„Wir verneigen uns“: 100 Schüler gedenken in Rinteln der Holocaust-Opfer
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Rinteln Stadt „Wir verneigen uns“: 100 Schüler gedenken in Rinteln der Holocaust-Opfer
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08:37 28.01.2020
Der zehnte Jahrgang des Gymnasiums Ernestinum gedenkt am Montag der Menschen, „die ihr Leben nicht mehr zu Ende leben konnten“, so Schulleiter André Sawade Quelle: Marieluise Denecke
Rinteln

Genau 75 Jahre ist es inzwischen her, dass das Vernichtungslager Auschwitz durch sowjetische Truppen befreit wurde. Auch in Rinteln haben die Menschen gestern dieses besonderen Tages gedacht.

Rund 100 Schüler des Gymnasiums Ernestinum sowie einige Bürger gingen ab 10 Uhr durch die Innenstadt, um an den dort verlegten Stolpersteinen Blumen und Kerzen niederzulegen. Außerdem erinnerten sie an die Lebensgeschichten der Menschen, an die die Steine bis heute erinnern.

"Weil er mitfühlt und vergibt“

Ernestinum-Schulleiter André Sawade zitierte beim zentralen Gedenken am Kollegienplatz zunächst Liedermacher Herbert Grönemeyer: „Und der Mensch heißt Mensch / Weil er irrt und weil er kämpft / Und weil er hofft und liebt / Weil er mitfühlt und vergibt“, heißt es in dessen 2002 veröffentlichtem Hit „Mensch“.

Mit ihrem Gedenken würden die Schüler an jene Menschen erinnern, „die ihr Leben nicht mehr zu Ende leben konnten“, so Sawade. „Wir verneigen uns heute vor den Stolpersteinen.“ Schüler legten außerdem in Anlehnung an jüdische Traditionen Steine an den kleinen Gedenktafeln aus Messing ab.

Dem Gegenüber mit Respekt und Würde begegnen

Doch nicht nur die Opfer des NS-Regimes, nein, auch die Täter seien nun einmal Menschen gewesen, fuhr Sawade fort. Daran sehe man: „Es ist ein schmaler Grat zwischen dem einen Menschen und dem anderen.“ Daraus könne man ableiten, dass man tatsächlich erst im Umgang mit anderen Personen zum Menschen werde.

Man müsse dem Gegenüber mit Respekt und Würde begegnen, nicht mit Hass und Ausgrenzung, um zum Menschen zu werden. Das fehle in Grönemeyers Text noch, so Sawade. An den Gräueln der NS-Zeit würden die heutigen Schüler keine Schuld tragen, ergänzte der Schulleiter. Jedoch liege es in ihrer Verantwortung, an die Zeit zu erinnern. Das gelte für „alle Deutschen“ ebenso wie für „die, die hier leben“.

Mehr dazu: So gedenken Nenndorfer und Rodenberger der Auschwitz-Befreiung vor 75 Jahren

Stolpersteine vom Kollegienplatz

Die Ernestinum-Schüler gedachten gestern unter anderem Julius Sundheimer, geboren 1895, der Mathematik und Physik am Rintelner Gymnasium unterrichtete und dort auch seine Frau kennenlernte. Während der Nazi-Herrschaft wurde er im Jahr 1933 mit einem Berufsverbot belegt, sodass er im Alter von nur 36 Jahren in Zwangsruhestand gehen musste.

Gemeinsam mit seiner Frau und dem vierjährigem Sohn Hans plante Sundheimer, Deutschland zu verlassen. Es kam jedoch anders: 1941 wurde die Familie ins Getto nach Riga deportiert. „Die Familie Sundheimer hat die Schoah nicht überlebt“, so der Schüler, der Sundheimers Lebensgeschichte vortrug.

Sein Stolperstein liegt am Kollegienplatz neben dem von Leo Schönfeld, „Bester seines Jahrgangs“, so eine Schülerin. Er arbeitete als Anwalt in Hannover, wurde dann ins Getto Theresienstadt deportiert und starb 1944 im Vernichtungslager Auschwitz.

Jährliches Gedenken

Dieses jährliche Gedenken organisieren Thomas Weißbarth vom Ernestinum sowie Kathrin Weißbarth vom Förderverein ehemalige Synagoge Stadthagen. Unter anderem auf ihre Initiative geht die Verlegung der Stolpersteine in der Weserstadt zurück. Seitdem gedenken sie der Holocaust-Opfer gemeinsam mit dem zehnten Jahrgang des Ernestinums, der das Thema im Fach Geschichte behandelt.

Dass solch ein Gedenken viel bewegen kann, zeigt die Reaktion einer Teilnehmerin. Als die Schüler an der Apotheke am Marktplatz vorbeilaufen, fällt ihr Blick auf die dort verlegten Stolpersteine; daneben brennt eine Kerze. „Ich bin hier so oft vorbeigelaufen“, sagt sie, „und habe nie gemerkt, dass hier Stolpersteine liegen.“ von Leah Marie Spenner und Marieluise Denecke

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