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Wölpinghausen Nazi-Vergangenheit: Wölpinghausen diskutiert über Fürst-Wolrad-Straße
Schaumburg Sachsenhagen Wölpinghausen Nazi-Vergangenheit: Wölpinghausen diskutiert über Fürst-Wolrad-Straße
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17:59 20.12.2019
Seit den späten siebziger Jahren trägt in Wölpinghausen eine Straße den Namen von Fürst Wolrad. Das passt nicht allen im Ort. Quelle: Jan Peter Wiborg
Landkreis

In Sachen Fürst-Wolrad-Straße herrscht in der Wölpinghäuser Politik offensichtlich keine Eile. In der jüngsten Sitzung des Rates hatte die Bürgerin Eva Gronkowski auf die Nazi-Vergangenheit des Namensgebers hingewiesen. Derzeit ist noch nicht abzusehen, ob und wie sich der Gemeinderat mit der Causa Wolrad auseinandersetzen wird.

Eine Umbenennung der Straße steht zum gegenwärtigen Zeitpunkt offenbar nicht zur Debatte.

Ab Januar wird über die Wolrad-Straße beraten

„Wir haben uns zu dem Thema noch nicht informiert“, sagt Bürgermeister Joachim Schwidlinski (SPD) in einer ersten Stellungnahme. „Aber natürlich werden wir uns darüber unterhalten“, ergänzt SPD-Fraktionssprecher Bernd Fröhlich. Er nennt einen konkreten Termin im frühen, neuen Jahr: „Die SPD trifft sich am 8. Januar, um einige Dinge zu besprechen. Dann steht auch das Thema Fürst-Wolrad-Straße auf der Tagesordnung.“

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Fröhlich wird nach eigenem Bekunden vorbereitet sein. Er hat nicht nur auf die Wikipedia-Seite zu Fürst Wolrad geschaut, sondern auch das Standardwerk „Schaumburger Nationalsozialisten“ zur Hand, das die Schaumburger Landschaft herausgegeben hat.

Auch Reinhard Türnau (Grüne) plädiert dafür, „das Thema erst einmal in die Fraktionen zu geben“. Später sollten sich die Fraktionen zusammensetzen und beraten. Unter Umständen könne es sinnvoll sein, den Rat eines auswärtigen Experten einzuholen.

Umbenennung in Graf-Wilhelm-Straße?

Ähnlich gelassen sieht Uwe Brinkmann die Situation, der für die CDU-Fraktion spricht: „Nach mehr als fünfzig Jahren müssen wir uns jetzt vielleicht auch nicht überschlagen.“ Auch die CDU-Ratsmitglieder werden ihre Auffassungen austauschen. Nach Brinkmanns Worten soll das bei der ersten Fraktionssitzung im neuen Jahr geschehen.

Brinkmann ist – wie die Ratskollegen – bemüht, erstmal sein Wissen zu mehren. Unter anderem hat er Artikel studiert, die sich grundsätzlich mit dem Thema „NS-belastete Straßennamen“ beschäftigen.

Für Brinkmann besäße die Idee „viel Charme“, aus der Fürst-Wolrad-Straße eine Graf-Wilhelm-Straße zu machen. So würde Wölpinghausen einen Vorfahren Wolrads in den Vordergrund rücken, der mit dem Ort wesentlich enger verbunden ist als Wolrad selbst. „Aber das ist nur meine persönliche Meinung“, schränkt Christdemokrat Brinkmann ein, „die will ich keinem aufdrängen.“

Wolrad-Bruder war für Nationalsozialisten "Türöffner" zum Adel

Schon vor 1933 waren die Brüder Wolrad, Stephan und Heinrich zu Schaumburg-Lippe dem Nationalsozialismus nicht abgeneigt. Das behauptet jedenfalls der Bielefelder Historiker Thomas Riechmann in einem Buch, das vor zehn Jahren erschienen ist. Riechmann hat sich in einem Aufsatz für das Buch „Schaumburger Nationalsozialisten“ mit Friedrich Christian zu Schaumburg-Lippe beschäftigt. Er zählt zu Wolrads Brüdern und gilt als einer der glühendsten Nationalsozialisten der Familie.

Friedrich-Christian fungierte nach Riechmanns Einschätzung in der Endphase der Weimarer Republik den Nazis als „Türöffner“ zum Adel. Später stieg er sogar zum Adjutanten des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels auf.

Aus wirtschaftlichen Gründen den Nazis gefolgt?

Es gibt ein zweites Buch, in dem sich Hinweise darauf finden welche Rolle Wolrad in der Zeit des Nationalsozialismus gespielt hat. Es heißt „Vier Prinzen zu Schaumburg-Lippe und das parallele Unrechtssystem“ (2006). Darin entwickelt der Jurist Alexander vom Hofe, Wolrads Großneffe, die These, dass Wolrad vor allem deshalb gemeinsame Sache mit den Nazis gemacht hat, um das Hausvermögen zu bündeln. Im Hintergrund stand offensichtlich ein Gerangel mit seinen Brüdern um das Erbe.

Das Buch „Schaumburger Nationalsozialisten“ ist eine Mischung aus kruder Anklageschrift und chaotischer Quellensammlung.

Thomas Riechmann , Historiker

Während einige Kritiker dem Autor vorwarfen, „Verschwörungstheorien“ zu verbreiten, zitiert der Bielefelder Historiker Riechmann in „Schaumburger Nationalsozialisten“ immerhin einige Stellen. Auch er wertet das Buch jedoch als „kaum ernst zu nehmend“. Es handele sich um eine „Mischung aus kruder Anklageschrift und chaotischer Quellensammlung“.

Bruder Adolf stirbt bei Flugzeugabsturz in Mexico

Vom Hofe versuche, so Riechmann, einen „fragwürdigen Zusammenhang zwischen dem NS-Engagement der Brüder und dem Unfalltod des Fürsten Adolf zu konstruieren“, um eine „Erbschaftsverschwörung“ nachzuweisen. Hintergrund: Im März 1936 kam Adolf zu Schaumburg-Lippe, Wolrads ältester Bruder, bei einem Flugzeugabsturz in Mexiko zu Tode.

Adolf war der letzte Fürst gewesen, der Schaumburg-Lippe regierte (bis 1918). Daraufhin rückte Wolrad an die Spitze des Hauses. Dennoch zog der Zweitgeborene nicht ins Bückeburger Schloss, sondern behielt seinen Wohnsitz im Schloss Hagenburg. Die „Dienstwohnung“ im Bückeburger Schloss nutzte er nur selten.

Aufstieg zum SA-Sturmführer

Wenige Wochen nach dem Tod seines Bruders – wir sind immer noch im Frühjahr 1936 – versuchte Wolrad seinen Eintritt in die NSDAP auf das Jahr 1928 vordatieren zu lassen. Offenbar wollte er sich so eine niedrigere Mitgliedsnummer verschaffen, um bei der Parteileitung zu punkten.

Aus dem Hagenburger Schloss zog Wolrad auch dann nicht nach Bückeburg, als er die Leitung des Hauses übernahm. (Foto: Privat)

Schon 1929 hatte ihn sein Bruder Friedrich-Christian für den nationalsozialistischen Kampfbund angeworben; später trat er in die Sturmabteilung (SA) ein, 1938 stieg er zum SA-Sturmführer auf. Von 1940 bis Sommer 1942 war er im Range eines Majors in der Militärverwaltung des Generalgouvernements in Krakau und Lemberg tätig (Oberfeldkommandantur 365).

Krakau und Lemberg lagen außerhalb des Gebietes, in dem das deutsche Heer stand.

So ging es für Wolrad nach dem Weltkrieg weiter

Nachdem die Alliierten in das Schaumburger Land einmarschiert waren, internierten sie Wolrad im Schloss Hagenburg. Bis April 1947 hielten sie ihn unter „beschränkter Bewegungsfreiheit“. Der Entnazifizierungsausschuss, der in Stadthagen tagte, entschied 1949, Wolrad als „Unterstützer des Nationalsozialismus“ in die Kategorie IV einzustufen.

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Im Juni 1962 starb Wolrad in einem hannoverschen Krankenhaus an den Folgen eines Schlaganfalles. In Wölpinghausen erzählt man sich heute noch, wie der Sarg vom Schloss Hagenburg nach Bückeburg überführt wurde, wo Wolrad im Mausoleum seine letzte Ruhestätte fand.

Auf dem Sattel der Rehburger Berge, mitten in Wölpinghausen, soll der Trauerzug angehalten haben, damit Wolrad symbolisch einen letzten Blick über das Schaumburger Land werfen kann. Dies soll später in den siebziger Jahren auch der Grund dafür gewesen sein, dass die Straße nach Fürst Wolrad benannt wurde. von Jan Peter Wiborg

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