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Stadthagen Stadt Selbstfindung in der Wüste
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Selbstfindung in der Wüste
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19:34 24.05.2018
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Stadthagen

Die asphaltierte Straße durch die kalifornische Wüste liegt unbarmherzig vor Lars Heurich. Sie scheint endlos zu sein. 130 Kilometer. Mit dem Auto kein Problem, mit dem Fahrrad auch zu schaffen, aber laufen? Bei Temperaturen um die 40 Grad am Tag und in der Nacht knapp über dem Gefrierpunkt. Und, da war ja noch ein quälender Aspekt: tausende Höhenmeter müssen die Läufer beim „Badwater Salton Sea“-Lauf in Kalifornien auch noch überwinden. Der Stadthäger Extremsportler hat jetzt bereits seinen fünften Lauf dieser Art erfolgreich absolviert.

Die Frage, warum er sich die Strapazen immer wieder antut, hat Heurich schon oft gehört. „Ich finde es spannend, die menschlichen Grenzen auszuloten. Wie es sich anfühlt, sich außerhalb der Komfortzone zu befinden“, sagt der 38-jährige Pilot. Er entdecke bei jedem extremen Lauf etwas Neues an sich. Er erreiche einen schwierig zu beschreibenden Zustand, den er jedoch als meditativ empfinde. Diese gehe mit einer inneren Zufriedenheit einher. Die Leere nach einem solchen (Wett)-Kampf mit sich und den äußeren Bedingungen sei befreiend. Man denke an nichts. Für Heurich stehe beim Laufen stets die Selbstfindung an erster Stelle und nicht der Sportgedanke. Die Zeit sei für ihn absolut zweitrangig.

„Ich habe ein Grundvertrauen entwickelt, was meinen Körper angeht“, sagt Heurich. Die ersten Kilometer seien noch leicht und jeder spüre die Energie im Körper. Spannend werde es ab Kilometer 100.

26 Stunden hat er für die kompletten 130 Kilometer durch die Wüste benötigt. Neben der langen, stets geradeaus führenden Straße müssen die Extremsportler auch zwölf Kilometer auf einem sandigen Pfad mit Geröll zurücklegen. Die Muskulatur verkrampfe, vor allem in der Nacht bei den geringen Temperaturen und unangenehmen Windböen. Auch die strenge Monotonie der Wüste und der Landschaft sei zwischenzeitlich hart. „Man sieht Asphalt bis zum Horizont.“

Der Magen rebelliert

Da komme dann tatsächlich auch bei ihm der Gedanke: „Warum tu‘ ich mir das eigentlich an?“ Vor allem als sein Magen in der Wüste rebelliert und nur der Wille ihn zum Weiterlaufen bewegt. „In solchen Momenten ist das Laufen tatsächlich mehr Stress als Freude.“ Aber es sei interessant zu spüren, wie der Körper funktioniere und der Geist die Krisen bewältige. „Man wird durchaus launisch und es kommen Charaktereigenschaften zum Vorschein, die man eigentlich nicht von sich kennt“, sagt Heurich. Diese muss dann der Laufpartner aushalten, in diesem Fall Jan Seebode aus Ottensen. Beim „Badwater Salton Sea“-Lauf hat jeder Teilnehmer einen Mitstreiter an der Seite. Wie in einer Symbiose läuft das Paar vom Start bis ins Ziel, nie darf der Abstand mehr als 15 Meter zwischen den beiden betragen. Das sei aus Sicherheitsgründen so vorgesehen. Das gewährleiste – gerade bei der ziemlich einsamen Wanderung durch die Berge – dass niemand alleine ist. Während der Schwächephasen könne der Laufpartner zudem motivieren, das sei auch ein Vorteil einer Zweiergruppe.

Natürlich muss sich jeder Läufer für solch eine Strecke gewissenhaft vorbereiten. „Ich benötige etwa zwölf Wochen für die Vorbereitung“, erläutert der 38-Jährige. 100 Kilometer in der Woche lege er da locker zurück. Drei Mal in der Woche läuft Heurich um das Steinhuder Meer. „Meine Freundin begleitet mich mit dem Fahrrad.“ Das sei schön, denn ansonsten können die vielen Stunden Training auch einsam machen. In seinem Freundeskreis gebe es sonst wenig Extremsportler, schmunzelt er.

Beim „Badwater Salton Sea“-Lauf im April mussten immer wieder Läufer aufgeben, sie waren am Ende ihrer Kräfte. Die letzten Kilometer des Laufs sind beinahe unmenschlich: Am Ende wartet eine 20 Kilometer lange Steigung. „Das ist wirklich unglaublich. Man denkt, das endet nie.“ Und dann ist sie irgendwann da: die Ziellinie. Dann schwinden endgültig die zwischenzeitlichen Zweifel und das Glücksgefühl nimmt Körper und Geist ein.

Nach zwei Tagen sei sein Körper bereits wieder regeneriert, sagt der 38-Jährige. Eine ausgiebige Dusche und viel Schlaf benötige er aber schon nach der Tortur. Einige Wochen später kommen auch schon wieder die ersten Ideen für einen weiteren Lauf: Death Valley – das Tal des Todes steht noch auf seiner Liste. jemi