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Hagenburg Peter Walter aus Hagenburg: Ein Leben für das Ehrenamt
Schaumburg Sachsenhagen Hagenburg Peter Walter aus Hagenburg: Ein Leben für das Ehrenamt
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19:18 22.04.2019
Der Hagenburger Peter Walter ist seit rund 70 Jahren an verschiedenen Stellen ehrenamtlich aktiv. Ordner voller Unterlagen und Fotos zeugen von einem umtriebigen wie bewegten Leben. Quelle: tro
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Hagenburg

Peter Walter ist bestens auf das geplante Treffen vorbereitet. Stapelweise liegen Ordner, Unterlagen, Dokumente, Hefte, Urkunden, Notizen und Fotos sortiert auf dem Esstisch, dem Klavier und zwei Sesseln im Wohnbereich des Hauses, in dem der Hagenburger lebt. „Ich habe die ganze Nacht Sachen aufgeschrieben und rausgesucht“, sagt er.

Das viele Papier fasst nur grob zusammen, was Walter mit seinen 82 Jahren alles erlebt hat. Was sich wie ein roter Faden durch dieses Leben zieht: Stationen im Ehrenamt, ein gutes Dutzend Mal Engagement über das übliche Maß hinaus. „Keine Zukunft ohne Erinnerungen“, sagt er. Und von diesen Erinnerungen hat er viele prägende gesammelt.

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Auf der Flucht

Die Geschichten und Anekdoten, die er erzählt, sind sehr detailliert. Geboren wurde Peter Paul Walter in Breslau zur Zeit des Nationalsozialismus im Januar 1937 als zweitältestes von vier Kindern. „Ich bin ein Fluchtkind“, sagt er. „Wir mussten 1945 da weg. Da hieß es, die Kaiserbrücke solle gesprengt werden. Und weiter: Zieht euch was an und geht, in vier Wochen seid ihr wieder zu Hause.“ Daraus wurden dann aber viele Jahre.

Vor der Vertreibung ging Walter noch in Breslau in den Kindergarten und die Schule – und war schon in jüngstem Alter gezwungen, Verantwortung zu übernehmen. Als Siebenjährigem wurde ihm und seiner Mutter auferlegt, einen kriegsverletzten Soldaten zu betreuen. „Das war wirklich schwer. Er hatte seine Arme und Beine verloren, wir besuchten ihn jeden Sonntag im Krankenhaus, erst in Breslau, dann in Görlitz“, sagt Walter.

Am 22. Januar 1945 um 2 Uhr nachts musste die Familie dann aber vor der anrückenden Roten Armee flüchten. Über Bunzlau und das sächsische Pirna – nur 25 Kilometer von Dresden entfernt, erlebte er hier die Luftangriffe der Alliierten mit – kam Walter nach Schärding in Österreich, wo er auch das Kriegsende erlebte. „Wir haben uns durchgeschlagen und gerade so über Wasser gehalten. Als am 10. Mai die Amerikaner eingezogen sind, erschossen sich der Bürgermeister und seine Frau – und wir haben die Leichen gesehen“, berichtet er.

Kurz darauf musste Walter auch Österreich wieder verlassen und erreichte über Mandelsloh, wo er die verpasste Schulzeit aufholte, wieder Hannover: „Wir waren zwar stets arm, aber haben geholfen, wo immer es etwas zu verdienen gab. In Hannover absolvierte er eine Bäckerlehre. „Ich habe bei einem Meister in Linden gearbeitet, geschlafen, Prügel gekriegt und gehungert – der Alte war ein elender Hund, aber du warst ihm ausgeliefert“, sagt Walter. Dennoch schloss er die Lehre „gut“ ab, war stellvertretender Schulsprecher an der Berufsschule. Immer hatte Walter auch als Backmeister beim Backtag in Auhagen Spaß an der Tätigkeit.

Dennoch landete er kurz darauf bei Volkswagen, zunächst am Band, T1-Fertigung. „Du hast als Bäcker kein Geld gekriegt, aber ich war es gewohnt, im Akkord zu arbeiten“, sagt Walter. 40 Jahre machte er bei VW voll, in verschiedensten Funktionen. Unter anderem setzte er sich als Vertrauensmann der Gewerkschaft IG Metall für Mitarbeiter ein. 1978 lernte er auf der Betriebsrätekonferenz in Hannover sogar Bundeskanzler Helmut Schmidt kennen, dessen persönlicher Fluchtweg-Ordner er an jenem Tag war. Walter kann einige solcher Anekdoten erzählen. Und so findet sich unter all seinen Papieren auch noch ein Autogramm des früheren Regierungschefs.

Im Dienste der Musik

Begleitet wurde das Leben Walters immer auch von Gesang und Musik. „Durch meinen Stiefvater bin ich Klassiker geworden. Wir hatten ein Blaupunkt-Radio in der Küche, da habe ich gelernt, Opern von Operetten zu unterscheiden“, erinnert er sich. Im Chor der Kirche in Mandelsloh begann er als Tenor, 1965 trat er in den großen Männerchor Hannover-Bothfeld ein, wo er Liedervater, Notenwart, Stimmführer und Solist war.

Vier Jahre später wurde Walter von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover aufgenommen und für den Laienopernchor in Gesang und Schauspiel ausgebildet. Er sang im Polizeichor, im Hannoverschen Konzertchor, in Chören in Wunstorf und Schaumburg. Er war Chef – und ist mittlerweile Ehrenvorsitzender – des Sängerkreises Hannover, war Beirat und im Vorstand des Chorverbands Niedersachsen-Bremen. Auch während des Gesprächs stellt er immer wieder seine Textsicherheit unter Beweis, singt Zeilen aus dem Wildschütz, aus Orpheus oder dem Barbier von Sevilla. „Ich habe der Musik mit vollem Herzen gedient“, sagt Walter.

Doch was bewegt ihn zu so viel Engagement? „Es war mir immer eine Sache, meine Menschlichkeit zu bewahren. Mutter hat uns so erzogen, der Krieg und die Flucht so geprägt.“ Darum ist Walter, den vor 26 Jahren die Liebe nach Hagenburg verschlug, auch heute noch engagiert. Seit eineinhalb Jahren setzt er sich im Seniorenbeirat der Samtgemeinde und als Sicherheitsberater für Senioren in Wunstorf für die Belange der älteren Generation ein. „Das Ehrenamt geht weiter – bis dass der Tod uns scheidet.“ Dank des Engagements habe er ein erfülltes Leben. „Es hält mich lebendig und macht Spaß. Darum würde ich auch alles nochmal so machen.“

Von Thomas Rocho