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Stadthagen Stadt Das Fass nicht zum Überlaufen bringen
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Das Fass nicht zum Überlaufen bringen
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16:50 22.03.2019
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Symbolbild Quelle: dpa
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Stadthagen

„Die Hemmschwelle für Aggression ist nicht generell gesunken“, betont die Stadthäger Diplom-Psychologin Lea Dohm. Man dürfe ein subjektives Bedrohungsempfinden nicht mit Tatsachen verwechseln. Dass die Zündschnur bei einigen Menschen jedoch so kurz sei, könne unter anderem in der Kindheit und dem sozialen Umfeld begründet sein.

Die Ursache für solche Ausschreitungen wie bei den Massenschlägereien unter Jugendlichen in Stadthagen sieht Dohm vor allem im familiären Umfeld. Es ist empirisch erwiesen, dass Kinder, die in der Kindheit Gewalt erfahren haben, ein mehr als vierfach erhöhtes Risiko haben, später kriminell zu werden. „Das ist enorm viel“, sagt die Diplom-Psychologin. Eltern haben eine Vorbildfunktion.

„Menschen, die aggressiv reagieren, sind meist selbst unter hoher Anspannung“, erklärt Dohm. „Das bringt das Fass schnell zum Überlaufen.“ Da sei es wichtig, dass Konfliktlösungsstrategien erlernt wurden, „also wie hält man Konflikte aus oder löst sie mit Worten“. Zudem spiele die sogenannte Affektregulierung eine wichtige Rolle: Das bedeute, dass man Strategien hat, um in schwierigen Situationen „die Fassung zu bewahren und Konflikte auf respektvolle Art und Weise zu lösen“. Im Hinblick auf Gewalt gegen Rettungskräfte seien außerdem häufig auch Alkohol und Drogen im Spiel.

Ursachen in der Kindheit

Gewalttätige Menschen leiden Dohm zufolge oftmals an psychischen Problemen aufgrund von Gewalterfahrungen oder emotionaler Vernachlässigung in der Kindheit. Und genau dort müsse angesetzt werden, um Ausschreitungen zu verhindern: „Wir müssen mehr für die Kinder- und Jugendhilfe tun.“

Unterschiedliche kulturelle Hintergründe würden ebenfalls eine Rolle spielen. „Integrationsarbeit ist sehr wichtig.“ Diese Erfahrung habe sie auch bei ihrer Arbeit gemacht: „Sobald sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen persönlich kennenlernen, gibt es keine Probleme.“

Einen Faktor, den auch Polizeisprecher Axel Bergmann im Zusammenhang mit Gewalt und Respektlosigkeit anspricht: Das Problem liege ein stückweit in der familiären Sozialisation begründet. „Aufgrund unterschiedlicher Erziehung und oftmals auch unterschiedlicher kultureller Hintergründe wissen einige, die hier vorherrschenden Werte und Prinzipien nicht so zu schätzen.“ Er habe die Erfahrung gemacht, dass Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber Polizisten häufiger bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund auftrete.

Mehr Prävention und Integration

Die Polizei könne bei solchen Ausschreitungen unter den rivalisierenden Gruppen jedoch nur ein Teil der Lösung sein. Zumal es sich im konkreten Stadthäger Fall nicht um einen ideologischen Hintergrund handelte, sondern um einen Beziehungsstreit, der eskaliert war. „Wir können nur so etwas wie eine Feuerwehrfunktion einnehmen.“ Die Beamten würden, wenn etwas passiere, ausrücken und versuchen, den Vorfall zu unterbinden. „Damit packen wir das Problem aber nicht an der Wurzel.“ Den größten Beitrag zur Lösung müssten Institutionen leisten, die für die Prävention und Integration verantwortlich sind. Daher sei die Polizei nach den Schlägereien auch auf die Stadt und den Landkreis zugegangen, um die entsprechenden Stellen – Jugendarbeit, Integration und ehrenamtliche Prävention – einzubeziehen.

Wie berichtet, ist das Thema unter anderem an den städtischen Präventionsrat und die Integrationsbeauftragte herangetragen worden, die zur Aufarbeitung der Ausschreitungen beitragen sollen.

Von Tina Bonfert