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Rinteln Stadt „Stehen vor völlig neuer Schulbildung“
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt „Stehen vor völlig neuer Schulbildung“
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21:36 21.01.2019
Herbert Habenicht wechselte im Jahr 2008 als Schulleiter an die Berufsbildenden Schulen Rinteln. Hier „ziehen alle an einem Strang“, zeigt sich Habenicht begeistert. Zu sehen ist er hier mit den Sekretärinnen der BBS, Heidrun Poock (von links), Birgitt Tadge, Silvya Lang und Katrin Bode.
Herbert Habenicht wechselte im Jahr 2008 als Schulleiter an die Berufsbildenden Schulen Rinteln. Hier „ziehen alle an einem Strang“, zeigt sich Habenicht begeistert. Zu sehen ist er hier mit den Sekretärinnen der BBS, Heidrun Poock (von links), Birgitt Tadge, Silvya Lang und Katrin Bode. Quelle: mld
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Rinteln

Habenicht könnte noch länger im Dienst bleiben, er ist nicht einmal 64 Jahre alt. Doch er sagt: „Es ist Zeit zu gehen.“ Denn die BBS stehen genauso wie alle Schulen vor gewaltigen Umbrüchen. Sie stehen vor Prozessen, die die Einrichtungen fünf, wenn nicht zehn Jahre oder länger in Beschlag nehmen werden und alles umkrempeln werden – von der Art des Unterrichtens über die Lehrpläne bis hin zur Aus- und Weiterbildung der Lehrer.

In Habenichts Augen ist es wichtig, dass dieser Wandel konstant von einem Schulleiter begleitet wird und es zu keinem Wechsel zwischendurch kommt. Also räumt er sein Büro Ende Januar. Sein Nachfolger steht noch nicht fest. „Das Verfahren läuft noch“, erzählt er im Gespräch mit dieser Zeitung – wegen umständlicher bürokratischer Wege länger, als es sein müsste. Kommissarisch wird sein Stellvertreter Günter Potthast die Leitungsaufgaben übernehmen.

Herkulesaufgabe

Welche Aufgaben sind es, denen sich die BBS und Schaumburgs Schulen insgesamt stellen müssen? Nummer eins, so Habenicht: die Digitalisierung. Digitale Inhalte müssen in die Lehrpläne integriert, Lehrer vernünftig geschult werden. Eine „Herkulesaufgabe“, sagt Habenicht, die teuer ist. Für mehr Geld muss sich die Schule jedoch nicht an den Schulträger, den Landkreis, wenden. „Das muss über die Politik kommen“, so Habenicht, also über das Land. Und hier hapert es seiner Meinung nach. „Dabei stehen wir an der Schwelle einer völlig neuen Schulbildung“, macht Habenicht die Dringlichkeit klar.

Nummer zwei: die Umstellung der BBS-Werkstätten auf Industrie 4.0. Dieses Schlagwort bezeichnet eine vernetzte, digitale industrielle Fertigung. „Das ist ein Zehn-Jahres-Projekt“, sagt Habenicht. Denn: Ganze Bildungsgänge – die BBS bieten über 30 an – müssen miteinander verzahnt werden. „Das geht bis hinein in die Altenpflege.“

Nummer drei: der Umgang mit einer komplett neuen Schülerklientel. Die Schülerschaft sei viel gemischter als noch vor einigen Jahren, so Habenicht. Es gebe ebenso jene, die überdurchschnittlich begabt und fleißig seien, wie jene, die „überhaupt erst ausbildungsfähig gemacht werden müssen“. Dadurch würden die Ansprüche an die Lehrer steigen. Außerdem würden sich Schüler häufiger beim Landkreis oder sogar beim Kultusministerium beschweren, wenn ihnen schulische Entscheidungen nicht passten.

Mehr Personal

Als größtes Problem bezeichnet Habenicht die Schwierigkeit, gutes Personal zu finden. Die Unterrichtsversorgung an den BBS liege grundsätzlich weit unter der von Gymnasium oder IGS – und in Schaumburg sogar noch unter 85 Prozent. Die Politik müsse dafür sorgen, dass die BBS mit genügend Personal versorgt werde, so Habenicht – zumal demnächst zahlreiche Kollegen pensioniert würden.

Dem IGS-Neubau in direkter Nachbarschaft an der Burgfeldsweide sieht der Noch-Schulleiter begeistert entgegen: „Drei Schulen an einem Standort, das ist der Idealzustand.“ Bereits jetzt gebe es enge Kooperationen – beispielsweise bilden IGS und BBS eine gemeinsame Oberstufe –, und die Zusammenarbeit werde sicher noch enger.

Elf Jahre lang ist Habenicht nun Schulleiter in Rinteln gewesen. Wie ihn diese Zeit beeinflusst hat? „Natürlich positiv“, sagt der 63-Jährige. Das verantwortungsvolle Arbeiten habe ihm wahre „Glücksgefühle“ beschert, erzählt er. Dies habe er vor allem auch einem sehr engagierten Team zu verdanken. „Das werde ich vermissen“, zeigt sich Habenicht emotional. Von Marieluise Denecke

Was macht ein Schulleiter im Ruhestand?

Eines steht fest: Nach seiner Verabschiedung am 29. Januar wird Herbert Habenicht sicherlich nicht langweilig werden. Der 63-Jährige aus Tündern wird in seinem Ruhestand zahlreichen Aktivitäten nachgehen. Er sitzt für die FDP im Hamelner Stadtrat, ist dort stellvertretender Fraktionsvorsitzender und sitzt im Ortsrat von Tündern. In seinem „Heimatort“, wie er sagt, leitet er außerdem den Kultur- und Heimatverein. Auf dessen Entwicklung mit derzeit 950 Mitgliedern – darunter 70 Kindern – ist er stolz. Er freue sich, hierfür jetzt mehr Zeit zu haben.

Entspannen kann er sich an der Seite von Ehefrau und Familie – er ist vor Kurzem zum zweiten Mal Großvater geworden – und bei seinem Hobby, dem Imkern. Alle neuen Kollegen, erzählt Habenicht, würden von ihm deshalb zur Begrüßung ein Glas voll selbst geernteten Honig bekommen. Außerdem interessiere er sich für Ahnenforschung und Astronomie.

Ursprünglich ist Habenicht studierter Diplom-Agraringenieur. „Ich dachte nie, dass ich Lehrer werden würde“, erzählt Habenicht lachend. Bereits drei Wochen später habe er in einem Fortbildungsseminar für Lehrer gesessen. Nachdem die erste Unterrichtsstunde danebengegangen sei, habe ihm die zweite Stunde bereits gezeigt, dass dies die richtige Entscheidung war. Nach seiner ersten Station an einer BBS in Stade wechselte er zur Lehranstalt in Hameln, die später zur Elisabeth-Selbert-Schule wurde. Diese gewann 2017 den Deutschen Schulpreis. Im Jahr 2008 kam er als Schulleiter an die gerade fusionierten BBS in Rinteln – „eine der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens“, wie Habenicht heute sagt. mld