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Rinteln Stadt „Sie wollen es einfach nicht hören“
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt „Sie wollen es einfach nicht hören“
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22:45 27.02.2018
Thorsten Sievert kämpft für Ordnung
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RINTELN

Schon damals wanderte Sievert täglich eiligen Schrittes durch Rinteln, ein schlanker, sportlicher junger Mann mit pechschwarzen Haaren und leuchtend blauen Augen. Von jeher treibt ihn eine große Frage um: „Kann man nicht etwas dagegen tun?“ Gegen Unordnung nämlich – und Regelwidrigkeiten. Dagegen, dass Menschen ihren Müll nicht in den Mülleimer werfen oder Getränkeflaschen einfach irgendwo abstellen oder auf die Straße spucken. Und schon immer kam es vor, dass er sich damit Ärger einhandelte. Manchmal richtig üblen.

Wenn er über die Wälle der Stadt ging und aus vollem Herzen seinen Gesang ertönen ließ („Rote Rosen, o, rote Rosen!“), dann beobachtete er wie nebenbei, ob die Bewohner der Bürgerhäuser ihren Müll auch alle richtig rausgestellt haben und die Tüten ordentlich zugebunden sind, damit die Katzen nicht drankommen. Manchmal klingelte er an Haustüren, um die Anwohner aufgeregt, aber durchaus höflich auf Missstände aufmerksam zu machen. Die Reaktion war nicht immer freundlich, und schließlich merkte er selbst: „Die Leute wollen es nicht hören. Sie wollen es einfach nicht hören.“

Das mit dem Türenklingeln ließ er sein. Aber da war und ist ja noch das Schwimmbad, wo er helfen darf; und die Reithalle, mit seinem Lieblingspferd Lukas und dem Parkplatz, den er bei Turnieren kontrolliert. Und dann die Innenstadt, ein riskantes Terrain für Ordnungsrufe.

Vor vielleicht 20 Jahren fand man Sievert verletzt auf den Treppenstufen des Paulaner-Kellers. Er hatte drei Mädchen angesprochen, die vor ihm hergingen und eine Spur aus Müll hinterließen, Zigarettenkippen und Bonbonpapier. Das konnte er nicht ertragen: „Ihr dürft den Müll nicht auf die Straße schmeißen. Das ist strafbar. Ich kann das melden. Ihr müsst den Müll in den Mülleimer tun.“ Da schlugen sie ihn zusammen und ließen ihn liegen.

Die Presse berichtete darüber, es gab einen Prozess, und die Mädchen wurden schuldig gesprochen. Seine Mutter, eine unermüdliche Kämpferin für ihren Sohn, der als kleines Kind einen Autounfall mit einer schweren Kopfverletzung erlitt und seitdem geistig behindert ist, war ganz verzweifelt. „Wie oft hab‘ ich ihm gesagt, er soll die Leute nicht auf der Straße ansprechen“, hatte sie damals erzählt. „Thorsten, tu es nicht mehr, Junge! Merkst du denn nicht, wie sie dich beschimpfen? Es endet noch mal schlimm. Das hab ich ihm immer gesagt.“

Aber wo soll Thorsten Sievert hin mit seiner großen Frage: „Kann man da nicht was gegen tun?“ Er wurde älter, er wurde auch vorsichtiger. Er lernte, dass man besser nur liebenswürdigen Menschen von der Unordnung in der Stadt erzählt, statt die Verursacher direkt anzumahnen. Aber oftmals ist das kaum auszuhalten für ihn. Durch all die Jahre hindurch – seine einst schwarzen Haare sind schon längst ziemlich grau geworden – musste er immer wieder Beleidigungen und Schläge einstecken, erst recht, wenn er, der große Ordnungshüter, mal Mädchen ansprach, und die Jungs in der Nähe ihm dann deutlich zu verstehen gaben, dass sie das nicht dulden.

Sievert hat auch seine Unterstützer, so ist das nicht: Bürger, die ihn ein Stück durch die Fußgängerzone begleiten, sich seinen Kummer anhören oder sich freuen, wenn er erzählt, dass die Blumen in seiner Hand für die Mutter gedacht sind oder für die nette Reitlehrerin. Auch die Angestellten im Schwimmbad schreiten sofort ein, wenn es zu Konflikten kommt.

Und nicht zuletzt ist da die Rintelner Polizei. Thorsten Sievert weiß schon längst, dass sie ein Freund und Helfer ist. Unzählige Male hat er dort schon angerufen, und immer hört man ihm zu oder schickt eine Streife, auch wenn man oft schon ahnt, dass die genauen Umstände wohl nicht zu klären sein werden. „Die Kollegen wissen ja, wer Thorsten ist, und von seinem Handicap“, erklärt Dienststellenleiter Wilfried Korte. „Die Erfahrenen von uns geben das an die Jüngeren weiter.“ cok

Vor ein paar Wochen wurde Sievert wieder verprügelt, an der Bushaltestelle – der für ihn gefährlichste Ort in der Stadt, den er aber nicht meiden kann, weil er jetzt auf dem Dorf lebt. Der Busfahrer informierte die Polizei, die daraufhin, begleitet von Mitarbeitern der Schaumburger Verkehrsbetriebe, in Zivil im Bus mitfuhr, in der Hoffnung, auf die Übeltäter aufmerksam zu werden. Gefasst haben sie niemanden, aber doch dafür gesorgt, dass Thorsten Sievert sich nicht allein gelassen fühlt.

Wer Zeuge werde von verbaler oder körperlicher Gewalt gegen Sievert, solle die Polizei rufen, empfiehlt Korte. Und Busfahrer Thomas Liepa versichert, dass er und seine Kollegen ein Auge auf Sievert haben. Passanten, die Streit an den Haltestellen beobachten, könnten das jederzeit den Busfahrern sagen, betont er.

Thorsten Sievert wandert weiter durch die Stadt und hält die netten Leute an, um ihnen zu erzählen, was ihm wieder passiert ist. Oftmals erhält er den Rat, die „bösen Jungs“ einfach nicht zu beachten, ihnen aus dem Weg zu gehen. Das aber wird wohl niemals geschehen. Denn die Frage „Kann man da nicht was gegen tun?“, sie ist einfach noch nicht beantwortet.