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Rinteln Stadt Was ist geblieben?
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23:14 09.08.2019
Reinhold Koch Quelle: pr.
RINTELN

Rechnet man die privaten Investitionen dazu, kommt man auf die stolze Summe von rund 75 Millionen Euro, die in der Altstadt verbaut worden ist. Der glanzvolle Abschluss war der Umbau von Kloster- und Weserstraße zur Fußgängerzone.

Reinhold Koch ist einer der Väter der Stadtsanierung, der damals als Rintelns Baudezernent mit seinem Team umgesetzt hat, was vom Rat beschlossen worden ist. Koch ist seit 2013 im Ruhestand. Wer heute durch Rintelns Altstadt geht, sieht an vielen Ecken, was Koch so formuliert: „Stadtsanierung ist ein ständiger Prozess, der eigentlich nie abgeschlossen ist.“

Stadtsanierung, das bedeutete vor 40 Jahren für die Kernstadtbewohner rund um Markt und Kirchplatz vor allem Lärm von morgens bis abends, Staub und Dreck, Verkehrsbehinderung. Auch deshalb, weil parallel zum Umbau von Straßen und Häusern damals von den Stadtwerken alle Kanäle vom antiquierten Misch- auf das Trennsystem umgestellt und Versorgungsleitungen in den Straßen verlegt worden sind.

Koch erinnert sich noch heute daran, wie aufgebrachte Bürger vor seinem Schreibtisch gestanden und sich lauthals beschwert haben.

Das Wetter hat seine eigenen Regeln

Auch in der Verwaltung hätten damals manchmal die Nerven blank gelegen. Um Mitternacht nach einer Ratssitzung im Ratskellersaal habe er mit dem damaligen Stadtdirektor Heinrich Büthe auf einer Baustelle diskutiert, ob es überhaupt Sinn mache, im Winter weiterzubauen, oder man nicht besser auf frostfreie Tage warten sollte. Büthe sei so laut geworden, „dass ringsum das Licht anging, sich Fenster öffneten“, so Koch. „Das war für die Zuhörer wie Freilufttheater.“

Doch am Ende habe auch der stets ungeduldige Stadtdirektor eingesehen, dass sich Bauphysik und Wetter nicht an Ratsbeschlüssen und Terminplänen von Bauunternehmen orientieren würden. Als unumstößliche Regel habe nur gegolten: „Bis zur Herbstmesse muss alles zumindest so weit fertig sein, dass die Messe auch stattfinden kann. Das haben wir auch immer geschafft.“

Was damals wohl kaum jemand wusste: Koch stammt aus einer Arbeiterfamilie, hat Maurer gelernt, sich das Studium mit seiner Abfindung nach zwei Jahren Bundeswehr und Arbeit auf dem Bau finanziert. Dann hat er in Architekturbüros gearbeitet. Koch sagt heute, dieses ganz praktische Fachwissen, das er sich in dieser Zeit angeeignet habe, habe ihm bei der Stadtsanierung enorm geholfen. So habe er sich in die praktischen Probleme der Handwerker hineindenken und Lösungen vorschlagen können.

Ratskellersanierung bleibt in Erinnerung

Und noch etwas habe er gelernt, erzählt Koch: In einer Kleinstadt etwas zu verändern, das sei Dickbrettbohren. Man brauche einen langen Atem wie beim Marathonlauf, der Koch in seiner Freizeit durch viele Städte und Länder geführt hat.

In Bürgerversammlungen seien die Gefechtslinien stets klar gewesen: Die Verwaltung da oben auf dem Podium ist der Feind. Ihn habe deshalb oft überrascht, „wenn ich später Bürger auf der Straße getroffen habe, die sich dann durchaus von sachlichen Argumenten haben überzeugen lassen“. Im Rat dagegen habe es nie große Widerstände gegeben. Nie habe man so ausufernd über Projekte debattiert, wie das heute der Fall sei. Das sei damals ja auch schlecht möglich gewesen, denn für die Zuschüsse gab es eine Frist: „Wir mussten die uns zugebilligten Millionen pro Jahr verbauen. Sonst wäre das Geld weg gewesen. Das hätte eine andere Stadt bekommen. Doch wir haben es immer geschafft.“

Er frage sich manchmal, ob man heute noch so ein Projekt wie die Ratskellersanierung stemmen könne, so Koch. Mit Blick auf die Diskussion um den Brückentor-Komplex habe er da so seine Zweifel. „Der Ratskeller ist komplett entkernt worden, wir haben die Fassade ab- und wieder aufgebaut.“ Das sei planerisch wie baulich eine besondere Herausforderung gewesen.

Die Idee des Ratsherrn Kay Steding, am Brückentor die Blöcke nach ihrer Funktion zu trennen und einen Zugang zur Weser zu schaffen, sei zwar nicht neu, aber nach wie vor eine gute Idee. Bereits Architekt Friedhelm Wehrmann habe empfohlen, Hotel, Saal und Kaufhaus baulich zu trennen, den Komplex zur Weser offenzulassen. Und Koch ist auch der Meinung, dass man einen solchen Standort für einen Saal nicht ohne Not aufgeben sollte.

Bedenklicher Trend

Würde er heute etwas anders machen bei einer Stadtsanierung? Diese Frage, sagt Koch, könne man nicht eindeutig beantworten. Schon deshalb nicht, weil jede Zeit ihre eigenen Maßstäbe, Voraussetzungen und Möglichkeiten habe. „Wir hatten kein Internet. Wir haben Bücher gewälzt für Informationen, die man heute in Minuten bei Google abrufen kann. Meine Sekretärin war die Erste, die im Rathaus eine elektrische Kugelkopfschreibmaschine hatte. Fax war eine Sensation“, so Koch. „Dafür waren wir ein gutes Team mit guten Ingenieuren mit Tiefbauamtsleiter Helmut Leppin an der Spitze. Wir waren in dieser Zeit mehr draußen als am Schreibtisch. Das war Bauleitung im besten Sinn. Und ich habe mich in anderen Städten umgeschaut. Wir mussten ja nicht alle Fehler wiederholen.“

Als die Sanierung des Hotels Stadt Kassel angestanden habe, erzählt Koch, „sind wir mit Ernst Brand (dem damaligen Eigentümer, Anm. d. Red.) nach Bad Salzuflen gefahren.“ Dort sei ein vergleichbares Objekt umgebaut worden. „Auf der Rückfahrt waren wir uns einig: So machen wir das auch.“ Damals, sagt Koch, „waren wir froh, dass wir mit den Denkmalpflegern des Instituts für Denkmalpflege in Hannover kompetente Ansprechpartner hatten, mit denen wir auf Augenhöhe verhandeln konnten“. Für alle sei klar gewesen: „Historie und Moderne sind in der Stadtgestaltung kein Widerspruch.“ In Rinteln gebe es viele gelungene Beispiele dafür, wie das Museum oder aktuell den Neubau von Veit Rauch. „Eine moderne Umsetzung der Kleinteiligkeit historischer Gebäude“, so Koch.

Bedenklich finde er nur den Trend zu Zweckbauten, zum billigen Bauen. Billig sei ein Trugschluss, denn danach folge meist eine teure Bauunterhaltung.

Ein weiteres Problem sieht Koch in der immensen Zunahme des Autoverkehrs: Heute ersticke die Innenstadt im Blech. Koch sagt, vor 40 Jahren sei diese Verkehrsdichte nicht vorhersehbar gewesen. „Nur ein Familienoberhaupt hatte ein Auto. Heute fahren selbst Abiturienten mit eigenem Wagen zur Schule. Vier Fahrzeuge in einer Familie sind nichts Besonderes.“

Was wäre eine zukunftsweisende Entwicklung in der Kernstadt? „Wohnen“, sagt Koch, weil Bürger das wünschten und weil es ökonomisch wie ökologisch sinnvoll sei. wm