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Stadthagen Stadt „Große Sauerei“
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt „Große Sauerei“
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01:31 02.06.2018
Faurecia-Mitarbeiter kommen am Mittwochmorgen zur Arbeit – noch am Standort in Stadthagen.
Faurecia-Mitarbeiter kommen am Mittwochmorgen zur Arbeit – noch am Standort in Stadthagen. Quelle: rg
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STADTHAGEN

Bevor es von der Faurecia-Geschäftsführung noch keine offizielle Bestätigung für einen Abzug aus Stadthagen gebe, wolle er es auch nicht beschreien, sagt Betriebsratsvorsitzender Jürgen Bittner im SN-Gespräch. Aber eins sei klar: „Die Stimmung nach der Berichterstattung ist schlecht.“

Dies war gestern Morgen auch vor dem Firmengelände deutlich spürbar. „Ich habe heute Morgen aus der Zeitung davon erfahren, eine Information durch das Unternehmen gab es bislang nicht“, so ein Angestellter. Wie den SN aus Regierungskreisen bestätigt wurde, soll der Umzug des Autositzherstellers nach Marienwerder beschlossene Sache sein. Er befürchte, so der Mitarbeiter, dass der Abzug der Forschungs- und Entwicklungsabteilung nach Hannover nur den Auftakt darstelle: „Wenn ein solcher Prozess erst mal ins Laufen gekommen ist, ist anzunehmen, dass es bald zu weiteren Verlegungen dieser Art kommt.“

An solchen Spekulationen will sich der Betriebsratschef indes nicht beteiligen. Aber: „Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ist da.“ Für Bittner steht fest: „Es ist eine große Sauerei, wie das Unternehmen mit der Belegschaft umgeht.“

Mit VW-Abgasskandal "nichts zu tun"

Erst sei vollmundig versprochen worden, in Stadthagen zu bauen, diese Entscheidung sei dann aufgrund des Diesel-Skandals vertagt worden – so zumindest die Begründung von Faurecia. „Das hier hat mit dem Skandal aber nichts zu tun.“ Auch ein anderer Mitarbeiter zeigte sich gestern früh vor Arbeitsbeginn sichtlich genervt: „Erst hieß es, dass in Stadthagen gebaut wird. Zuletzt wieder, dass wir kurz vor Ostern informiert werden. Es kam aber nichts. Man hat uns zwei Jahre lang im Regen stehen lassen.“

Der Sprecher des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums, Eike Frenzel, sagte gestern Abend auf SN-Frage, dass sein Haus von Faurecia bislang keinen neuen Sachstand mitgeteilt bekommen habe. „Das Unternehmen hat uns aber bestätigt, dass in Kürze mit der Bekanntgabe einer Entscheidung zu rechen sei“, so Frenzel weiter.

Betriebsrat Bittner ist das Vorgehen der Geschäftsführung nicht nur ein Dorn im Auge – sie verstoße auch noch eindeutig gegen das Gesetz.

„Bei einer Teilverlagerung, wie sie Faurecia hier in Betracht zieht, handelt es sich um eine Betriebsveränderung. Und eine solche ist laut Gesetz mit dem Betriebsrat zu verhandeln – und zwar bevor eine Entscheidung getroffen wird, damit wir Nachteile für die Mitarbeiter ausschließen können.“ Deswegen habe er die Unternehmensleitung aufgefordert, sich zu diesem Vorwurf zu äußern. Bittner bedauert, dass der Gesetzgeber es versäumt habe, solch ein Vorgehen unter Strafe zu stellen.

Neben dem Aspekt der Verfahrensweise zähle für den Betriebsrat auch die Nachvollziehbarkeit des geplanten Umzugs. „Seitens des Betriebsrats bestehen erhebliche Zweifel, ob solch eine Entscheidung sachlich richtig ist.“ Schließlich verfüge der Standort Stadthagen über hoch qualifizierte Mitarbeiter in allen Bereichen und es sei nicht davon auszugehen, dass alle nach Hannover mitgehen würden. „Damit stellt sich die Frage, ob die von den Autoherstellern angeforderten Entwicklungsleistungen überhaupt noch erbracht werden können.“ Schließlich könnten sich gerade diese Kollegen, auf die Faurecia unbedingt angewiesen ist, ihren Arbeitgeber aussuchen.

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