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Rinteln Stadt „Wir mussten ihn loslassen“
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt „Wir mussten ihn loslassen“
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23:09 26.04.2019
Carsten Kirchner, hier mit seiner Mutter Ursula, ist 50 Jahre alt und lebt in der Lebenshilfe Rinteln. Quelle: cok
RINTELN

Ursula Kirchner (72) und ihre Tochter haben es einfach getan, eine Anzeige aufgegeben für ihren Sohn und Bruder Carsten Kirchner. „Er ist ein fröhlicher, gerechter Mensch, der viel mitbekommt und immer weiß, wenn irgendwo was los ist“, heißt es darin. Carsten Kirchner ist 50 Jahre alt und lebt in der Lebenshilfe Rinteln. Das ist der schwierige Punkt.

Ursula Kirchner suchte keineswegs eine Frau für ihren Sohn. „Zuerst hatten wir eine kleine Anzeige geschaltet, die versehentlich unter der Rubrik ‚Bekanntschaften‘ erschien“, sagt sie. „Da hat sich gar keiner gemeldet.“ Ihre Tochter kam dann auf die Idee, das Internet zu nutzen und über die „Helferbörse Schaumburg“ von ihrem Bruder zu erzählen: Dass er im Rollstuhl sitze, körperlich und geistig eingeschränkt sei; dass er am liebsten überall dabei sein und Dinge unternehmen wolle, das aber nicht alleine könne. „Es wäre schön, wenn sich jemand finden würde, der mit ihm eine Runde spazieren geht, mit ihm in der Stadt bummelt oder vielleicht einen Film im Kino anschaut“, schreibt sie.

Bis jetzt ist es vor allem die Mutter, die solche Ausflüge mit Carsten Kirchner macht. Zudem besucht er die Eltern am Wochenende in Seggebruch. Doch nach und nach tritt ein, was wohl alle Eltern behinderter Menschen fürchten, nämlich dass sie irgendwann nicht mehr die Kraft haben, sich immer weiter um ihr Kind, das niemals wirklich selbstständig wird, zu kümmern.

Kirchner wehrte sich am Anfang gegen den Gesundheitszustand

Wie wichtig es ist, sich Hilfe zu suchen, hat Ursula Kirchner im Laufe des Lebens mit ihrem Sohn gelernt. Anfangs fiel ihr das sehr schwer. „Als Carsten noch ein Kind war, hatten wir lange die Hoffnung, dass alles gut werden würde, dass er doch noch gehen und sprechen lernen, in den Kindergarten gehen und die normale Schule besuchen könnte“, sagt sie.

Für sie war es ein Riesenschritt, einzusehen, dass ihr Sohn in der Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe am besten aufgehoben wäre. „Ich habe mich dagegen gewehrt, dass mein Kind für immer geistig behindert sein soll, und das war natürlich Unsinn. Alles geht viel besser, wenn man sich der Situation stellt, wie sie wirklich ist.“

Sie ging dabei aufs Ganze, bewarb sich bei der Lebenshilfe als Betreuerin und absolvierte eine Nachqualifizierung, bei der ihr die jahrelange Erfahrung mit ihrem Sohn angerechnet wurde. „Ja, ich habe gleichzeitig mit Carsten bei der Lebenshilfe angefangen.“ Ihre Aufgabe war es, mit den behinderten Kindern und Jugendlichen zu spielen, zu malen oder auch Theaterstücke einzuüben. Noch jetzt, im Rentnerinnenalter, gibt Ursula Kirchner über die Volkshochschule Kreativ-Kurse speziell für Menschen mit Behinderungen.

Platz in der Gesellschaft einnehmen

Als Carsten Kirchner erwachsen geworden war, galt es, einen nächsten großen Schritt zu machen. „Wir mussten ihn loslassen“, so Ursula Kirchner. „Genau so, wie auch andere Eltern ihre Kinder loslassen müssen, damit sie einen Platz in der Gesellschaft finden.“ So zog Carsten um in die Lebenshilfe an der Waldkaterallee. Er lebt dort seit mehr als 25 Jahren in einer Wohngruppe und arbeitetet in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen.

Er fühle sich dort sehr wohl, sagt seine Mutter. Allerdings hätten zu seinem Leben immer die kleinen Unternehmungen und die Wochenendbesuche bei den Eltern gehört. Es habe ihr mehr und mehr Sorge bereitet, dass er richtig traurig werden könnte, weil sie es nicht mehr schafft, so oft für ihn da zu sein. Deshalb also die Anzeige.

Die gute Nachricht: Der nette Anzeigentext hat viele Menschen interessiert. Zehn von ihnen haben mit den Kirchners Kontakt aufgenommen, und einige kommen tatsächlich dafür in Frage, mit Carsten Kirchner Rollstuhl-Spaziergänge und Stadtbummel zu machen, ihn ins Kino oder auf Veranstaltungen zu begleiten.

Wer in einer vergleichbaren Situation Hilfe sucht, kann sich auch an den Senioren- und Pflegestützpunkt Schaumburg in Stadthagen wenden. Von dort aus werden ehrenamtliche Alltagsbegleiter vermittelt. Kontakt: Telefon (05721) 703789 cok