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Rinteln Stadt Starke Gefühle beim Poetry-Slam
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Starke Gefühle beim Poetry-Slam
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17:16 21.02.2018
In seinem Beitrag verarbeitet Ayaz eigene leidvolle Erfahrungen.
In seinem Beitrag verarbeitet Ayaz eigene leidvolle Erfahrungen. Quelle: cm
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Rinteln

Oft sind es gerade die zusätzlichen Angebote, die schlummernde Talente ans Tageslicht bringen. Das Schöne: Bei den Bereichen Musik, Theater und Schreibwerkstatt, die am Rintelner Gymnasium ausdrücklich gefördert werden, profitiert auch die kulturell interessierte Öffentlichkeit vom Einsatz der Schüler und Lehrer. Die in diesem Rahmen entstehenden schulischen Veranstaltungen bereichern das städtische Kulturleben.

Eine Sechstklässlerin, die sich mit dem Thema „Gedanken“ auseinandersetzt, eine weitere, die Überlegungen zu ihrem „älteren Ich“ anstellt, von dem sie nur weiß, dass es kommen, aber nicht, wie es sein wird – wo, wenn nicht beim schulinternen Poetry-Slam, bekommt man einen Eindruck davon, wie klug und nachdenklich schon solch junge Menschen sein können.

Junge Poeten entwickeln sich weiter

Und wenn man bereits mehrere Veranstaltungen dieser Art besucht hat, dann kann man direkt mitverfolgen, wie sich die jungen Menschen Jahr für Jahr weiterentwickeln. Die Texte werden länger, komplexer. Poetische, sehr persönliche Bilder, die ihre Wirkung einer starken differenzierten sprachlichen Ausdrucksfähigkeit verdanken, flüchtige Assoziationen, wechselnde Ebenen und aufflackernde Emotionen, dabei den roten Faden doch immer im Blick. Autorinnen wie Laura und Meike nehmen ihr Publikum mit auf eine innere Reise. Streckenweise gleicht das Zuhören eher dem Lauschen einer Melodie. Man lässt sich einhüllen von Sprache, Rhythmus und Klang.

Genauso poetisch und zudem angereichert mit lautmalerischen Elementen kommt der Text von Daniela daher. Andere Vorträge wiederum vermitteln eindrucksvolle Einblicke in das Lebensgefühl von Jugendlichen heute. Beherrschend dabei: Die Sehnsucht nach Abenteuer, nach mehr/Meer (Luisa), nach Authentizität, starken Gefühlen, Lachen und Weinen (Pia).

Um das Anders-sein-Dürfen und um Mitgefühl für gesellschaftlich Geächtete wiederum geht es bei Lina, die ihre Geschichte im klaren Stil aus kurzen Hauptsätzen gestaltet.

Von der Liebe und von der Trauer

Überraschendes Ende beim Vortrag von Christin: Es ist die eigene Schreibblockade, der sie mal etwas sagen möchte.

Liebeserklärungen sind ein weiteres beliebtes Sujet bei den jungen Leuten. Schüchterne Anfänge, die mit dem Erkennen des Gegenübers beginnen (Miranda), mit allen Sinnen gelebte Liebe („Du schmeckst nach Schokolade“, Evelyn) oder Erotik pur („Er tanzt“, Elena). Die Palette der Blickwinkel ist weit.

Eine ganz besondere Liebeserklärung, nämlich die an ihren verstorbenen Vater, kommt von Lara. Ihre Trauer, über alles, was sie nicht mit ihrem Vater wird teilen können, „ich werde ihm nie sein erstes Enkelkind in den Arm legen“, berührt das mucksmäuschenstille Publikum.

Ironisch und witzig

Ebenso authentisch der Vortag von Ayaz, der Szenen aus seiner zerstörten Heimat, dem Irak, lebendig werden ließ, seine Flucht beschreibt und seine Sorgen und Ängste aufgreift.

Während die jungen Mädchen sich offensichtlich leicht tun, eigenen Gefühlen und der ganz persönlichen Wahrnehmung Ausdruck zu verleihen, scheinen sich die männlichen Jungautoren eher mit ironischen und witzigen Texten wohlzufühlen. Super vorgetragen: „Die Schläfer“ von Henning. Witzig und doch mit Tiefgang seine Beschreibung, wie die morgendliche Verschlafenheit zum großen Gleichmacher wird. Sie erfasst alle: „Homos und Heteros, Deutsche und Migranten.“ Die haben dann nur noch zwei gemeinsame Feinde: Lehrer und Streber!

Mehr Teilnehmer als Zeit

Auch der beliebte Selbstinszenierer Jakob schlägt neben aller Ironie nachdenklichere Töne an. Er erforscht, was denn da eigentlich hinter seiner „Lieblingssünde“, der Eitelkeit, steckt, und findet zu seiner Überraschung eine innere Stimme, wie sie wohl viele Menschen kennen. Diese flüstert beständig und tückisch: „Du bist nicht gut genug.“

Während die Texte der jungen Poeten stimmiger werden, kämpft der jährliche Poetry-Slam selbst noch um die passende Form. „Wir haben so viele talentierte Bewerber und möchten allen die Chance geben, einmal auf der Bühne zu stehen“, erklärte Lehrerin Kristina Rehr, die zusammen mit Markus Rass den Kurs begleitet. Allerdings habe die Erfahrung gezeigt, dass so ein typischer Slam-Ablauf, mit Zuschauerwertung nach jedem Vortrag, bei so dieser Teilnehmerzahl doch sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Ob der Verzicht auf die Publikumswertung, wie dieses Jahr ausprobiert, eine Lösung sein könnte, muss sich erst noch zeigen. Es geht dabei halt doch ein bisschen was von der typischen Slam-Atmosphäre verloren. cm