um-Sorglos-Paket“, sagt Grell, ist eine Unfallversicherung also für eine Pflegekraft auch nicht.

Ein weiterer wenig erfreulicher Aspekt: In einem Streitfall müsste man die pflegebedürftige Person, die einen Schaden angerichtet hat, gutachterlich untersuchen, um zu klären, in welchem Umfang, sie verantwortlich gemacht werden kann. Was weder im Sinne des pflegebedürftigen Menschen noch deren Angehörigen sein dürfte. wm