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Stadthagen Stadt Ex-Bundespräsident Christian Wulff zu Gast in Stadthagen
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Ex-Bundespräsident Christian Wulff zu Gast in Stadthagen
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09:51 01.11.2019
Die Bänke der St.-Martini-Kirche in Stadthagen sind beim Besuch von Christian Wulff gut gefüllt. Quelle: Roger Grabowski
Stadthagen

Zutiefst beeindruckt hat sich Christian Wulff, der ehemalige Bundespräsident, von der Veranstaltung „Religion und Demokratie“ in der St.-Martini-Kirche gezeigt.

Landesbischof Karl Hinrich Manzke und Superintendent Martin Runnebaum, die Landrat Jörg Farr und den Landkreis an ihrer Seite wissen, konnten am Vorabend des Reformationstages eine große, multikulturell gemischte Gemeinde begrüßen, darunter nicht wenig einheimische Prominenz und als Landtagsabgeordnete die Sozialdemokratin Thela Wernstedt.

Verschiedene Glaubensgemeinschaften sind dabei

Manzkes Wort von der „Einheit in der Vielfalt“ bewahrheitete sich bereits im musikalischen Rahmenprogramm mit Beiträgen aus der Jüdischen Kultusgemeinde, von zwei Schaumburger Jesiden, dem Trio Jennifer Klein, Ludowika Blume und Clara Kohlmeier und von Ulrich Meiers interkultureller Band. Stefan Disselkamps Gemeindejugendchor zeigte sich beseelt von den Versen: „In Gemeinschaft finden wir Gottes Frieden.“

Lutz Gräber, theologischer Referent der Landeskirche, konnte Vertreter verschiedener Glaubensgemeinschaften begrüßen, etwa von den Aleviten und der türkisch-islamischen Ditib-Gemeinschaft. Aus der Reihe der Beiträge stach die Schilderung der jungen Jesidin Rojina Haetho hervor, die die Flucht aus dem Irak nur knapp überlebte.

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Ihre Worte ließen innehalten: „Wir wollen nur leben. Wollen wir zu viel?“ Marina Jalowaja machte seitens der Jüdischen Gemeinde deutlich, dass man sich auch durch Anschläge wie den eines Rechtsterroristen in Halle nicht werde einschüchtern lassen.

Wulff: Beschämender Polizeischutz für jüdische Einrichtungen

Gastredner Christian Wulff äußerte seine Bewunderung für diese Haltung und nannte die Tatsache, dass jüdische Einrichtungen nur durch eine wachsame Polizei gesichert werden könnten, vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte besonders beschämend. Religiosität müsse freien Ausdruck finden, das garantiere das Grundgesetz.

Galerie: Fotos zum Wulff-Besuch in der St.-Martini-Kirche

Als Jurist hob Wulff das Prinzip des Minderheitenschutzes als Element der liberalen Demokratie hervor. Die Macht der Mehrheit finde ihre Schranken in Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Gegenseitiger Respekt sei auch von denen zu verlangen, die unterschiedlichen Religionen angehörten oder sich keinem Glauben verbunden fühlten. Auf der Basis der Verfassung forme der Gesetzgeber den geltenden Rahmen der multireligiösen Gesellschaft.

Zuversichtliche Perspektiven für 2040

Wulff gab sich überzeugt, dass man im Jahre 2040 in Deutschland voller Stolz auf das zurückblicken werde, was in den 25 Jahren zuvor erreicht worden sei. Die nicht unumstrittene Flüchtlingspolitik sei für ihn von Menschlichkeit, Maß und Weitsicht geprägt. Menschen, die aus Not gerettet wurden, siehe er dereinst beruflich aktiv in allen Bereichen der Gesellschaft – Worte, die Zuversicht versprühten.

Als ehemaliger Politiker weiß Wulff, dass sich aktuelle Wahlergebnisse wie die aus Thüringen ganz anders lesen lassen. Hier hofft der mit viel Beifall bedachte Redner auf die Kraft der Begegnung, auf offene Kommunikation und eine intensivierte Bildungsarbeit, wie sie etwa im vorgestellten Projekt „Spuren schreiben“ deutlich wird.

Die ein wenig überfrachtete Veranstaltung klang bei Speis und Trank harmonisch aus, als wäre das Kirchenschiff das „Weltcafé“. von Volkmar Heuer-Strathmann

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