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Seeprovinz Steinhuder Meer: Wer liegt im Grab von Kenneth Godwin?
Schaumburg Sachsenhagen Seeprovinz Steinhuder Meer: Wer liegt im Grab von Kenneth Godwin?
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22:17 04.10.2019
Ausblick auf den Absturzort: der Australier Ken McKeown auf dem Hagenburger Steg. Quelle: jpw
Seeprovinz

Bei einer Sondenfahrt vor rund zwei Jahren waren Triebwerkteile des Flugzeuges geborgen worden. Damit besteht jetzt Sicherheit über die genaue Absturzstelle. Noch immer hofft die Familie in Australien auf letzte Klarheit über den Verbleib des Onkels. Nach den neuesten Erkenntnissen will McKeown mithilfe der australischen Militärbehörden nach der Rückkehr in seiner Heimat noch einmal aktiv werden: Ein DNA-Abgleich von Knochen, die 1951 bei einer Teilbergung der Maschine gefunden und auf dem englischen Friedhof in Seelze beigesetzt worden sind, könnte zeigen, ob Godwin zum Zeitpunkt des Absturzes noch in der Maschine gesessen hat.

Der 77-jährige Ken McKeown hat während seiner Europareise, die ihn zunächst zu seiner Tochter nach London führte, auch besagten Friedhof besucht. Dort stehen für drei Flieger der insgesamt siebenköpfigen Besatzung Grabsteine, einer davon trägt den Namen seines Onkels: Kenneth James Godwin.

Teilbergung schon in den fünfziger Jahren

Mit dem Hinweis auf dieses Grab sind vor vielen Jahren bereits die Suchanfragen von Godwins Mutter von den australischen und britischen Militärbehörden abgeschmettert worden. Mitte der fünfziger Jahre schlug die britische Royal Air Force die Akten ihres Suchdienstes zu. Offiziell gab es zwar ein genaues Grab, aber keine exakte Absturzstelle und sich widersprechende Nachrichten rund um die letzten Minuten an Bord der Avro-Lancaster – in einigen offiziellen Unterlagen gilt Godwin als vermisst.

Erst rund 70 Jahre später brachte die Sondierung am Steinhuder Meer genauere Erkenntnisse über den Absturzort. Und mit Erstaunen vernahmen die australischen Angehörigen erst jetzt, dass es offenbar auch mit Beteiligung der englischen Militärs bereits zu Beginn der fünfziger Jahre eine Teilbergung der Maschine gegeben hatte. „Wir haben uns mit Telegrafenmasten Flaschenzüge gebaut und alles aus dem trüben Wasser gezogen, was wir bekommen konnten“, erinnerte sich Klaus Gessert in einem Videointerview.

Knochen, an denen Aale hingen

Der heute 89-jährige frühere Hagenburger half als 18-Jähriger seinem Cousin Wilhelm Schaer, die Flugzeugteile aus dem Wasser zu bergen. Im Interview berichtete Gessert vom Heck der Lancaster, das aus dem Hagenburger Moor gezogen wurde. Aus einer „Kanzel mit einem Maschinengewehr“ im Wasser des Steinhuder Meeres bargen Schaer und Gessert Knochen mit Handschuhen, „an denen noch die Aale hingen“.

Für diese Knochen bastelten Gessert und Schaer in der heimischen Schmiede eine kleine Holzkiste in Form eines Sarges, legten auch die große Bordtaschenlampe des Flugzeuges, auf der die Zahl der Flüge der Maschine eingeritzt war, mit dazu und brachten sie zum Fliegerhorst.

Kurze Zeit später setzten die Briten den kleinen Sarg mit der Sammlung von Knochen auf dem Friedhof in Seelze unter dem Grabstein des Funkers Sergeant Blue Hennessy bei. Ken McKeown zeigt beim Gespräch die Fotos des Grabsteins von seinem Onkel auf dem Friedhof in Seelze und stellt die Frage: „Wer ist dort begraben?“

Wurde Godwin nach der Landung ermordet?

Möglich ist, dass die Aussage eines der beiden überlebenden Besatzungsmitgliedern Michael Wiggins zutrifft, der kurz vor dem eigenen Absprung aus der Maschine einen „leeren Pilotensitz“ gesehen hat und später berichtete, Godwin sei wohl nach seiner Landung ermordet worden.

Liegt er also doch in dem Grab? Nicht immer meldeten die Militärbehörden die genauen Todesumstände in die Heimat. „Die wollten wohl die Angehörigen schonen“, vermutet der Mann aus Sydney.

"Meinen Vornamen habe ich nach ihm"

„Meine Großmutter sagte, dass ich ihm als Baby ähnlich gesehen habe“, sagt McKeown, „und meinen Vornamen habe ich auch nach ihm bekommen.“ Der Australier hat sich für einige Tage im Wunstorfer Hotel „Burgmannshof“ einquartiert. Das geschichtsträchtige Haus aus dem 17. Jahrhundert begeistert ihn: „So etwas haben wir bei uns nicht.“

Die Zeit am Steinhuder Meer nutzt der passionierte Hobby-Flieger unter anderem für einen Besuch in der JU-52-Halle, lässt sich in Ruhe in einem Café am Rande des Wunstorfer Wochenmarktes nieder und bestaunt die Fachwerkhäuser der Innenstadt. Auch zum Hagenburger Steg am Seeufer und durch das Feriengewimmel in Steinhude führt ihn der Weg. Emotional wird noch einmal der Bootstrip zum Wilhelmstein: Vom Rand der künstlichen Insel aus geht der Blick über den See in Richtung Hagenburger Moor. Für Ken McKeown ist es die Möglichkeit, der Absturzstelle der Lancaster am nächsten zu kommen.

Von Jan Peter Wiborg